Der Erfolg eines Schriftstellers wird nicht von seinem Werk bestimmt. Das muss zwar in der Regel (einigermaßen) gut sein. Aber die Qualität des Werks ist nicht das Entscheidende. Den Ausschlag gibt vielmehr der Kontext. Die Frage, ob das, was er zu sagen hat, in die Zeit passt. Ob es aktuell ist, den Zeitgeist trifft und eine bestehende Nachfrage bedient.
Dass diese Regel nicht nur für lebende, sondern auch für tote Schriftsteller gilt, beweist Stefan Zweigs postume Karriere in London. Die war sehr lange sehr unspektakulär. Bis der österreichische Autor in der vergangenen Woche endlich mit einer Gedenktafel an seinem ehemaligen Londoner Wohnhaus geehrt wurde, hat es ein knappes Jahrhundert gedauert. Es stellt sich also die Frage: Warum?
Warum hat es so lange gedauert, bis die Briten eine blaue Plakette für Zweig aufgehängt haben? Es gibt mehr als 1000 dieser Namensschilder in der britischen Hauptstadt; so exklusiv ist die Auszeichnung also gar nicht. Und warum passiert es ausgerechnet jetzt, ohne dass ein Jubiläum ansteht oder ein anderer Anlass zum Handeln zwingt? Die Antwort verrät viel über zeitgenössische Sorgen. Die Angst vor wachsendem Nationalismus geht zwar nicht nur in Großbritannien um, ist aber hier besonders akut. Schließlich ist England so etwas wie die Wiege des neuen Rechtspopulismus. Es war hier, dass der vermeintlich unaufhaltsame Fortschritt der westlichen Welt Richtung Globalisierung vor zehn Jahren aufgehalten wurde. Der Schock des Brexits war der Beginn einer neuen Ära, in der Freiheit und Offenheit plötzlich nicht mehr selbstverständlich sind – und in der Stefan Zweigs Werk wieder besonders relevant geworden ist.
Der erste bewusste Europäer
In der Zwischenkriegszeit gehörte Stefan Zweig zu den berühmtesten Schriftstellern der Welt. Seine Bücher, vor allem Novellen und populäre Biographien, waren Bestseller und in zahlreiche Sprachen übersetzt. Zweig, der Jude, erkannte dann früh die Zeichen der Zeit und ergriff die Flucht. Als er 1934 im Londoner Exil ankam, war er mitten in der Arbeit an seiner Biographie über Erasmus von Rotterdam. Das Buch wurde ein Plädoyer gegen Nationalismus, gegen Fanatismus und für ein Europa ohne Grenzen, vereint durch humanistische Ideale. Zweig bewunderte Erasmus als den „ersten bewussten Europäer“. Ausgerechnet hier hat Zweig also sein wohl politischstes Werk fertiggestellt. Es trägt denselben Namen wie das europäische Studienprogramm, aus dem Großbritannien mit dem Brexit ausgetreten ist.
Die Verbindung zu England war beiderseitig lukrativ: Zweig nahm die britische Staatsbürgerschaft an. Heute ist ein Großteil seiner Manuskriptsammlung – die Originale von Leonardo da Vinci umfasst, von Händel, Mozart, Napoleon und Hitler – im Besitz der British Library. Auf die Frage, ob sie die Sammlung stattdessen nicht Österreich schenken wolle, antwortete seine Nichte einst: „Daran würde ich nicht im Traum denken. Sie haben ihn schließlich vertrieben.“
Die Gunst wurde von London allerdings lange nicht erwidert. Schon zu Lebzeiten war der Österreicher hier weitgehend unbekannt. Als der Verlag „Pushkin Press“ Anfang dieses Jahrhunderts zahlreiche Werke neu übersetzen ließ, provozierte das einen so verächtlichen wie humorvollen Verriss in der „London Review of Books“, wie ihn wohl nur britische Kritiker verfassen können. Zweig wurde darin als trostloser, langweiliger, aufgeblasener „Kitschmeister“ bezeichnet, der seinen pathologischen Hang zu irrelevantem Schwafeln nie in den Griff bekommen habe. Als der Literaturwissenschaftler Rüdiger Görner kurz darauf den ersten Antrag für eine Gedenktafel stellte, entschied die Stiftung English Heritage, dass Zweig angesichts der „Uneinigkeit von Kritikern“ keine verdiene.
Beim zweiten Anlauf hat es nun geklappt. Das mag auch damit zusammenhängen, dass Zweig dem angelsächsischen Publikum in der Zwischenzeit über Wes Andersons Film „Grand Budapest Hotel“ nähergekommen ist. In erster Linie aber dürfte es am gewandelten gesellschaftlichen Klima liegen und an der neuen Angst vor alten Dämonen. So wie Zweig in den Dreißigerjahren auf Erasmus von Rotterdam zurückgegriffen hat, um Trost und Anleitung zu finden, greift die verunsicherte Gegenwart nun auf Stefan Zweig zurück. Altmodische Humanisten sind plötzlich wieder in.

vor 2 Tage
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