Lust an der Frechheit: Mal testen, wie Mama reagiert
Foto: DenKuvaiev / Getty ImagesDas finde ich einerseits erschreckend, andererseits sehr amüsant. Wer hat schon Logopädie, keine Ahnung von Grammatik, aber trotzdem ein Gefühl für sprachliche Wirkung?
Natürlich könnte es sein, dass unsere Tochter einfach alle Flüche aneinanderreiht, die sie irgendwo aufgeschnappt hat. Auf dem Schulhof oder neulich bei einer Kinderparty. Und – zugegeben – auch ich zische manchmal ein Wort mit »Sch« am Anfang. Auf jeden Fall hat meine Tochter ein Faible fürs sogenannte Trikolon, eine dreigliedrige Aufzählung. »Scheiße, Mann, Fuck!« habe ich sie neulich poltern gehört, als sie sich ärgerte. Und ich – die Journalistin und Mama, die das Kind zur Logopädie fährt – flötete aus dem Hintergrund: »Mist!«
Anscheinend spürt sie, worin die Kraft dieses rhetorischen Stilmittels besteht. Es heißt, damit werde der Eindruck von Vollständigkeit suggeriert, und die Drillingsformel sei besonders einprägsam. Tatsächlich ist die Botschaft überdeutlich, wenn mir meine Tochter ihre nackten Käsefüße entgegenstreckt, damit ihr die pflegende Angehörige in die Socken hilft. Ihre Begründung: »Bin schwach, platt, fertig.« Und weil sie weiß, dass sie im ganzen Satz antworten soll, schiebt sie hinterher, sauber artikuliert: »Ich bin schwach.« Woraufhin die pflegende Angehörige – immer bemüht den Wortschatz zu erweitern – korrigiert: »Du bist nicht schwach, sondern faul.«
Wenn es gut läuft, lachen wir beide. Wenn es schlecht läuft, höre ich wieder etwas Sprachgewaltiges. Oder sie beginnt zu fauchen. Wobei ich bisher nicht erlebt habe, dass meine Tochter von Angesicht zu Angesicht beleidigt. Noch nicht. Denn sie scheint gerade zu üben. »Du Püps!«, sagte sie neulich mit verschmitztem Grinsen zu mir und wollte mal testen, wie ich reagiere. Was ich tat – mit ernstem Gesicht und strenger Stimme. Sofort lenkte meine Tochter ein: »Na gut, du Huhn!« Und unterbreitete mir kichernd weitere Vorschläge: »Du Zitrone! Du Schnitzel! Du Pfannkuchen!« Was mich an eine bestimmte Stelle aus dem »Conni«-Buch erinnerte, das ich ihr oft vorlese.
Manchmal aber muss ich grübeln, woher die Begriffe stammen, die plötzlich im Wortschatz meiner Tochter auftauchen. »Ach, Papa!«, flötete meine Tochter neulich beim Abendbrot und drückte sich an ihn. Flöten kann sie nämlich noch besser als fluchen. Nachdem sie seine Frisur gelobt hatte (»Sieht toll aus!«), ging sie zu den inneren Werten über: »Papa – goldig, mutig und lieb!«
Das finde ich sowohl sprachlich als auch inhaltlich sehr gelungen, auch wenn mir erst nach Längerem einfiel, woher das »goldig« kam: von der netten Frau an der Wursttheke, die ihr immer eine dicke Scheibe Lyoner abschneidet. So schneidet sich unsere Tochter mit Downsyndrom überall eine Scheibe ab, ob man will oder nicht. Deswegen ermahnen mein Mann und ich uns jetzt gegenseitig, wenn wir merken, dass sich ein »Sch«-Laut anbahnt. Wie kann man nur als Sprachvorbild lustvoll fluchen? Uns fällt nichts Gescheites ein, verdammt!
Wissen Sie noch das lustigste Schimpfwort Ihres Kindes? Und wie halten Sie es in Ihrer Familie mit dem Fluchen? Was geht, was geht gar nicht? Schreiben Sie mir gern Ihre schönsten Fluchgeschichten an familiennewsletter@spiegel.de !
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Foto:Maskot / Getty Images
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Mein Moment
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Nun, jetzt ist sie bald 19 Jahre alt (...) Der Weg war nicht leicht. Sie kann und erreichte mehr, als ich befürchtete, sie erreichte weniger, als ich erhoffte. Doch sie scheint glücklich zu sein. Und hätte ich bei ihrer Geburt gewusst, wie sie jetzt ist, dann hätte ich relativ entspannt alle Aufgaben und Hürden genommen. Doch ohne Prognose bestand das Erwachsenwerden aus immerwährendem Bangen, ob der Weg (Therapien, Unterstützung, Betreuung …) der richtige ist.
Beste Grüße und Kraft und Unterstützung an alle Eltern von Kindern mit besonderen Bedürfnissen!«
Diesen Wünschen kann ich mich nur anschließen. Bis zum nächsten Mal!
Herzlich,
Ihre
Sandra Schulz

vor 2 Stunden
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