Bei Luftangriffen auf die Ukraine ist im Osten Polens mutmaßlich ein russischer Marschflugkörper abgestürzt. Von einem gezielten Angriff geht das Land nicht aus.
Aktualisiert am 30. Juli 2026, 12:46 Uhr
Bei russischen Luftangriffen auf die Ukraine in der Nacht zum Donnerstag ist mutmaßlich ein russischer Marschflugkörper in Polen eingeschlagen. Das teilten der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha und Polens Ministerpräsident Donald Tusk mit. »Nachts ist ein russischer Ch-101-Marschflugkörper während eines massiven russischen Angriffs auf die Ukraine in Polen eingedrungen und hat dabei Nato-Luftraum verletzt«, schrieb Sybiha auf X.
Zuvor hatte Polens Militär mitgeteilt, in der Nacht sei während der laufenden russischen Angriffe im Westen der Ukraine ein unidentifiziertes Flugobjekt in den Luftraum des Nato- und EU-Landes eingedrungen. Wenige Minuten später sei es vom Radar verschwunden. Am Donnerstagmorgen wurden in der Region Lublin, etwa 80 Kilometer von der Grenze zur Ukraine entfernt, nach Polizeiangaben ein zehn Meter breiter Einschlagkrater und Trümmer entdeckt.
Polen geht von russischem Marschflugkörper aus
»Alles deutet darauf hin, dass es ein russischer Ch-101-Marschflugkörper war«, sagte Polens Ministerpräsident Tusk bei einer Krisensitzung. Zugleich stellte er klar, dass dies noch nicht endgültig bewiesen sei: Man wolle sich »zu 100 Prozent sicher sein«, was den Typ des Flugobjekts und »denjenigen, der es abgefeuert hat«, betrifft, sagte Tusk.
Sollte es sich tatsächlich um einen Ch-101-Marschflugkörper handeln, könnte dieser allerdings nur von Russland eingesetzt worden sein, da die Ukraine weder diese Waffen besitzt noch Bomber, die sie tragen können. Hunderte Einheiten an vergleichbaren Waffen sowie Trägerflugzeuge aus Sowjetbeständen hatte die Ukraine in den Neunziger- und Nullerjahren im Rahmen eines Nato-Abrüstungsprogramms verschrottet oder an Russland übergeben.
Mit Ch-101-Marschflugkörpern greift Russland wiederum regelmäßig ukrainische Städte an. Die ukrainische Luftwaffe sprach bei den nächtlichen Angriffen Russlands unter anderem auf das westukrainische Lwiw von 65 eingesetzten Marschflugkörpern, unter denen auch Ch-101 gewesen seien. 20 Marschflugkörper konnten demnach nicht abgewehrt werden. Lwiw liegt gut 60 Kilometer östlich der Grenze zu Polen. Nach örtlichen Angaben wurden dort bei den Angriffen mehr als 30 Menschen verletzt.
Vorfälle Ende 2022 und im Herbst 2025
Tusks Vorsicht bei der Bestätigung der Angaben dürfte unter anderem einem Vorfall im November 2022 geschuldet sein. Damals hatte eine Rakete in Polen zwei Menschen getötet. Die Ukraine sprach zunächst von einer russischen Rakete, die in dem Land eingeschlagen sei. Später ergaben Untersuchungen, dass es sich um eine fehlgeleitete ukrainische Abwehrrakete vom sowjetischen Typ S-300 gehandelt hat.
Im September 2025 waren mehr als 20 russische Drohnen in Polens Luftraum eingedrungen, mehrere davon wurden abgeschossen. Im Fall des mutmaßlichen russischen Marschflugkörpers sagte Tusk: »Wir waren bereit, die Rakete abzuschießen, wenn sie weitergeflogen wäre.« Zugleich teilte er mit, er gehe von einem unbeabsichtigten Vorfall aus: »Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass Polen das Ziel war«, sagte Tusk.
Polen lässt bei russischen Angriffen auf die Westukraine inzwischen regelmäßig Kampfjets aufsteigen. In die Abwehr der Raketen, Marschflugkörper und Drohnen in der Ukraine greifen sie dabei nicht ein, sollen aber auf mögliche Luftraumverletzungen schnell reagieren können.
Abschüsse von Drohnen in Rumänien, Störsignale im Baltikum
Um das vergangene Wochenende herum hatten rumänische Kampfjets an drei aufeinanderfolgenden Tagen drei russische Drohnen abgeschossen, die in den Luftraum Rumäniens eingedrungen waren. Zu derartigen Fällen kam es in der Vergangenheit regelmäßig, da die von Russland angegriffenen Schwarzmeer- und Donauhäfen der Ukraine in der Nähe der rumänischen Grenze liegen. Allerdings hatte Rumänien die Drohnen bislang nie abgeschossen, sondern sie teils in die Ukraine zurückfliegen lassen oder einen Absturz über unbewohntem Gebiet abgewartet.
Auch im Baltikum kommt es seit Monaten regelmäßig zu Luftraumverletzungen – dort allerdings größtenteils durch ukrainische Drohnen. Bei Angriffen auf Ziele in der Region um St. Petersburg herum werden sie laut Vorwürfen aus Kyjiw und den baltischen Staaten durch russische Störsignale vom Kurs abgebracht und auf das Gebiet der Nachbarländer umgeleitet.
Russland streitet dies ab und behauptet, die Ukraine würde ihre Drohnen vom Gebiet der baltischen Staaten aus starten. Dafür gibt es allerdings keine Belege, zudem bestätigen Zeitpunkte und Orte von Luftalarmen in russischen Regionen regelmäßig die von inoffiziellen ukrainischen Quellen angegebenen Flugrouten.
Verhältnis zwischen Polen und der Ukraine derzeit angespannt
Die mutmaßliche Luftraumverletzung Polens durch einen russischen Marschflugkörper während eines laufenden Angriffs auf die Ukraine kommt zu einem Zeitpunkt, in dem das Verhältnis Polens und der Ukraine stark angespannt ist. Grund dafür ist ein Streit zwischen den Präsidenten Polens und der Ukraine um die Deutung der Rolle ukrainischer Aufständischer in der Zeit des Zweiten Weltkriegs, die in Polen Kriegsverbrechen begangen hatten. Seitdem kommt es in Polen häufiger zu Anfeindungen gegenüber ukrainischen Flüchtlingen.
Darauf bezog sich auch Außenminister Sybiha. Der Vorfall sei eine »Mahnung« daran, dass es »nichts Dringlicheres« für beide Länder gebe, als beim Vorgehen gegen Bedrohungen aus Russland geeint zu sein. »Alle anderen Meinungsverschiedenheiten müssen während dieses brutalen Krieges beiseitegelegt werden. Unsere oberste Priorität muss unsere gemeinsame Sicherheit sein.«
Mit Material der Nachrichtenagentur Reuters

vor 2 Stunden
1










English (US) ·