Mein Lieber, azizam, heute ist der Tag des Windes. Diese Stadt ist berühmt für ihre starken, unaufhörlichen Winde. Der Krieg in Iran wird wieder heftiger. Die meisten Angriffe treffen die Städte und Inseln im Süden des Landes.
Vor ein paar Tagen sah ich in den Instagram-Storys meiner Cousine ein Foto von ihr und ihrer Schwester. Darunter stand: „Seit vierzehn Tagen wünsche ich mir nur eins: dass du deine Augen wieder öffnest.“ Ich sah das Foto meiner Cousine an. Meine andere Hälfte. Sie ist drei Monate jünger als ich. Unsere Mütter hatten beschlossen, uns denselben Namen zu geben. Wir fragten sie immer wieder, warum sie so eine seltsame Entscheidung getroffen hatten. Gibt man Menschen nicht gerade deshalb Namen, damit man sie unterscheiden kann? Jedes Mal, wenn jemand unseren Namen rief, drehten wir uns beide um.
Nona und ihre KatzeMehrdad ZaeriWir hatten unsere eigene Welt. Unsere Hände lagen immer ineinander. Wir lagen gemeinsam auf dem Bett und redeten stundenlang. Sie roch immer nach einem Baby. Ich war ein wenig größer, ihre Haut etwas heller als meine. Ich schrieb meinem Vater über Whatsapp: „Was ist passiert?“ Er antwortete nicht. Ich schrieb meinem Bruder, ihrer Schwester, die das Foto gepostet hatte, und Sch., meiner Mitbewohnerin. Niemand antwortete. Ich wusste, dass etwas geschehen war, aber alle hatten beschlossen, es mir nicht zu sagen.
Ich suchte nach meiner Mutter. Ich wusste, dass sie keinen VPN-Anschluss hatte und ich sie nirgendwo erreichen konnte. Kriegsbeginn bedeutete Internetsperre. Ich war orientierungslos und wusste nicht, was ich tun sollte, wenn das Internet wieder abgeschaltet würde und ich von allem abgeschnitten bliebe. Schließlich erreichte ich meinen Bruder. Zwei Autounfälle innerhalb von zwei Tagen. Beim ersten Unfall war das Auto, in dem die Familie meiner Tante saß, in eine Schlucht gestürzt. Wie durch ein Wunder wurde niemand verletzt. Am nächsten Tag ging meine Cousine zur Kontrolle, um sicherzugehen, dass sie keine Verletzungen davongetragen hatte. Auf dem Rückweg hatte sie einen Unfall. Seitdem liegt sie im Koma. Das war der größte Schock meines Lebens.
Wir wollten beide lernen, die Einsamkeit zu lieben
Ich lief über die Felder des Hofes und drehte mich ziellos im Kreis. Freunde meines türkischen Freundes O. waren zu Besuch. Ich kam mir vor wie eine Fremde, die sich in einem fremden Land verirrt hatte. Ich öffnete das Whatsapp-Profil meiner Cousine. In ihrer Bio stand: „Ich kann nicht sprechen.“ Diesen Satz hatte sie schon lange dort stehen – seit ihre Beziehung zu dem Mann zerbrochen war, den sie geliebt hatte. Als ich das letzte Mal in Iran war, verbrachten wir einen Abend allein miteinander. Ich fragte sie: „Warum riechst du immer noch nach einem Baby?“ Sie lachte.
Dann erzählte sie mir, dass sie mitten in ihrer Vierzigerkrise stecke. Ihre zweijährige Liebesbeziehung war zu Ende gegangen, und sie glaubte selbst, der Grund dafür sei ihre Krankheit gewesen. Multiple Sklerose. Ich sagte zu ihr: „Ich habe keine MS und bin trotzdem an genau demselben Punkt wie du. Allein.“ Wir drückten unsere Hände fest ineinander. Wir weinten ein wenig. Dann beschlossen wir, nicht länger auf Männer zu warten. Und unsere Einsamkeit lieben zu lernen. Sie hatte ihre Haare geglättet. Ich strich mit der Hand darüber und sagte: „Du bist wunderschön.“ Sie antwortete: „Du gibst mir Kraft.“ Ich sagte zu ihr: „Du bist die stärkste Frau, die ich je kennengelernt habe.“ Und ich meinte jedes Wort.
Viele Unterschiede, aber kein Streit
Mit zwanzig Jahren hatte sie erfahren, dass sie MS hat. Danach musste sie immer wieder für einige Tage ins Krankenhaus. Einmal blieb ich fünf Tage an ihrem Bett. In einem Zimmer voller MS-Patientinnen. Ich sagte zu ihr: „Schau dich an. Du bist ganz anders als die anderen.“ Sie sah mir in die Augen und sagte: „Ich will nicht durch meine Krankheit von anderen Menschen abhängig sein.“ Dann sagte sie: „Ich habe beschlossen, so zu leben, dass niemand merkt, dass ich MS habe.“ Und genau das tat sie.
Sie studierte weiter, machte ihren Masterabschluss, fand Arbeit, wurde unabhängig – und überholte mich. Während ich immer noch zwischen schlecht bezahlten Gelegenheitsjobs hin und her irrte, lebte sie stark und voller Selbstvertrauen. Das Einzige, was uns voneinander unterscheidet, sind unsere Kleidung und unsere „politische“ Einstellung. Sie trägt einen Tschador und ist eine überzeugte Muslimin. Als Khamenei getötet wurde, trauerte sie. Und ich feierte. Aber wir haben darüber niemals auch nur ein einziges Mal gestritten. Stattdessen machten wir Witze über diese Unterschiede und lachten.
Als Kinder standen wir in den Sommernächten mit der ganzen Familie meiner Mutter hinter unserem Großvater und verrichteten gemeinsam das Gebet. Meine Cousine und ich standen nebeneinander. Manchmal fiel ihr mitten im Gebet plötzlich etwas Komisches ein. Lautlos musste sie dann so sehr lachen, dass sie nicht mehr stehen konnte. Sie setzte sich auf den Boden, und ich sah ihre Schultern unter dem weißen Gebets-Tschador vor Lachen beben. Dann steckte sie mich an. Wir brachen beide das Gebet ab, liefen ins Zimmer und lachten laut. Wo ist sie jetzt? Und wo bin ich?
Nona ist ein Pseudonym. Unter ihm schickt eine iranische Autorin wöchentlich Briefe, in denen sie aus ihrem Leben im und mit dem Irankrieg berichtet. Aus dem Persischen übersetzt von Mehrdad Zaeri.

vor 4 Stunden
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