Künstlerin Alisa Gorshenina: Blutende Wurzeln suchen einen neuen Boden

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Das anmutige Pulkautal in Niederösterreich, im Grenzgebiet zu Tschechien, ist eine alte Kulturlandschaft, wo Wein, Zuckerrüben und andere Früchte angebaut werden, aber auch die spirituelle Kraft der Natur geehrt wird. Für Letzteres macht sich insbesondere das ökofeministische Projekt „Göttinnenland“ stark, das die Künstlerin und Philosophin Elisabeth von Samsonow 2020 begründete, als sie mit einer Gruppe gleichgesinnter Kulturschaffender hier vier Hektar Wald- und Weinland erwarb, um Bodenqualität und Biodiversität der Region wissenschaftlich-künstlerisch zu erforschen, sie aber auch vor einem geplanten Windpark zu schützen. Die künstlerisch-ökologische Mission von Samsonow und ihren immer zahlreicher gewordenen Mitstreitern mündete jetzt in die erste Pulkautal Biennale für Kunst mit Umwelt- und Naturbezug, die in der Dorfgemeinde Hadres stattfand und mehr als fünfzig, überwiegend österreichische Künstler zusammenbrachte. Als ausländischer Gast war die russische Künstlerin Alisa Gorshenina zugegen, die, nachdem sie im vergangenen Jahr aus ihrem Land vertrieben worden war, dieses Frühjahr an einem vom österreichischen Kulturministerium geförderten Residenzprogramm teilgenommen hat.

Die 32 Jahre alte Gorshenina, die in der Rüstungsindustriestadt Nischni Tagil im Ural lebte, gehört zu Russlands führenden, mit Motiven der Folklore arbeitenden feministischen Künstlerinnen, deren an archaische Schutzgottheiten erinnernde Textilskulpturen schon in Kiew und sogar in den USA zu sehen waren. Die in den Neunzigerjahren im Dorf Jakschina in Armut aufgewachsene Gorshenina ließ sich früh von ihrem in einer Fabrik arbeitenden Vater inspirieren, der ihr von Geistern und Riesen erzählte, die plötzlich aus dem Wald kommen könnten. Fotocollagen zeigen sie selbst im heimatlichen Dorf, überragt von einem vergrößerten Alter Ego, dessen archaische Maskierung ihre Großmutter überhöht, wie auch die Magritte-Stoffaugen oder Textilköpfe, die wie Schutzgeister im Fenster einer Hütte erscheinen. Im Sommer 2019 habe sie großformatige Textilarbeiten in Jakschina gezeigt, in verlassenen Häusern oder in freier Natur, sagt Gorshenina, als wir uns in Hadres beim Heurigen treffen. Das sei ganz im Geist der Kunstaktivistinnen im Pulkautal gewesen.

 eine von Alisa Gorsheninas Arbeiten ihres Artist -in-Residence-Aufenthalt im Pulkautal.Natur und Mensch: eine von Alisa Gorsheninas Arbeiten ihres Artist -in-Residence-Aufenthalt im Pulkautal.Alisa Gorshenina

Antikriegsaufrufe in nicht russischen Sprachen sind Russen erlaubt

Gorshenina war von der russischen Vollinvasion in die Ukraine im Februar 2022 schockiert und schuf sogleich Kunst des Widerstands. Auf der in jenem Jahr entstandenen Fotoarbeit „Ich höre die Stimmen Russlands“ erschien sie in engelsweißer Vogeltracht, die mit dem Wort für Frieden in den nicht russischen Sprachen russländischer Ethnien übersät war. Ein weiteres Foto zeigte sie mit schwarzer Schleppe mit der Aufschrift „Wir sind gegen den Krieg“, ebenfalls in diversen nicht russischen Sprachen Russlands. So umging die Künstlerin das Verbot, in allgemein verständlichen Worten gegen den Krieg Stellung zu beziehen.

 Arbeitsmaterial der exilrussischen Künstlerin Alisa Gorshenina während ihrer Residenz in ÖsterreichInneres und Innereien: Arbeitsmaterial der exilrussischen Künstlerin Alisa Gorshenina während ihrer Residenz in ÖsterreichAlisa Gorshenina

Während damals viele Künstler und Intellektuelle das Land verließen, wollte die in ihrer Region verwurzelte Gorshenina unbedingt bleiben, auch um das „richtige“ Russland zu stützen und sichtbar zu machen. Das gelang ihr zunächst, womöglich weil sie fern von Moskau lebte und als junge Frau von den Sicherheitsbehörden nicht ernst genommen wurde. Im Sommer 2022 richtete ihr das Jelzin-Center in der Uralmetropole Jekaterinburg eine Einzelschau aus, im darauffolgenden Frühjahr zeigte sie in der Moskauer Galerie Vladey aktuelle Arbeiten, vor allem ein anatomisch genähtes Herz mit verzweigten Blutgefäßen, mit denen die Künstlerin posiert und ihr blutendes Herz veranschaulicht. Es seien mehrheitlich Frauen gewesen, die sich gegen den Krieg wandten, erinnert sie sich. Damals seien ultranationalistische Blogger über ihre „ausgestopften Eingeweide“ hergezogen, so Gorshenina, das habe aber keine Folgen gehabt.

