Lust, Schmerz, Heilung: Die Spuren auf unseren Körpern

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In Roald Dahls Kurzgeschichte „Haut“ trägt ein Mann ein Tattoo auf dem Rücken, das ihm ein alter Freund gestochen hat. Es ist noch da, ein Frauenbildnis, unauslöschliche Erinnerung an die Zeit, als sie jung waren und liebten, aber die Freundschaft ist vergangen, der Tätowierer ein berühmter Künstler geworden und der andere, der Tätowierte, verarmt. In einer Galerie in Paris entdeckt er Bilder seines alten Freundes, er tritt ein, zeigt den anwesenden Sammlern seinen Rücken und spürt, wie sich sein neuer Wert bemisst. Sie wollen ihn kaufen, am besten nur den Rücken, die tote, abgezogene Haut.

Es geht hier um Macht, um Habgier, nachgeordnet aber auch um die Frage, wie man Tattookunst ausstellt, wenn nicht auf toter Haut. Als Dahls Text 1952 im „New Yorker“ erschien, war der Deutsche Herbert Hoffmann, ebenfalls Tattookünstler, schon dabei, auf seinen Streifzügen durch Nachkriegsdeutschland tätowierte Menschen zu fotografieren und ihre Lebensgeschichten auf Karteikarten zu schreiben. Ihm war die Haut nie mehr wert als der Mensch, deshalb wurden seine Fotografien so gut, man sieht ihnen die Hingabe an.

Teure Haut

Er fand sie auf der Straße, seine Modelle, oder er besuchte sie zuhause, wo sie sich für ihn auszogen, Schausteller und Arbeiter, Seemänner, sie krempelten die Hemden hoch und posierten vor ihm, ganz so, wie es ihnen gefiel, Körper mit den Inschriften des Kriegs, gebeugte Rücken, Bäuche, über die sich Dornen ranken. Der Glatzköpfige, dessen Körper ein feines Netz aus Blumen, Insekten, Elfen, Schuppen ziert. Viele Männer. Aber auch Hausfrauen. Die beiden Berliner, deren welkende Körper sich vor Hoffmanns Kamera zu einem Kunstwerk von großer Schönheit vereinen.

Später empfing Hoffmann seine Modelle in seiner Tätowierstube in Hamburg, der ersten in Deutschland. Wer heute noch ein Herbert-Hoffmann Tattoo hat, dessen Haut ist auch ganz schön was wert. Den Bildband „Bilderbuch Menschen“, der Hoffmanns Porträts zeigt, kann man auf Amazon nur noch gebraucht kaufen, er kostet 1147 Euro.

In den Opelvillen in Rüsselsheim wird diese Kunstform nun also in angenehmster Umgebung im Programm der Designhauptstadt Frankfurt Rhein-Main 2026 gezeigt, als Partnerveranstaltung der wirklich fabelhaften „Mishpocha“-Ausstellung im Jüdischen Museum Frankfurt. Beate Kemfert, die „Unter die Haut. Tattoos im Blick“ kuratiert hat, findet die Verbindung naheliegend, ist so ein Sozialmilieu der Tätowierten nichtauch genau das, eine große, vielstimmige Familie, eine Mischpoche?

Herbert Hoffmann, Emma & Oskar Manischewski, Berlin 1958.Herbert Hoffmann, Emma & Oskar Manischewski, Berlin 1958.Courtesy GRAUWERT Hamburg & Galerie Gebrüder Lehmann Dresden

Interessante Kontraste ergeben sich schon aufgrund der Örtlichkeit, zwischen dem leeren Vorplatz der Opelvillen, in den sauberen Gärten und den von Tattoos bewucherten Künstlern, die ein paar Tage vor Eröffnung durch die sehr weißen hohen Säle laufen. Eine weitere Herausforderung der Ausstellung von Tattookunst ist ja, dass der Körper Dimensionen hat, die ein Bild nicht zeigt. Der Künstler David Schiesser hat das bedacht und seine menschlichen Skizzen als lebensgroße Figuren aufstehen lassen, sie sind immer noch recht platt, biegen und wiegen sich aber als Stühle und Anrichten im Raum.

Schiesser, der sonst noch viel analog arbeitet, hat eine Website entwickelt, die an ein Computerspielszenario erinnert, man läuft die Haut tätowierter Menschen ab, die der Künstler mit einem 3D-Scanner in einen weißen Raum geladen und aneinander gefügt hat, der Eindruck ist faszinierend, der Körper als Landschaft, als unser Terrain, man möchte immer weiter wandern und entdecken, aber irgendwann seien die Datenmengen zu groß geworden, sagt Schiesser, das Projekt zu teuer, da habe er aufhören müssen.

Nebenan erscheint jetzt die Künstlerin Sarah Dubná, sie ist gerade erst aus Prag angereist. Meist arbeitet sie mit der Tattoonadel und Stoff, ein Streifen und Wischen, ein Kratzen und Durchstechen von Textilien, dann kommt die Farbe, füllt die Ritzen und Risse, und auf der Rückseite entsteht etwas Neues, das auch Dubná immer wieder überrascht. Der Eindruck ist einer von windiger Leichtigkeit, dabei verhandeln ihre Bilder Schmerz, Wut, hier und da auch Heilung. Dubná ist eine ernste junge Frau mit einem schönen, kantigen Akzent im Englischen, ihr eigener Hals, ihre Arme sind von diesen für ihre Arbeitsweise typischen schwarzen und roten Fäden überzogen, sie spricht von Bienengift und dessen Anwendung zu medizinischen Zwecken, und man möchte immerzu weiter starren, was für ein Abenteuer, diese Leute zu betrachten, die Spuren ihrer Kunst auf ihren Körpern.

