Es gibt Sätze, die suggerieren völlig Unterschiedliches, je nachdem, wer sie ausspricht. Listet etwa ein Start-up-Unternehmer eine „persönliche Auszeit“ in seinem Lebenslauf auf, klingt das nach Strandhäusern und Golfplätzen. Bei Joran hingegen, der mit einem in zig Blautönen schillernden Veilchen zum Probearbeiten in die Küche eines Seniorenstifts kommt, wo praktischerweise niemand ein Führungszeugnis von ihm verlangt, sieht die Sache ganz anders aus.
Dabei ist in seinem Fall an dem Vorurteil sogar etwas dran: Joran hat gerade sieben Jahre im Gefängnis verbracht, nachdem er den notorisch übellaunigen Herrn Kutowski bei einem aus dem Ruder gelaufenen Raubüberfall auf die örtliche Tankstelle mit seinem Messer verletzt hat. Das ist mehr Zeit seines Erwachsenenlebens hinter Gittern als in Freiheit, und jetzt ist Joran draußen und heillos überfordert von den vielen Funktionen seines ersten eigenen Smartphones. Viel Unterstützung hat er nicht zu erwarten, schon gar nicht von seinem verbitterten Vater, deshalb zieht es ihn als Erstes zurück zu der Tanke, wo mit ein bisschen Glück noch das damals erbeutete Geld versteckt liegt. Er rechnet draußen an der Umgehungsstraße mit einem inzwischen vollständig erschlossenen Gewerbegebiet — stößt allerdings auf eine komplett verfallene Brache.
Sie sind für die kapitalistische Verwertungslogik verloren
Für seinen Debütroman „Das Haus in dem Gudelia stirbt“ über eine alte Frau in einer verheerenden Sturmflut gewann der 1983 geborene Hamburger Werbefachmann Thomas Knüwer den Deutschen Krimipreis. Der Nachfolger „Giftiger Grund“ zieht seinen Reiz aus der morbiden Atmosphäre sogenannter Lost Places und lässt an einem solchen irgendwo in der deutschen Provinz drei ebenso verlorene Figuren aufeinandertreffen.
Thomas Knüwer: „Giftiger Grund“. Kriminalroman.VerlagDa ist Edda mit den merkwürdigen Schnittwunden und Narben am Bauch, in deren Leben irgendetwas so schlimm sein muss, dass die Elfjährige lieber Nacht für Nacht auf eine schmuddelige Matratze an diesem gottverlassenen Ort flieht. Und schließlich Charu, die vorübergehend bei ihrer Schwester eingezogen ist, weil ihr Urbex-Account, auf dem sie regelmäßig Videos verfallener Gebäude in den sozialen Medien hochlädt, aktuell noch nicht genug abwirft. Für ihre anonym produzierten Filmchen platziert sie eine glitzerverzierte Katzenfigur in heruntergekommenen Villen und Industriebrachen und stellt ihre Kamera in den Zeitraffermodus: „Es wirkt, als sei der Raum im Moment des Todes für immer eingefroren, während die Welt sich da draußen unablässig weiterdreht, das Vergehen eines einzelnen jämmerlichen Menschenlebens ignorierend.“
Ganz ähnlich der Effekt, den Thomas Knüwer in „Giftiger Grund“ erzielt. Seine Figuren sind für die kapitalistische Verwertungslogik verloren; sie wirken wie in einer Parallelwelt gefangen, in der Kindeswohlgefährdung, sexueller Missbrauch und Erpressung zum Alltag gehören und Drogengeschäfte schon beinahe als einzige realistische Karriereoption erscheinen. „Für den Rest unseres Lebens werden die in uns nur die Täter sehen, nie Unbeteiligte oder Geläuterte. Du und ich, wir sind aus dem gleichen dunklen Holz geschnitzt, ob du willst oder nicht“, versucht ein alter Freund Joran in seine Umtriebe hineinzuziehen.
Eine pragmatische Mischung aus Empathie und Eigennutz
Das mag sich ein wenig gezwungen lesen, und tatsächlich sind die Dialoge nicht die große Stärke von „Giftiger Grund“, hingegen trifft der Autor einen emotional bemerkenswert intelligenten und nicht selten auch ironischen Ton, wenn es darum geht, die inneren Konflikte seiner Figuren auszutarieren. Ist Joran ein schlechter Mensch, oder hat er nur schlechte Entscheidungen getroffen? Sind die viel beschworenen Umstände sein Problem, oder hat er einfach Angst davor, Verantwortung zu übernehmen?
Knüwer ist eher souveräner Konstrukteur als epischer Erzähler; wie schon in „Das Haus in dem Gudelia stirbt“ ermöglicht er mit seinen Versuchsanordnungen einen abgeklärten Blick auf verborgene Lebensrealitäten. Die Schicksale von Joran, Edda und Charu sind sämtliche Abstufungen von katastrophal, aber er nutzt sie vor allem als verbindendes Element, das dafür sorgt, dass ihre Wege sich kreuzen, nicht als Anlass zu Sentimentalitäten. Wie die drei einander vorsichtig beschnuppern, manches lieber gar nicht wissen wollen und in den entscheidenden Momenten dennoch füreinander einstehen, ist eine pragmatische Mischung aus Empathie und Eigennutz.
Der Titel „Giftiger Grund“ bezieht sich auf die Beschaffenheit des Bodens unter alten Tankstellen, der oftmals metertief verunreinigt ist, sodass das Gelände für neue Bebauungen nicht infrage kommt. Thomas Knüwer zeigt mit seinem neuen Roman, dass dort dennoch Gutes entstehen kann.
Thomas Knüwer: „Giftiger Grund“. Kriminalroman. Droemer Verlag, München 2026. 336 S., geb., 18,– €.

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