Löhne und Gehälter in Deutschland: Abstand zwischen Topverdienern und kleinen Einkommen sinkt

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Die Stundenlöhne in Deutschland sind auch im abgelaufenen Jahr gewachsen. Im zweiten Halbjahr verdienten Beschäftigte im Schnitt 25,88 Euro pro Stunde. Das waren 3,9 Prozent mehr als im Vorjahreshalbjahr. So geht es aus dem »Lohnmonitor« des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hervor, der dem SPIEGEL vorab vorlag. Dabei handelt es sich um Bruttostundenlöhne, also vor Abzug von Steuern und Sozialabgaben.

Die Löhne haben allerdings nicht für alle Gruppen gleichmäßig angezogen. Bemerkenswert ist insbesondere: Während lange Zeit vor allem Gutverdiener überproportional hohe Lohngewinne verzeichnen konnten, hat sich das Bild nun umgekehrt. Der Lohn, der gerade noch zum höchsten Zehntel der Lohnverteilung – Forscher sprechen hier vom »neunten Dezil« – zählt, stieg um 3,7 Prozent.

»Die Anreize für Ausbildung könnten sinken, wenn man in Helferjobs ohne Qualifikation schon vergleichsweise gutes Geld verdienen kann.«

IAB-Ökonom Enzo Weber

Deutlich größer war das Plus in der Mitte der Lohnverteilung, dem sogenannten Median. Er beschreibt das Einkommen, bei dem 50 Prozent der Beschäftigten weniger verdienen und 50 Prozent mehr verdienen. Der Median-Stundenlohn kletterte 2025 sogar um 5,2 Prozent. Anders gesagt: Die Lohnschere zwischen Toplöhnen und mittleren Verdiensten hat sich zumindest etwas geschlossen.

Die Datengrundlage ist die OPAL-Befragung  des IAB. Da die jüngste Befragung über das dritte und vierte Quartal 2025 lief, wird für Vorjahresvergleiche der Mittelwert aus denselben Quartalen 2024 herangezogen.

Akademiker-Löhne stagnieren

»Die Löhne sind heute nicht mehr so ungleich verteilt wie noch vor zehn Jahren«, sagt IAB-Ökonom Enzo Weber. Das zeige sich auch im Niedriglohnbereich. Dessen Umfang sei deutlich geschrumpft.

Auffallend ist der Vergleich zu 2024: Damals stiegen die Bruttolöhne deutlich kräftiger als 2025. Hintergrund dafür ist die Entwicklung der Inflation: Wegen der Teuerungswelle hatten die Löhne von 2020 bis 2023 deutlich an Kaufkraft verloren. In den Folgejahren stiegen die Löhne dann deutlich, die Inflationsverluste wurden weitgehend wettgemacht. Inzwischen pendelt die Inflation wieder um die Marke von zwei Prozent pro Jahr. Die Löhne müssen deshalb nicht mehr so stark steigen, um Kaufkraftverluste zu kompensieren. »Zudem ist die Produktivität seit Jahren nicht mehr gestiegen, das begrenzt mittelfristig die Möglichkeiten für Lohnwachstum«, mahnt Weber.

Besonders auffällig ist der schwache Anstieg der Bruttostundenlöhne von Beschäftigten mit Hochschulabschluss. In den vergangenen zwei Jahren stagnierten sie nahezu. Ende 2023 verdienten Akademiker im Schnitt 30,02 Euro pro Stunde, im zweiten Halbjahr 2025 waren es dann 30,92 Euro. Ganz anders hingegen hat sich die Lage für Menschen ohne Berufsabschluss entwickelt. In den vergangenen zwei Jahren kletterten ihre Bruttoverdienste von 15,68 Euro auf zuletzt 18,05 Euro. Dabei spielen auch die Erhöhungen des Mindestlohns eine Rolle.

Was für die Bezieher geringerer Einkommen ein Segen ist, könnte für Deutschland insgesamt mittelfristig aber eine Herausforderung werden. »Die Anreize für Ausbildung könnten sinken, wenn man in Helferjobs ohne Qualifikation schon vergleichsweise gutes Geld verdienen kann«, so Weber. Mittlerweile hätten bereits 13 Prozent der Erwerbspersonen unter 35 keine abgeschlossene Ausbildung, die Zahl wachse jedes Jahr. »Wir müssen also noch mehr für die Ausbildung tun«, fordert Weber.

Ein Hochschulstudium lohnt sich hingegen Fall weiterhin. Die Löhne in dieser Qualifikationsgruppe »liegen weiterhin mit Abstand am höchsten«. Zwar könnte es sein, dass KI eine Rolle bei der aktuellen Schwäche der Akademiker-Löhne spiele. Insgesamt biete ein Studium aber auch hier weiterhin eine gute Grundlage, rät Weber. Der Grund: Ein Hochschulstudium befähigt viel eher, sich auch den Veränderungen der Qualifikationsanforderungen anzupassen.

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