Alessandro Veneruso, aus »Mapping Skins«, 2019Alessandro Veneruso, aus »Mapping Skins«, 2019Alessandro Veneruso

Im Nebenzimmer ist Alessandro Veneruso zugange, er hatte in Mailand eine Weile eine Residenz für Tätowierer und Künstler, eine Art Atelierhalle auch für Performances, in der spontan tätowiert wurde, Körper vermessen wurden. Nackt aufgereiht stehen die Künstler und ihre menschlichen Leinwände auf den Aufnahmen, die er zur Dokumentation der jahrelangen Kollaboration nach Rüsselsheim mitgebracht hat, die Arme verschränkt oder schützend um die Beine geschlungen, und plötzlich ist sie da, die Assoziation, weil nackte, dürre, mit Zahlen tätowierte Körper immer noch an die Lager, an Zwangsarbeit und Gaskammern denken lassen. Der polnische Videokünstler Artur Żmijewski hat diese Erfahrung, das in den Zahlen auf den Armen steckende Trauma nachgestellt, als er 2004 den damals 91 Jahre alten ehemaligen Auschwitz-Häftling Jósef Tarnawa überredete, sich seine Lagernummer nachstechen zu lassen, ein Film, den man nur mit stabiler Psyche erträgt.

Und dann ist man froh, neben diesem gut gelaunten italienischen Künstler zu stehen, der einem etwas über die Bedeutung von Instagram für die Vernetzung von Künstlern erzählt, mit hochgekrempelten Ärmeln und seinen unterhaltsamen Armen. Viele Tattookünstler, auch einige der in Rüsselsheim ausstellenden, kennen sich von den Performance-Veranstaltungen in Mailand, oder eben von Instagram, oder von Michele Servadios seltsamen Tattoozeremonien.

Die Essenzen der Kunst

Eine davon ist in den Opelvillen als Videoinstallation zu sehen, Servadio ritzt da auf einer Art Altar grob an einem Männerkörper herum, während mit jedem Nadelstich ein durchdringendes Scheppern ertönt, die in Klang verwandelte Vibration der Nadel. Die Brust des Opfers geht schnell und flatternd auf und nieder. „New ceremonies for contemporary bodies“ hießen diese Aktionen, hier wurden Körper im wahrsten Sinne neu beschrieben. Gewalt und sakrale Metaphorik, Lust und Erlösung, Zerstörung und Heilung, die Essenzen der Kunst.

Dann sind da ein paar Meter weiter glücklicherweise die beschwingten Mütter und Väter der politischen Tattooszene, Valie Export, die sich zum Zeichen der ständigen Überschreibung weiblicher Körper ein Strumpfband auf den Schenkel tätowieren ließ. Ruth Marten, die in den Siebzigern in New York tätowierte, als es noch verboten war, und nach Beginn der Aids-Epidemie keine Nadel mehr in die Hand nahm. Martens Stil, die Umdeutung traditioneller Darstellungen von Weiblichkeit in der typischen Motivik der Tattookunst, maritim, indogen, ornamental, er zeigt, wie spielerisch politisches Wirken in der Szene funktionieren kann.

Duke Riley, No. 465, 470, 471 of the Poly S. Tyrene Memorial Maritime Museum, 2025Duke Riley, No. 465, 470, 471 of the Poly S. Tyrene Memorial Maritime Museum, 2025Galerie Georges-Philippe & Natha Vallois

Bei Duke Riley ist es die Auseinandersetzung mit der menschlichen Verseuchung der Meere durch Plastik. Er ritzt nach dem Vorbild der Walfänger, die Zähne und Knochen mit Nadeln und Messern verzierten, in angeschwemmte Waschmittelflaschen und andere Plastikbehälter volkstümliche Szenen, die wie in einem „Finde den Fehler“-Bilderbuch Elemente der modernen Massenkultur enthalten, weggeworfene Mc-Donalds-Becher, Benzinkanister.

Am Ende zeigt sich, man kann eigentlich auf alles ritzen, Postkarten, Filmplakate, Vintagedrucke. Vor Ort lässt sich auch eine geschmackvoll tätowierte Urne bewundern. Die New Yorker Künstlerin Rita Salt hat einen Keramikkubus für die Schau „tätowiert“, als winziger Fernseher, der die Geschichte einer Verführung durch einen niedlichen, aber erkennbar durchtriebenen Teufel erzählt. Verführungen erlebt diese Kunstform aus dem Underground ja auch allerorts. Die Kommerzialisierung des Tätowierens schreitet voran, man muss sich dafür nur auf einer belebten Fußgängerzone umsehen. Immerhin: In dieser Schau entsteht der Eindruck, ihre Vertreter könnten befähigt sein, sich gegen die menschenfeindlichen Mächte der Welt zu behaupten.

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