Doku zu Joshua Kimmich: Toller Charakter! Guter Kapitän?

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Viel höher als bisher gedacht, nämlich bei 95 Prozent, sei im Sommer 2024 die Wahrscheinlichkeit gewesen, dass Joshua Kimmich von Bayern München zu PSG wechseln werde. Diese Nachricht hat in den vergangenen Tagen für ein mittelgroßes Rauschen im Sportblätterwald gesorgt. Die Meldung hatte das ZDF lanciert, um auf die Dokumentation „Kapitän Kimmich“ aufmerksam zu machen, die pünktlich zum Beginn der Weltmeisterschaft in einer 112 Minuten langen Version der Mediathek abrufbar ist.

Wer sich den Film von Jan Mendelin aufmerksam anschaut, wird zum Schluss kommen, dass die von Kimmich im Sommer 2024 genannte Zahl arg hoch gegriffen war. Man hört einem sensiblen jungen Mann zu, der schwer enttäuscht ist, weil er von der Führung des Vereins, für den er zu jenem Zeitpunkt schon acht Jahre lang gespielt hat, nicht die Wertschätzung bekommt, die ihm der eigenen Meinung nach zusteht. Sportvorstand Eberl hat ihm signalisiert, dass er im Zweifel gehen könne. Kimmich führt daraufhin Verhandlungen mit PSG, er erhält von dem Pariser Verein schließlich ein Angebot.

Aber man spürt, dass Kimmich nicht wirklich weg möchte. Wenn der Film zeigt, wie er sich mit seiner Frau berät, dann wird deutlich, dass er nach Argumenten sucht, die für einen Verbleib in München sprechen. Die lebenskluge Lina Kimmich drängt ihn nicht in eine Richtung, bestärkt ihn eher darin, einen Wechsel ins Auge zu fassen, und kann sich am Ende über das Ergebnis freuen, mit dem sie wohl längst gerechnet hat: Ihr Mann verlängert bei seinen Bayern, die Familie bleibt in der vertrauten Umgebung.

Diskrete Einblicke ins Privatleben

Man hätte gern genauer gewusst, was den Ausschlag für München gegeben hat. Hatte Kimmich vor dem Wechsel ins Ausland Respekt? Hatte er Sorge, in dem jungen und hungrigen Pariser Team nicht bestehen zu können? Hatte er das Gefühl, für den Fußball von Trainer Luis Enrique vielleicht doch nicht der Richtige gewesen zu sein? Ob die Filmemacher, die Kimmich und seine Frau seit der EM 2024 begleitet haben, diese Fragen gestellt haben, bleibt unklar. Antworten gibt es jedenfalls nicht.

Am Geld, so viel wird klar, kann es nicht gelegen haben, denn laut Kimmich ist das finanzielle Angebot von PSG „sehr, sehr krass“ gewesen. Was nichts anderes heißen kann, als dass es deutlich mehr als die 20 Millionen Euro im Jahr gewesen sein müssen, die ihm Bayern laut einschlägigen Internetseiten mittlerweile zahlt. Aber auch über Geld wird in dieser Doku nur indirekt gesprochen. Das war wohl der Deal: Die Kimmichs haben die Türen in ihr privilegiertes Privatleben in Grünwald erstaunlich weit geöffnet, sich dafür aber Diskretion in potentiell heiklen Fragen ausbedungen.

Joshua Kimmich beim Training im WM-Camp der deutschen Fußball-Nationalmannschaft.Joshua Kimmich beim Training im WM-Camp der deutschen Fußball-Nationalmannschaft.Reuters

Das Paar gibt ein sympathisches Bild ab. Es ist echte wechselseitige Zuneigung zu spüren. Lina Kimmich, seit Teenagertagen mit ihrem heutigen Mann liiert, erweist sich als uneitle und reflektierte Frau, die treibende Kraft ist hinter der gemeinsamen Stiftung, die sich um Kinder aus schwierigen sozialen Verhältnissen kümmert und regelmäßig ein inklusives Fußballturnier organisiert. Der Kimmich, den die Dokumentation zeigt, verkörpert die Tugenden, von denen Deutschland bis vor Kurzem dachte, sie reichten aus, um den Platz an der ökonomischen Sonne zu verteidigen: Bescheidenheit, Bodenständigkeit, Intelligenz, Einsatzbereitschaft, Loyalität, Rechtschaffenheit, Teamfähigkeit.

Die Frage ist nur, ob das Kimmich zu einem guten Kapitän macht, der auf dem Platz in kritischen Situationen vorangehen kann. Die Doku erhärtet den Eindruck, dass er ein introvertierter Mensch ist, dessen Blick immer ein wenig nach innen zu gehen scheint. Bei Begegnungen mit anderen Menschen bleibt eine große Distanz spürbar, jubelnden Fans in Korea nähert er sich mit beinahe versteinert wirkender Miene. Was er dagegen nie verbergen kann, ist sein Ehrgeiz. Qualifiziert ihn das zum Leader? Bemerkenswerterweise werden weder aktuelle noch ehemalige Mitspieler in dieser Angelegenheit befragt.

Der in sich ruhende Menschenkenner Vincent Kompany deutet an, woran es Kimmich mitunter mangelt: im entscheidenden Moment die richtigen Emotionen zu zeigen, die die Mitspieler positiv mitreißen. Im Halbfinalrückspiel der Champions League gegen PSG vor vier Wochen konnte man den motzenden Kimmich erleben, der sich zu lange mit einer Fehlentscheidung des Schiedsrichters aufhielt. Der immer leicht getrieben wirkende Bundestrainer Julian Nagelsmann, der ihn, anders, als es Kompany bei den Bayern getan hat, im Nationalteam mit der Kapitänsbinde ausstattete, zeigt sich von Kimmichs Eignung rückhaltlos überzeugt. Er preist seine fußballerischen Qualitäten, seinen Einsatzwillen und seine Art, Kritik direkt und offen zu äußern. Intern natürlich, meint Nagelsmann, ohne es zu sagen.

Es wird sich während der WM zeigen, ob er die richtige Wahl getroffen hat. Man wird den Verdacht nicht los, dass der Bundestrainer derlei Entscheidungen vor allem unter dem Gesichtspunkt trifft, dass er selbst immer als oberster Chef und Fußballerklärer dasteht. Aber womöglich emanzipiert sich der brave Kimmich, der ohne Spielerberater durchs Leben geht, auch von ihm. Es könnte zu beider Bestem sein.

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