Den Soldaten der Friedenstruppe der Vereinten Nationen gab die israelische Armee kurz vorher Bescheid. Am Sonntag vergangener Woche würden kleine Flugzeuge über den Süden von Libanon ausschwärmen und Chemikalien versprühen. Was versprüht werden soll, sagte die israelische Armee (IDF) nicht, empfahl den UN-Soldaten aber, lieber „Deckung zu suchen“.
Die Blauhelme sagten alle geplanten Patrouillen an der Grenze zu Israel ab. Am Sonntag kamen die Kleinflugzeuge und sprühten in der Nähe des Ortes Ayta ash-Shaab, der nur zwei Kilometer von der Grenze entfernt ist. Wenige Tage zuvor waren in den sozialen Medien bereits Aufnahmen von ähnlichen Flugzeugen zu sehen gewesen, die in der Nähe der syrischen Stadt Quneitra Flüssigkeiten versprühen, nahe der von Israel völkerrechtswidrig besetzten Golanhöhen. Die IDF selbst äußerte sich öffentlich nicht zu den Flügen. Was also wird da versprüht? Und warum?
Das libanesische Ministerium für Landwirtschaft entsandte Mitarbeiter in den Süden, um in der betroffenen Region Proben zu nehmen. Ende vergangener Woche teilte das Ministerium mit, dass es sich bei der Substanz um das Herbizid Glyphosat handele, dessen Konzentration in einigen Proben „die normalen Werte um etwa 20 bis 30 Prozent überschreitet“. Libanons Präsident Joseph Aoun sprach von „Umwelt- und Gesundheitsverbrechen“ und der Verletzung der libanesischen Souveränität. Er kündigte an, „alle notwendigen rechtlichen und diplomatischen Maßnahmen zu ergreifen, um dieser Aggression entgegenzutreten“. Libanon möchte eine Beschwerde vor dem UN-Sicherheitsrat einreichen.
Glyphosat wurde als Herbizid vom US-Chemiekonzern Monsanto vermarktet, der mittlerweile von Bayer übernommen wurde. Das Mittel ist seit Jahrzehnten umstritten. Die Internationale Agentur für Krebsforschung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) stuft es als „wahrscheinlich krebserregend für den Menschen“ ein. Die US-Umweltschutzbehörde und die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit kommen zu dem Schluss, dass wahrscheinlich kein Krebsrisiko für den Menschen besteht.
Eindeutig ist die Wirkung von Glyphosat auf die Natur: Landwirte nutzen es üblicherweise, um vor der Aussaat alles Unkraut zu vernichten. Es ist ein Totalherbizid, vernichtet also alle Pflanzen, die mit dem Gift besprüht werden.

:Hoffnung für Bayer bei Glyphosat-Klagen
Das Dax-Mitglied hat Milliarden gezahlt, weil US-Bürger Bayers Unkrautvernichter für ihre Krebserkrankung verantwortlich machen. Jetzt hat der Oberste Gerichtshof eine Beschwerde des Konzerns akzeptiert.
Landwirtschaft ist für die meisten Bewohner im Südlibanon die Haupteinkommensquelle: Oliven werden hier angebaut, Tabak und näher an der Küste auch Zitrusfrüchte, Bananen und Avocados. Große Teile der landwirtschaftlichen Fläche wurden in den vergangenen zwei Jahren durch israelische Angriffe zerstört.
Nach dem Terror der Hamas vom 7. Oktober hatte die libanesische Hisbollah-Miliz aus Solidarität begonnen, Tausende Raketen nach Nordisrael abzufeuern, dabei starben mindestens 70 Menschen.
Im Herbst 2024 schlug Israel massiv zurück, tötete Hisbollah-Führer Hassan Nasrallah und besetzte Teile Südlibanons. Etwa 4000 Menschen starben, mehr als 1,2 Millionen wurden vertrieben. Seit Ende 2024 gilt ein Waffenstillstandsvertrag, der die Entwaffnung der Hisbollah vorsieht. Im Süden des Landes ist die nach Angaben der libanesischen Armee bereits abgeschlossen, im Rest will die Hisbollah ihre Raketen und Gewehre behalten. Verhandlungen soll es höchstens geben, wenn Israel sich aus seinen Stützpunkten auf libanesischem Boden zurückzieht. Israel sieht es umgekehrt: Einen Rückzug gebe es nur nach der vollständigen Entwaffnung, fast täglich wird der Süden des Landes angegriffen.
Die Regierung von Benjamin Netanjahu plant zudem offenbar, eine Pufferzone einzurichten. In einem Streifen zehn Kilometer entlang der Grenze dürften demnach keine Zivilisten mehr leben. Die meisten Häuser dort sind bereits jetzt zerstört – wer sein Haus wiederaufbaut, muss mit einem israelischen Angriff rechnen.
Soll das Glyphosat nun auch die Lebensgrundlage vernichten, jegliche Rückkehr sinnlos machen? Das Versprühen von Chemikalien habe „den natürlichen Ressourcen schweren Schaden zufügt und die Lebensgrundlage der Landwirte untergraben“, sagt das Landwirtschaftsministerium in Beirut. „Zusätzlich zu den potenziellen Gesundheits- und Umweltrisiken für Wasser, Boden und die gesamte Nahrungskette.“
Mithilfe von brennenden Autoreifen die Windrichtung getestet
In den vergangenen zwei Jahren hatte Israel im Gebiet entlang der Grenze bereits Phosphorbomben eingesetzt, durch die große Olivenhaine verbrannten und Tausende Bauern ihrer Lebensgrundlage beraubt wurden. Das Versprühen von Glyphosat in Südlibanon könne „nicht losgelöst von der Politik der verbrannten Erde betrachtet werden, die die israelische Armee verfolgt. Er ist Teil eines Musters systematischer Zerstörung landwirtschaftlicher Flächen, darunter die Verbrennung von etwa 9000 Hektar unter Einsatz von weißem Phosphor und Brandmunition“, sagt die Organisation Euro-Med Human Rights Monitor.
In Gaza hatte Israel bereits vor mehr als zehn Jahren mit dem Versprühen von Glyphosat begonnen. Damals beauftragte die IDF private Unternehmen damit, entlang der Grenze zu Gaza Glyphosat zu versprühen, der Luftraum selbst durfte nicht überflogen werden.
Die Armee, so eine Recherche von Forensic Architecture, habe zuvor mithilfe von brennenden Autoreifen die Windrichtung getestet, wenn der Wind in Richtung Gaza wehte, wurde gesprüht. Von 2014 bis 2018 sollen nach Recherchen der israelischen Zeitung Haaretz etwa 1400 Hektar mit Spinat, Okra, Mais, Petersilie, Weizen, Erbsen und Gerste zerstört worden sein.
Mithilfe einer israelischen Organisation klagten sechs Palästinenser auf Schadenersatz. Das Verteidigungsministerium wies die Klagen zurück: Erstens sei der Staat nicht für Schäden verantwortlich, die den Bewohnern des Gazastreifens entstehen. Zweitens sei das Besprühen aufgrund einer operativen Notwendigkeit erfolgt, die sich aus feindlichen terroristischen Aktivitäten in dem Gebiet ergab – wodurch es sich um eine Kriegshandlung handelt, die dem Staat Immunität vor Schadensersatzansprüchen gewähre.










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