Maler Karl Hofer in Halle: Kann es Schönheit und Wahrheit zugleich geben?

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Man kann die Biographie des Malers Karl Hofer als eine Folge von Schicksalsschlägen erzählen: Nach dem Tod des Vaters wuchs er zeitweise im Waisenhaus auf. Im Ersten Weltkrieg war er in Frankreich interniert, im Zweiten Weltkrieg verlor er sowohl sein Berliner Atelier wie auch sein Haus im Tessin. Ein Sohn verstarb im Säuglingsalter, ein zweiter wurde 1947 von einem Einbrecher erschossen. 1934 entließen ihn die Nazis aus dem Hochschuldienst, 1937 wurden 400 seiner Werke aus deutschen Museen entfernt. Seine erste Frau, die nach den Nürnberger Gesetzen als jüdisch galt, wurde in Auschwitz ermordet – durch den Verzicht auf die Scheidung im Jahr 1938 hätte er sie mutmaßlich schützen können. 1955 trat er als Direktor der Berliner Hochschule für bildende Künste im hoch politisierten Streit über die abstrakte Kunst zurück.

In Hofers Werken kommen diese Geschehnisse – wenn überhaupt – nur verrätselt vor. Seine Figuren führen ein Dasein jenseits persönlicher Daten und Befindlichkeiten. Legion sind die in sich gekehrten Mädchen, die jungen Paare und größeren Menschengruppen, die Maskeraden und Zirkusszenen, aber auch die farbenfrohen Tessiner Landschaften. Bei aller Flexibilität des Stils bleibt der Künstler dabei stets wiedererkennbar.

„Kassandra“ von 1936: Hofers Bilder waren prophetisch

Der lebensfrohen Zeitlosigkeit – um nicht zu sagen: Klassizität – seiner um die menschliche Gestalt kreisenden Malerei stehen die dunklen Symbolbilder aus den Zwanziger- und Dreißigerjahren gegenüber. Mit Recht kann man sie als Zeitkommentare und pessimistische Prophetien lesen, so etwa das „Selbstbildnis mit Dämonen“ von 1922/23 aus der Kunsthalle Karlsruhe, die Seherin „Kassandra“ (1936, Moritzburg Halle) oder den 2017 auf der Documenta ausgestellten „Mann in Ruinen“ von 1937 der Neuen Galerie Kassel.

Einen eigenen Kosmos stellt die Leipziger Sammlung Arthouse dar: Mit mehr als 200 Gemälden, zum Teil aus der Sammlung Rolf Deyhle übernommen, deckt sie die gesamte Spanne von Hofers Œuvre ab. Lange nur Insidern bekannt, hat sich das Sammler-Ehepaar Doris Apell-Kölmel und Michael Kölmel entschlossen, nach Paul Kleinschmidt (siehe F.A.Z. vom 7. April 2025) nun auch ein umfangreiches Hofer-Konvolut auf Tournee zu schicken..

Karl Hofers "Schießbude" von 1953 aus der Leipziger Sammlung Arthouse, die nun in Halle erstmals mit ihrem großen Konvolut des Künstlers auf den Plan trittKarl Hofers "Schießbude" von 1953 aus der Leipziger Sammlung Arthouse, die nun in Halle erstmals mit ihrem großen Konvolut des Künstlers auf den Plan trittSophia Kesting/VG Bild-Kunst, Bonn 2025

Den Auftakt macht die Moritzburg in Halle. Kuratorin Anke Dornbach konnte aus dem Vollen schöpfen und instruktive thematische Gruppen bilden. Obwohl die Chronologie hier nicht im Vordergrund steht, fallen doch die weniger bekannten Werkphasen ins Auge: Hofers Frühwerk, das um 1900 akademische Konvention und Italiensehnsucht verbindet, ist selten in solcher Dichte zu sehen. Auch die an französischer Kunst geschulten Motive von Hofers frühen Indienreisen entsprechen nicht dem gewohnten Bild. Und doch war es ein Gemälde aus dieser Zeit, das die Nazis 1937 im Rahmen der Aktion „Entartete Kunst“ aus der Sammlung der Moritzburg beschlagnahmten, nämlich das „Badende Hindumädchen“ von 1913.

Das Rückgrat der Schau sind die klassischen Hofer-Sujets wie das selbstvergessene „Mädchen in der Dachkammer“ (1935) oder das „Mädchen mit erhobenen Armen“ (1941). Latent bedrohlich wirken die „Harlekine“ mit ihren Masken (um 1923/24), während „Der Geburtstag“ (1943) alle Züge einer vorübergehenden Zweckgemeinschaft trägt. „Zwei Männer im Winterwald“ (1938) frappiert durch seine Anschlussfähigkeit an Themen wie Flucht, Vertreibung und Krieg: Mit ernsten Gesichtern kauern die beiden im verschneiten, undurchdringlichen Gehölz, namenlosem Unheil entgegenblickend.

Im Spätwerk glimmen die Farben wieder

Mit starken Arbeiten ist das Spätwerk vertreten, charakterisiert durch konturbetonte Figuren in leuchtenden Farben, mit zeittypisch kleinen Köpfen und überlangen Hälsen. Allen voran steht die enigmatische „Schießbude“ von 1953 – ein Hauptwerk, das mit seinem kulissenhaft gestaffelten Motivreichtum auf spätere Kunstströmungen vorausweist.

 Karl Hofers "Mädchen in der Dachkammer", 1935Die Melancholie der armen Poetin: Karl Hofers "Mädchen in der Dachkammer", 1935Sophia Kesting/VG Bild-Kunst, Bonn 2025

Die ebenso dichte wie durchdachte Hängung unterstützt die grundlegenden Thesen der Schau. So wird deutlich, dass Hofers viel kritisierte Motivwiederholungen Ausdruck einer intensiven Durcharbeitung des Materials auf dem Weg zum Gelingen sind, sofern sie nicht ohnehin der Wiedergewinnung kriegszerstörter Arbeiten dienen. Vergleiche mit abstrakten Gemälden Willi Baumeisters sowie mit Vertretern der Halleschen Schule, die in der Nachfolge Hofers stehen, runden den Parcours ab. Denn auch wenn er in der DDR unter das Formalismus-Verdikt fiel, wurde er unter dem Radar der offiziellen Kunstpolitik kontinuierlich weiter rezipiert – und zwar lange vor der Retrospektive zum 100. Geburtstag im Jahr 1978.

Der Katalog enthält grundlegende Beiträge zum Streit mit den Parteigängern der Abstraktion (Eckhart J. Gillen) sowie zur ostdeutschen Rezeption Hofers, besonders in Halle (Thomas Bauer-Friedrich). Dazu kommen Interviews mit prominenten Vertretern der Neuen Leipziger Schule, die Hofers Bedeutung für die gegenständliche Kunst von heute belegen. Es liegt nahe, aber wer hätte es gewusst: Im ehelichen Haushalt von Neo Rauch und Rosa Loy hängt eines von Hofers Mädchen-Bildern über dem Kamin.

Karl Hofer. Zwischen Schönheit und Wahrheit. Kunstmuseum Moritzburg Halle; bis zum 15. Februar. Der Katalog kostet 32 Euro.

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