Im Mai 1999 hebt in Buenos Aires ein Flugzeug ab in Richtung Europa. Eine alte Frau mit sonnengegerbter Haut sinkt erschöpft in den Sitz: „Je rentre à la maison“ (Ich fahre zurück nach Hause). Emilie Schindler, die vergessene Frau von Oskar Schindler, wird mit 92 Jahren von zwei Fernsehjournalisten dorthin begleitet, wo ihr Leben begann, sie ihre Jugendjahre verbrachte und später das Drama des Zweiten Weltkriegs und der Judenverfolgung miterlebte. Die Dokumentarfilmer fahren mit ihr ins ehedem deutschsprachige Mähren in der heutigen Tschechischen Republik, dann ins polnische Krakau, weiter zum ehemaligen Konzentrationslager Plaszow, schließlich nach Brünnlitz. Hier, an der Eisenbahnlinie zwischen Prag und Brünn stand Schindlers zweite Fabrik. Wie zuvor in Krakau beschäftigte er darin jüdische Arbeiter, um sie vor dem sicheren Tod in Auschwitz zu bewahren.
In einem rasanten, gleichwohl sorgfältig ausgearbeiteten französischen Comic von Jean-Yves Le Naour (Szenario) und Christelle Galland (Zeichnungen und Kolorierung) wird die durch Steven Spielbergs Film bekanntgewordene Geschichte von „Schindlers Liste“ aus dem Blickwinkel von Emilie erzählt. Sie hatte an Oskars Leben und seinen waghalsigen Rettungsaktionen großen Anteil: Mit ihrem Vermögen begann er seine Geschäfte. Und treu stand sie zu ihm, während er sie zunehmend als eine Frau unter vielen betrachtete. Selbstlos kümmerte sie sich um halbtote Häftlinge unter den Augen der SS. Nach dem Zusammenbruch Nazideutschlands wanderten die Schindlers nach Buenos Aires aus, unterstützt von jüdischen Wohltätigkeitsorganisationen.
Jean-Yves Le Naour, Christelle Galland: „Les Justes: Emilie et Oskar Schindler“.Éditions BambooAls Oskar von der Wiedergutmachungspolitik der Bundesrepublik Deutschland erfuhr, flog er allein zurück, Emilie blieb mit Schulden in Argentinien: „Er ist nicht zurückgekommen. Ich habe ihn nie wieder gesehen.“ Ihr privates Ehe-Unglück verhinderte eine gloriose Heldenerzählung über beide. Eine solche Verwicklung interessierte Spielberg nicht; er hatte die damals noch lebende Emilie Schindler nicht als Gefährtin Oskars wahrgenommen.
Doch Emilie war kein wehleidiger Mensch. Christelle Galland zeichnet sie als burschikose Alte, die mit gespreizter Hand auf den Tisch schlagen kann und mit ihrem Handstock erregt in der Luft fuchtelt. Mit einem hellen Lächeln erinnert sie sich an den attraktiven Oskar auf seiner roten Moto Guzzi, in den sie sich unrettbar verliebte. Während der zumutungsreichen Reise in die europäische Vergangenheit weint sie nur selten. Einmal in ihrem Heimatdorf am Grab ihrer Eltern, ein weiteres Mal beim Zuhören: Eine Überlebende des Lagers erzählt von dem Leid, das sich bei der gewaltsamen Trennung von Eltern und Kindern ereignete.
Wie Emilie Schindler auf eigene Faust sechzig Menschen aus einem Todeszug rettete
Christelle Galland setzt Farbwechsel ein, um Zeitenwechsel anzuzeigen, zuweilen sind es mehrere pro Seite. Die Gegenwart — die Achtziger- und Neunzigerjahre — spielt in Farbe, die Vergangenheit ist monochrom gehalten; eine Parallele zu Spielbergs Film. Dadurch, dass wir immer wieder auch die Interviewpartner Emilies und sie selbst im hohen Alter sehen, stellt sich ein raffinierter, quasidokumentarischer Verfremdungseffekt ein. Und in Schwarz-Weiß wirken die Grausamkeiten deutscher Lageraufseher und
-aufseherinnen gedämpfter.
Die erste Begegnung von zwei Journalisten mit Emilie Schindler in Buenos AiresÉditions BambooDoch gerade die Episoden mit dem Lagerkommandanten von Plaszow zeigen die Chuzpe von Oskar Schindler, wenn es darum ging, seine Arbeiterinnen und Arbeiter zu schützen. Der Befehlshaber namens Amon Göth, ein Teufel mit Killerlaunen, wird gefügig bei Schwarzmarktgütern wie Cognac; von dem „Filou“ Oskar lässt er sich gern bestechen. Durch die ihm eigene Entschlossenheit gelingt Schindler das Undenkbare, dreihundert Menschen aus dem KZ Auschwitz wieder herauszubekommen. Mit jovialem Ausdruck sagt er: „Meine Damen, eine gute Suppe erwartet Sie in der Fabrik. Haben Sie keine Angst mehr.“
In einer bitterkalten Winternacht 1944/45 wird auf den Gleisen in der Nähe der Fabrik ein Waggon mit Häftlingen entdeckt. Weil Oskar nicht da ist, öffnet Emilie die Türen. Die überlebenden sechzig kann sie retten, und deren Ermordung wird verhindert.
Der Band über die Schindlers ist Teil einer ganzen Comicreihe über Retter in der Schoa
Diese „Bande dessinée“ (wie Comics in Frankreich genannt werden) ist durchaus anspruchsvoll; Parolen wie „judenfrei“ oder „Alle Räder rollen für den Sieg“ sind darin auf Deutsch zu lesen. Die Zeichnungen sprechen eine eigene, ausdrucksvolle Sprache. Wenn die Schindlers sich am Abend des 7. Mai 1945 mit den Arbeitern versammeln, wirft Oskar in hohem Bogen sein Parteiabzeichen fort, und eine Frau mit gelbem Stern übergibt ihnen ein Schreiben, das die Rettungsbemühungen dokumentiert.
1994 wird endlich auch Emilie von der Internationalen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt. Daran angelehnt, heißt die neue Serie des Verlags Bamboo „Les Justes“. Ebenfalls lesenswert ist der Band über den Schweizer Diplomaten Carl Lutz, der tausende ungarische Juden rettete. Für 2027 ist eine bande dessinée über den amerikanischen Journalisten Varian Fry geplant, der durch Uwe Wittstocks Erfolgsbuch „Marseille 1940“ wieder ins öffentliche Bewusstsein gerückt ist.
Jean-Yves Le Naour, Christelle Galland: „Les Justes: Emilie et Oskar Schindler“.
Éditions Bamboo, Charnay-lès-Mâcon 2025. 64 S., geb., 15,90 €.

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