Kyiv Biennale: Heute schaut man nach oben, um den Luftraum nach Gefahren abzusuchen

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Die Kyiv Biennale gehört zu den jüngeren unter den Biennalen. Es gibt sie seit 2015, seit 2022 muss sie wegen des russischen Großangriffs auf die Ukraine im Exil stattfinden. Und so eröffnete sie am vergangenen Mittwoch im Berliner Ausstellungshaus KW unter dem Titel „A Bird That Cannot Land“ – was auch als Bild für die heimatlose Biennale selbst gelesen werden kann, die seit vier Jahren Unterschlupf in Städten und Institutionen in ganz Europa findet und nicht mehr alle zwei Jahre, sondern jedes Jahr abgehalten wird.

Ein Schwerpunkt der Berliner Ausgabe liegt auf dem Rahmenprogramm. Fast täglich wird es bis zum Ende der Biennale am 13. September Konzerte, Lesungen oder Diskussionsrunden geben. Die Biennale soll auf diese Weise zu einem ganz konkreten Ort der Zusammenkunft und des Austauschs werden, der die Kunst zum Anlass nimmt, darüber zu sprechen, wie sich die Geschichte erzählen und auch weitererzählen lässt. Und natürlich geht es auch um die Frage, welche Rolle Kunst im Krieg spielen kann. Der Diskurs darüber wird in der zeitgenössischen Kunst momentan recht hitzig geführt: Wie kann sie auf Krieg reagieren, ohne aktivistisch vereinnahmt zu werden, aber auch ohne in reine Ästhetisierung zu verfallen?

Raketen und Drohnen statt Sternschnuppen

Wie und vor allem dass das geht, zeigen in der Auguststraße die 21 von Sofie Krogh Christensen und ihrem Team kuratierten künstlerischen Werke, die sich zwischen Himmel und Erde verorten lassen. Zentral ist die Arbeit der in Oslo lebenden Ukrainerin Lesia Vasylchenko. In der groß projizierten Videoarbeit ist in der oberen Hälfte ein Sonnenaufgang zu sehen, der erst hellrosa aufsteigt und im Verlauf satt orangerot untergeht. Im unteren Teil läuft Archivmaterial des ukrainischen Himmels aus Filmen von 1918 bis 2025. Man sieht, wie der Blick sich veränderte. Heute schaut man nicht mehr nach oben, um Sternschnuppen zu zählen, sondern um den Luftraum nach möglichen Gefahren durch Drohnen oder Raketen abzusuchen.

Lesia Vasylchenko, „Night Without Shadows and Light Without Rippling of Waves“, 2025Lesia Vasylchenko, „Night Without Shadows and Light Without Rippling of Waves“, 2025Lesia Vasylchenko

In Hito Steyerls „Leak“ hingegen steigt man in die Erde hinab. Die Arbeit wurde schon in der vergangenen Ausgabe der Kyiv Biennale in Warschau präsentiert und ist jetzt in den KW so perfekt installiert, dass man sich zwischen den als Sitzbänken platzierten Metallröhren wie im dunklen Bauch der Erde fühlt. „Leak“ beschäftigt sich mit der Entwicklung des Gaspipelinesystems zwischen Sibirien und Westdeutschland, die bis ins Jahr 1900 zurückreicht. Dafür verwebt Hito Steyerl Archivmaterial mit KI-generierten Bildern.

Besondere Absurdität entfaltet der Film da, wo die Künstlerin die Anfrage ihres Ko-Autors Philipp Goll an den WDR eingebaut hat. Er bittet die Landesrundfunkanstalt darum, Archivmaterial einer aus Moskau übertragenen Sendung aus den Achtzigerjahren zur Verfügung zu stellen, was abgelehnt wird, da es keine Zustimmung des Moskauer Senders Gostelradio gebe. Gostelradio gibt es aber seit dem Ende der UdSSR 1991 nicht mehr.

Ein Panic Room aus rotem Samt

Das Archivmaterial hat Steyerl deshalb kurzerhand mit KI nachempfunden und als Disclaimer im Video vermerkt. Und so sumpfen dort jetzt seltsame Figuren herum, von denen sich die Maschine vorstellt, sie würden westdeutsche Geschäftsmänner darstellen, denen gerade die Untiefen der Sowjetunion erklärt werden. Dieser seltsamen Fiktion haben Steyerl und Goll Interviews mit Menschen gegenübergestellt, die in den Siebzigerjahren tatsächlich am Bau der Pipeline beteiligt waren. Künstliche Bilder und Realität treffen aufeinander und klaffen erschreckend oft erschreckend weit auseinander.

Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Ein Stockwerk darüber findet man einen besonders anrührenden, kleinen Raum, den man im ersten Moment für einen gemütlichen Panic Room halten könnte. Innen ist er komplett mit rotem Samt ausgekleidet, man muss den Kopf einziehen, um durch die sehr kleine Tür hineinzugelangen, was zu lustigen Verrenkungen bei einigen Besuchern führt. Die in Kasachstan geborene und in Berlin lebende Künstlerin Gulnur Mukazhanova hat Stoffe, die aus der Zeit der Sowjetunion stammen und die heute auf usbekischen und kasachischen Textilmärkten zu finden sind, auf Trockenbauwände montiert und dann von Hand mit einem Messer abgeschabt. Der Zahn der Zeit hat sozusagen an ihnen genagt. Die Künstlerin hat dem Stoff auf diese Weise eine Geschichte eingeschrieben, die man nur noch nicht entziffern kann.

Und so gibt es viele Arbeiten in dieser Berliner Ausgabe der Kyiv Biennale, die schwer zu entziffern sind, die aber genau dadurch die Räume eröffnen, in denen man sich Fragen stellen kann, auf die es keine einfachen Antworten geben darf. Fragen danach, wie man sich Geschichte erzählt, wie zuverlässig die Erzähler sind und wie es mit all dem Wissen weitergehen kann. Vor allem aber erfährt man, wie die Kunst in Zeiten, in denen man manchmal denkt, dass sie vielleicht am Ende ihrer Sprache angelangt ist, immer noch Zugänge und Denkräume eröffnen kann.

Kyiv Biennale „A Bird That Cannot Land“, bis zum 13. September im Berliner KW Institute for Contemporary Art, Auguststraße 69

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