Nach einer „Artist in Residence“ durfte sie nicht wieder zurück in die Heimat

Doch als im Frühjahr 2024 das Jelzin-Center eine Gruppenausstellung mit einer Arbeit von Gorshenina zeigte, wurde die Künstlerin als kindergefährdende „Terroristin“ denunziert und nach einer Polizeiwarnung ihre geplante Meisterklasse abgesagt. Als sie Anfang 2025 an der Kunstmesse im Jelzin-Center teilnahm, habe sie erstmals ein Mitarbeiter des Inlandsgeheimdienstes FSB verhört, der wie ein Kunde auf sie zukam. Solche Verhöre liefen stets nach demselben Schema ab, so die Künstlerin. Die Geheimdienstler duzten sie, fragten, warum sie nicht ausreise, da ihr doch alles im Land missfalle, und bezeichneten sie als dummes Mädchen, die nichts von Politik verstehe. Zwei Monate später wurde sie wegen drei Posts in den sozialen Medien zu zehn Tagen Administrativhaft verurteilt und in einen Gefängniskeller gesteckt, woraufhin sie beschloss, einer Einladung zu einer Künstlerresidenz in Georgien zu folgen. An der Grenze erfuhr sie nach einem abermaligen Verhör, dass sie nicht mehr würde zurückkehren können.

 Alisa Gorshenina arbeitet viel mit dem Herz als besonders empathieträchtigem Organ und dem hochsymbolischen Rückgrat.Frida Kahlo auf Russisch: Alisa Gorshenina arbeitet viel mit dem Herz als besonders empathieträchtigem Organ und dem hochsymbolischen Rückgrat.Alisa Gorshenina

In Tiflis erhielt Gorshenina ein Künstlervisum für Frankreich, wo ihr neues Leben begann. Umso wichtiger sei für sie die Teilnahme am dörflichen Kunstfest im Pulkautal, sagt Gorshenina, diese Landschaft gebe ihr Ruhe und Kraft. Ausstellungslokale sind vor allem die einstöckigen, oft edel zu Ateliers oder Galerien ausgebauten Kellerhäuser mit ihren tief in den Lößboden getriebenen unterirdischen Gängen, die vor allem mit Videos bespielt werden. Oberirdisch ist eine das weibliche revolutionäre Potential verkörpernde Mädchenfigurine von Samsonow zu bewundern, eine Art vergrößertes, mit Tüll-Tutu umgürtetes Kykladenidol, aber auch ihr esoterischer Altar für den im Pulkautal wieder heimisch gewordenen Kaiseradler, den das Windparkprojekt bedroht. Die Fotokünstlerin Maresa Jung kombiniert beziehungsreich das Bild einer steinzeitlichen Venusfigur, wie sie in der Region gefunden wurde, mit dem einer ganz ähnlich geformten Zuckerrübe vom lokalen Acker.

Gorsheninas neue Textilskulptur namens „In Blüte“, die sie im „Arsenale“ dieser Biennale, dem ehemaligen Gerätehaus der Feuerwehr in Hadres, präsentiert, setzt einen urig-existenziellen Akzent. An einer Art Astgerippe, das an eine Wirbelsäule mit Becken- und Schulterknochen gemahnt, befestigt sie ein blutrotes Herz und ebensolche, an ausgerissene Wurzeln erinnernde Aderlianen. Die darüber wie ein Lunaria-Blatt schwebende Filzmaske vervollständigt das Selbstbildnis des Heimatverlusts. Weitere während ihrer Residenz in Österreich entstandene Arbeiten sind das weiß-rot geäderte Filzgewächs eines halb pflanzlichen Außerirdischen mit Auge auf dem herzförmigen Kopf sowie Tränentropfen in Gestalt weiblicher Brüste. Noch in diesem Sommer wird Gorshenina Werke in einer Pariser Galerie zeigen, für das kommende Jahr ist eine Schau in Basel geplant.

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