Ältere Krimihörspiele sind auf den einschlägigen Streamingplattformen oder in der ARD-Audiothek, die neuerdings „ARD Sounds“ heißt, oft ein zweifaches Ärgernis. Zum einen sind die Informationen zu den historischen Aufnahmen und ihren Sprechern häufig nachlässig zusammengetragen. Man kann sich zwar vorstellen, dass die entsprechenden Auskünfte bei manchem Archivfund schwer zu ermitteln sind, aber das unkommentierte Weglassen von Aufnahmedaten oder Sprechernamen ist dennoch respektlos – sowohl gegenüber den beteiligten Künstlern als auch gegenüber den heutigen Hörern, die eine kreative Verbindung zu diesen Werken suchen.
Ein zweiter Punkt ist noch ärgerlicher: Vieles von dem, was – gerade bei ARD Sounds – als „Krimi-Klassiker“ verkauft wird, wirkt, man muss es so streng sagen, unrettbar veraltet. Nach zwei, fünf oder zehn Minuten stellt man fest, dass sich die Stereotypen häufen, die Kriminalfälle nicht aus den Puschen kommen oder sich die übertrieben conférencierhafte Sprechästhetik ebenso wenig ertragen lässt wie die Geschlechterklischees. Die Frauenrollen sind oft derart unterwürfig angelegt, dass bei den Öffentlich-Rechtlichen sogar ein Warnhinweis vorgeschaltet wird. Solche Aufnahmen dann noch in Empfehlungsspalten zu schieben, ist schon ein bisschen zynisch.
Man traut seinen Ohren nicht
Wer aus den genannten Gründen einen Bogen um den seit mehr als fünf Jahren erfolgreich laufenden ARD-Podcast „Kein Mucks!“ von Bastian Pastewka machte, lag jedoch falsch. Denn hier werden beide Ärgernisse gezielt vermieden. Die Auswahl „nostalgischer Unterhaltungskrimis“ und „verschollener Hörspielschätze“ mit „feinen Lagerungsgeräuschen“, von denen Pastewka in mehrminütigen Intros schwärmt, ist größtenteils überzeugend – und wo sie es nicht so ganz ist, lässt der Podcast-Moderator es zumindest durchblicken oder er liefert Argumente dafür, warum man sich die Aufnahme trotzdem anhören sollte.
Es ist von sympathischer Nerdigkeit, wie tief Pastewka in die Biographien von Sprechern wie Martin Hirthe, Gerd Baltus, Dieter Eppler, Martin Held oder „des großartigen Hans Paetsch“ einsteigt. Selbst wenn man mit diesen Personen nichts mehr verbindet, wird man neugierig, weil Pastewka über sie spricht, als handle es sich um Hollywoodstars. Ähnlich erhellend blickt er auf Titelmusiken oder kuriose Hintergrundgeräusche, die gerade in den Sechziger- und Siebzigerjahren oft sehr kreativ und gewagt waren. Nicht selten liefert Pastewka Textinterpretationen, die eine Vorlage erst erschließen.
Und dann stößt man in dem Podcast auf ein Hörspiel des Saarländischen Rundfunks aus dem Jahr 1956, von dem man noch nie etwas gehört hat, das auch niemals in der F.A.Z. vorkam, und man traut seinen Ohren nicht: „Die Dame im Nebel“ von Lester Powell, im englischen Original 1947 von der BBC erstausgestrahlt, ist ein Meisterwerk. Powells Witz und die Scharfzüngigkeit seiner Figuren ist an Oscar Wilde geschult, ihre Kaltschnäuzigkeit wirkt noch immer frisch. Bedauerlich, dass man beim Stöbern im Internet über Powell kaum mehr als einen französischen Wikipedia-Eintrag findet.
Gelernt von Ophüls
Die Hauptsprecher – Albert Carl Weiland als Philip Odell und Brigitte Dryander als Heather McMara – spielen sich als unfreiwilliges Ermittlerduo in atemraubendem Tempo die Bälle zu. Dann wieder flüstern sie sich verliebt an und erzeugen in den besten Momenten eine Intimität, die an die Schlafwagenszene in Hitchcocks „North by Northwest“ erinnert. Dryander, die vom Saarbrücker Stadttheater kam, strahlt größte Weltläufigkeit aus; Weiland, der auch Regie führte und vieles von Max Ophüls’ frühen Hörspielen – „Novelle“ von 1954 und „Berta Garlan“ von 1956 – gelernt zu haben scheint, überrascht mit abrupten Tonwechseln: mal ist er schnoddrig, mal rollendistanziert, mal leicht wie eine Feder. So wurde „Die Dame im Nebel“ eines der meistwiederholten Hörspiele der deutschen Radiogeschichte und wuchs sich zu einer Reihe bis ins Jahr 1971 aus.
Was das Altern von Kriminalhörspielen angeht, legt die erste Folge der „Damenreihe“ einen geradezu paradoxen Befund nahe: Am besten altern jene, bei denen eine virtuose Form die eigentliche Handlung fast vergessen lässt.

vor 2 Stunden
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