Die Familie schläft schwebend. Ihre Tage verbringt sie in Gärten auf riesigen Tellern, die gigantische künstliche Baumkonstruktionen dem Himmel entgegenstrecken. Die Leute in dieser fernen Zukunft können fliegen, durch den Raum wie durch die Zeit, mit Flugkristallen und dazu passenden Mänteln, tragbarer Regenbogenmalerei. Der Trickfilm „Arco“ fängt in den Wolken an; der natürliche Himmel wird dabei kaum verfremdet, aber sofort als Kunst erkennbar, das heißt, als etwas, das Menschen immer gern deuten wollen: Schäfchen, Wattewälder, Kuschelbetten?
Der kleine Arco, der zur schwebend schlafenden Familie gehört, muss die Wolken aber nicht deuten. Er fliegt einfach hin und schaut nach. Dabei hat er allerdings Pech und stürzt ab, in seine Vergangenheit, unsere Zukunft: die Siebzigerjahre des 21. Jahrhunderts. Arcos Vor- und unsere Nachfahren leben da unter Klimakuppeln; im Supermarkt ist Ware rationiert, das Dasein hier findet Arco „zu dunkel“. Er will wieder heim. Aber sein Flugmantel zickt, und so ist der Junge auf die Hilfe Ortsansässiger angewiesen. Diese Hilfe leisten Iris, ein Mädchen in Arcos Alter, und Mikki, ein Betreuungsroboter, der sich eigentlich um Iris und deren Geschwisterchen im Säuglingsalter kümmern soll, weil beider Eltern auswärtig berufstätig sind und daher nur als anämische Hologramme im gemeinsamen Heim herumgeistern.

Der Film ist sehr schön und macht alles richtig, was animierte Streaming-Dutzendware derzeit dauernd nicht hinkriegt. Das digitale Knubbeldesign plumper Räumlichkeit etwa verschmäht „Arco“; die plakative Zweidimensionalität des Formats wird ernst genommen: Haare zum Beispiel sind Frisuren, mit denen Wind Lustiges oder Dramatisches anstellt, wozu man nicht jedes einzelne Härchen von Automaten ausrechnen lassen muss. Tiefe ist hier keine Actionkulisse, sondern anziehende Eigenheit der Gedanken und Gefühle von Figuren. Deren Handlungshorizont heißt in „Arco“ zweimal „Zukunft“ – die Fernzukunft lockt, die Nahzukunft schillert dagegen eher böse am Bildrand, ein Flimmerskotom am Ende aller Optionen; die Kamera hat Migräne, die sich dem Publikum als psychologische Spannung mitteilt.
In Frankreich hat man das asiatische Animationskino studiert
„Arco“ kommt aus Frankreich. Dort hat man in den letzten Jahren das asiatische Animationskino offenbar mit scharfem Blick auf die Frage studiert, wie man heute noch audiovisuelle Zukunftsszenarien aushecken kann, die nicht nach abgeschmackter Produktwerbung oder reaktionärem Retrofuturismus (geschweige denn beider Bastard: KI-Müll) müffeln wie allmählich selbst (und: gerade) die teuersten einschlägigen US-Produktionen.
In Jérémie Périns philosophisch erstklassigem Maschinenkrimi „Mars Express“ (2023) ging es vor diesem Hintergrund bereits um das Problem, dass die heute gebräuchlichen datenverarbeitenden Annäherungen ans kognitive Phänomen „Wissen“ den Unterschied zwischen Wissen und Glauben nicht kennen. Maschinen, die ihn begreifen würden, könnten anders handeln als Menschen, die ihn vergessen haben, womöglich klüger – dieser Zentralgedanke von „Mars Express“ stellt sich einer Sorte Ungewissheit, die für unsere computergestützte Zivilisation allmählich existenzielles Gewicht hat. „Arco“ fragt ähnlich: Wenn mein Werkzeug etwas weiß, das mir nicht zugänglich ist, verändert es dann hinter meinem Rücken nicht zwangsläufig die Zwecke, die ich mit seiner Hilfe zu erreichen suche?
Natalie Portman (links) und Ugo Bienvenu bei der Filmpremiere von „Arco“ in Cannes 2025AFPScience-Fiction-Erzählformen behaupten bekanntlich, solche Fragen seien am besten experimentell zu beantworten. Der experimentellste Mensch ist das clevere Kind. So jedenfalls sieht das Ugo Bienvenu, der Autor, Regisseur und leitende Produktionsdesigner von „Arco“. Seine Heldin Iris hat er mit leicht anderen Gesichts- und Wesenszügen unter dem Namen „Isi“ (Easy? Das sarkastische Wortspiel ist ihm zuzutrauen, leicht hat’s die Figur überhaupt nicht) bereits 2019 in seinem Comicroman „Préférence Système“ auf den Roboter Mikki treffen lassen. Mikki selbst ist noch ein Jahr älter, Bienvenu hat ihn für einen Musikvideoclip geschaffen, um den Track „Sphere of Existence“ des Popkünstlers Antoine Kogut zu bebildern.
