Im Mai 1770, nicht einmal 15 Jahre alt, wurde Marie Antoinette, Tochter der Kaiserin Maria Theresia, mit dem französischen Thronfolger (Dauphin), dem späteren Ludwig XVI., verheiratet. Was sie mit ihrer Heimat verband, musste sie aufgeben und sich in Verhältnisse einleben, die kompliziert waren, fremd – der Hof in Versailles folgte ganz anderen Maximen als der in Wien –, misstrauisch, ja missgünstig. Und dann war das Verhältnis der Eheleute schlecht. Marie Antoinette schien das erotische Interesse des Dauphins nicht zu wecken, sie konnte nicht schwanger werden, das wurde ihr zur Last gelegt, in Frankreich, aber auch in Wien. Die Mutter machte ihr Vorhaltungen, es an Verführungseifer mangeln zu lassen, doch war das Problem wohl eine Phimose des Gatten, die erst Jahre nach der Eheschließung behoben wurde.
Marie Antoinette litt jedenfalls unter der Situation. Sie wünschte sich Kinder, und nicht nur aus politischen oder sozusagen professionellen Gründen, zur Stabilisierung der Dynastie. Sie scheint sich nach Kindern gesehnt zu haben, und wohl auch weil dieser Wunsch sich acht Jahre nicht erfüllte, empfand sie ihr Leben als leer. Als ihre Mutter wieder einmal über Verschwendung und mangelnden Ernst der Tochter klagte, kam es zu der berühmten Reaktion: „Was will sie? Ich habe Angst, mich zu langweilen.“
Der Ton der Zeitgenossen
Das ist das Bild, das Marie Antoinette der Nachwelt hinterlassen hat, und ganz falsch ist es wohl nicht. In den Erinnerungen, die Henriette Campan, Kammerfrau der Dauphine und Königin, elf Jahre nach deren Tod unter der Guillotine zu schreiben begann, heißt es: „Mit Ausnahme des Königs frönte diese ganze jugendliche Familie nur dem Vergnügen.“ Und Campan beschreibt ihre Herrin im Übrigen mit Sympathie, betont deren Schönheit, Anmut und vor allem Gutherzigkeit.
„Das kurze und verschwenderische Glück der Königin Marie Antoinette“. Die Aufzeichnungen ihrer Kammerfrau Henriette CampanC.H. BeckIhr Buch war auf Deutsch seit Jahrzehnten nicht mehr greifbar, nun hat Hans Pleschinski es (mit geringen Kürzungen) neu übersetzt und kommentiert. Die Erinnerungen der Henriette Campan sind ein viel benutztes Buch, alle Darstellungen der Revolution und der unglücklichen Königin, auch die großen Verfilmungen, haben es ausgewertet, insofern ist vieles daraus nicht unbekannt. Und doch möchte man den Ton der Zeitgenossen hören.
Frankreich gilt als die erste Macht Europas im achtzehnten Jahrhundert; mehr, als den Thronfolger zu heiraten, kann eine Prinzessin nicht erreichen. Und doch ist Versailles in vielem eine dürftige Welt. Bei aller Verschwendung sind die Mittel oft knapp, selbst an der Erziehung der Töchter Ludwigs XV. wurde gespart, mit zwölf Jahren hatte Madame Louise „noch nicht das ganze Alphabet gelernt“. Ihr Vater liebte den groben Ton, von einer Tochter sprach er Bedienten gegenüber als „der dicken Sau“.
Überall auf dem Hof herrschte „Karrieremacherei“
Die Etikette, so Campan, entsprach ihrer Formung unter Ludwig XIV., „allein die Würde fehlte“, Frömmigkeit desgleichen und auch die Heiterkeit. Runden, „wo man Geist und Anmut sich entfalten sah, brauchte man in Versailles nicht mehr zu suchen“. Benjamin Franklin, der erste Botschafter der USA in Frankreich, begeisterte als Naturforscher (er erfand den Blitzableiter) und Apostel der Freiheit „den regen Geist der Französinnen“, ein Medaillon aus Sèvres zeigte seinen Kopf und die Devise „Eripuit coelo fulmen, sceptrumque tyrannis“: „Dem Himmel entriss er den Blitz, den Tyrannen das Szepter.“ Ludwig XVI. fühlte sich provoziert, er ließ in Sèvres einen Nachttopf herstellen, auf dessen Boden das Medaillon abgebildet war, und schickte ihn als Neujahrsgabe einer Bewunderin Franklins.
Das Interessanteste an den Erinnerungen der Henriette Campan sind die Beschreibungen des Lebens am Hof. Alles ist öffentlich, alles wird bekannt. „Sieht ein Höfling, was einem anderen zuteilwird, meint er, es sei ihm genommen worden.“ So mag es auch in anderen Milieus gehen, aber der Hof ist für den Adel der einzige Ort, sein Glück zu machen, es gibt keine Alternative. In dieser Kühle und Karrieremacherei sehnte Marie Antoinette sich nach „zärtlicher Freundschaft“, doch welche Chancen hätte dies Gefühl zwischen der Königin und einer Untertanin haben können, „wo zudem rundum die Fallen der Höflinge drohen“?
Wo das tradierte Zeremoniell nicht mehr als Ausdruck von Größe und Pflicht empfunden wird, steigern sich solche seelischen Bedürfnisse. Versailles war für die königliche Familie ein ungeliebter Ort geworden. „Man fühlte sich nur noch in einfacher Umgebung, verschönt durch englische Gärten, zu Hause.“ Aber der höfische Apparat klappert weiter, zu groß ist die Zahl derer, die von ihm leben, von der Wirtschaft des Pariser Raums über den Adel bis zu den Bedienten, die Anspruch haben auf die reichen Reste der Tafel, die kaum genutzte Kleidung der Hoheiten, die nur kurz angebrannten Kerzen – denn Räume, die der König betrat, wurden von frisch angezündeten Kerzen erhellt.
Sie überlebte die Revolution, die die Königin den Kopf kostete
Aus eigener Anschauung berichtet Henriette Campan nur über die erste Phase der Revolution, für die sie als Royalistin wenig Verständnis hat. Aber als Bürgerliche moniert sie doch die ständige Hintansetzung tüchtiger Leute aus ihrem Stande. Marie Antoinette zeigt sie in der Not als tapfere und einsichtsvolle Frau, die erkennt, wie alles die Sache der Revolution begünstigt, die „besessenen Neuerer“ natürlich, aber auch die Schwäche des Königs, die Partei der Emigranten mit ihren Intrigen, die uneinsichtigen auswärtigen Mächte – und sie selbst, unglücklich, weil sie, so das eigene Urteil in Campans Überlieferung, „schuld an ihrem Unglück ist“.
Henriette Campan überlebte die Revolution und eröffnete 1794 ein angesehenes Mädchenpensionat, in dem Napoleon seine jüngeren Schwestern unterbrachte. Später stiftete er ein Institut für die Töchter gefallener Offiziere, bestimmte Campan zur Leiterin und gab ihr den Auftrag: „Erziehen Sie Gläubige und keine Vernünftlerinnen.“ 1815 verlor sie den Posten und musste sich aufs Land zurückziehen. Sie starb 1822.
„Das kurze und verschwenderische Glück der Königin Marie Antoinette“. Die Aufzeichnungen ihrer Kammerfrau Henriette Campan. Hrsg. und aus dem Französischen von Hans Pleschinski. C. H. Beck Verlag, München 2025. 348 S., Abb., geb., 26,– €.

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