Weder „Sphere of Existence“ noch „Préférence Système“ sind was für Kinder. Dass Bienvenu den Stoff (Kinder und Technik) und das Thema (wie lernt man die Zukunft?) von „Préférence Système“ in Form eines Kinderfilms neu bearbeitet hat, bereitet dem normalen Hirn (das ist der einfallsreiche, aber ein bisschen korrupte Klumpen Klebstoff, den wir haben und den Mikki nicht braucht) dieselben Schwierigkeiten, die es auch mit der Nachricht hätte, Franz Kafka habe eine Bearbeitung von „Der Prozess“ für Kasperfiguren hinterlassen. Merkwürdigerweise ist aber der Kinderfilm reifer, nämlich präziser durchgearbeitet als die Graphic Novel, und an einem entscheidenden Punkt – nämlich da, wo sich Mikkis Schicksal erfüllt – sogar nüchterner, damit in gewissem Sinn „erwachsener“.
Bienvenus Minimalismus
Umsichtigerweise missbraucht Bienvenu seine Kindergestalten nicht als Handpuppen, verwechselt sich nie mit ihnen und hat sich stattdessen in Mikki verewigt; das Buch deutet dies nur an, im französischen Filmoriginal spricht die Maschine aber sogar mit der Stimme ihres Schöpfers. In einer von einem antiken griechischen Denker zur Verfügung gestellten Höhle wird Mikki gegen Ende von „Arco“ wie jener Schöpfer zum Bild-Erzähler. Was er der Fernzukunft hinterlässt, eignet sich (ganz wie das Titelbild von „Préférence Système“ oder die zärtliche Pre-Production-Skizze von Mikki und Iris im 2025 erschienenen Buch zum Film), Lehren über Mensch und Technik daraus abzuleiten, wie Laura Mulvey ihre Blicktheorie aus ein paar Hitchcock-Szenen geholt hat oder Walter Benjamin in einer Grafik von Paul Klee eine ganze Geschichtsphilosophie entdecken durfte.
Im Kontrast zum formalen und gedanklichen Reichtum steht in „Arco“ die materielle Härte der angedeuteten Dystopie: Ein junger Freund von Iris erzählt, seine Eltern seien auf den Weltuntergang vorbereitet, mit Konserven für einige Monate: „Ich schlafe auf den Bohnen.“ Bienvenus Minimalismus macht es ähnlich, er ist sparsam und darin souverän plausibel, auf seine Art nicht ärmer als, sagen wir, die verschwenderische Fülle der besseren unter den teuren Konkurrenzprodukten, von Disneys „Frozen“-Filmen bis zur Serie „Arcane“ (2021 bis 2024), die sich ihre Wirkungen ja auch nicht einfach mit Geld kaufen konnten, sondern sie per Weltenbau und Charakterbildung erarbeiten mussten.
„Arco“ wurde unter anderem von Chanel unterstützt, denn dieser Film, „plein de couleur“ (farbenfroh wie Arcos Mantel), hält den Kulturwert „Stil“ in hohen Ehren. Leute, denen Stil abgeht, kommen darin freilich auch vor: Bienvenu und sein Drehbuch-Ko-Pilot Félix de Givry haben sich drei Typen ausgedacht, die als Nebendeppen für eine besonders stillose Fehlauffassung der Idee „Wunder der Technik“ stehen: Sie führen sich auf, als wären diese Wunder bloß Knalleffekte, die den ewigen Teenager (oder das Geschäft) beleben sollen, statt Versprechen der Unerschöpflichkeit des Wirklichen (dubiose Personen wie Jen-Hsun Huang, Jeff Bezos oder Elon Musk sind so konstruiert und leider real, folglich nicht halb so lustig wie das „Arco“-Chargentrio).
In einer stillen Szene fragt Iris ihren Mikki, ob Wünsche in der Wirklichkeit genauso wundersam in Erfüllung gehen können wie im Märchen. „Je ne sais pas“, ich weiß es nicht, sagt die Maschine, aber den Versuch sei es wert. Der Apparat versteht, was die Datenfürsten von heute nicht wissen wollen: dass manche Wünsche nicht geeignet sind, sich menschengemachten Mitteln zu ihrer Erfüllung anzubequemen. „Arco“ war in der Animationskategorie für den Oscar nominiert. Die Akademie hat stattdessen „KPop Demon Hunters“ prämiert, einen Film, der etwas durchaus Richtiges sagt: Kinder, ihr müsst den Mythen eurer Eltern nicht hinterhertanzen, singt euch lieber eigene.
„Arco“ jedoch weiß mehr und öffnet mit wenigen, geschickten Griffen die Abdeckung der Weltmechanik. Wir blinzeln, schauen, horchen rein und erkennen: Die Technik blinkt und ruft nach Bewusstsein, leise, aber hartnäckig. Im Schlaf magst du schweben, aber falls du fliegen willst, wach auf.

vor 3 Stunden
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