Kolumne „Lost and Found“: Wovon wir träumen, wenn es an allen Ecken brennt

vor 1 Tag 2

Schnee fiel auf die Stadt und wiegte sie in der Zeit, während wir immer noch Pläne für das neue Jahr schmiedeten. Der Anfang des Januars war still in Berlin, leer und weiß, wie eine noch nicht geschriebene Geschichte. Auf den Straßen zogen einzelne Menschen umher, die selbst nicht wussten, warum sie hier waren. Ich hatte das Gefühl, dass die Welt eine neue Seite aufgeschlagen hatte – und nun lag es vor uns, ein neues, ungeschriebenes Blatt, als Chance, Option. Ich habe mich von diesem magischen Anfang mitreißen lassen, fürchte aber, dass mein Text weder eine Handlung hat noch neue Worte über erschreckende Weltereignisse findet. Ich möchte von drei nächtlichen Ereignissen erzählen, die aus der Unmöglichkeit einer direkten Rede entstanden sind.

Als der Schnee über die Stadt fiel und alles unglaubwürdig weiß wurde, hatte ich einen seltsamen Traum. In meiner Muttersprache sagt man: „Ich habe einen Traum gesehen.“

Es schneite auch in meinem Traum, was den Abstand zur Realität auf ein Minimum reduzierte. Ich überquerte einen riesigen, schneebedeckten Innenhof in einem Wohnviertel meiner Kindheit – überall standen riesige Plattenbauten. Der Schnee war unberührt, und ich hinterließ Spuren, weiß auf weiß. Plötzlich sah ich vier Vögelchen, die wie auf einem Schachbrett an den Ecken angeordnet waren: Zwei dicke Spatzen, sehr flauschig, wie aufgeblasen, standen vorne, eine Meise und eine Schwalbe lagen hinten. Sie waren tot. Erfroren. Ich war weder überrascht noch erschrocken, als ob dieser tödliche Fund Teil des Alltags in den Innenhöfen meiner Kindheit gewesen wäre.

Ich beschloss, die Vögel mitzunehmen, in der vagen Hoffnung, dass sie in der Wärme wieder zum Leben erwachen würden. Ich musste einfach etwas tun. Meine Mühe war genauso selbstverständlich wie die Feststellung ihres Todes. Vielleicht kam mir die Idee, sie zu retten, wegen der Schwalbe. Im Traum schien die Erinnerung an ein Märchen auf: Däumelinchen lebte in einem Maulwurfbau, fand dort eine tote Schwalbe und wickelte sie in eine warme Decke ein. Gegen alle Erwartungen lebte die Schwalbe allmählich wieder auf. Später rettete sie Däumelinchen aus dem dunklen Maulwurfbau und brachte es in das Land der Elfen, so wie es sich für ein Märchen gehört.

Da regte sich die Schwalbe in meinem Traum, als hätte sie sich auch an dieses Märchen erinnert, auch in ihr glimmte noch ein Rest Leben. Ich versuchte, die erfrorenen Vögel einzusammeln. Einer der Spatzen klebte an mir wie eine Süßigkeit, wie ein Marzipankopf, als wäre er „mit allen Pfoten“ ins Leben zurückgeeilt. Mich beschlich ein unangenehmes Gefühl. Ich wollte meine Schützlinge, die zu Präparaten ihrer selbst geworden waren, zu Hause erwärmen. Doch sie begannen bereits, ungeschickte Lebenszeichen von sich zu geben, nach ihrer eigenen Art. Ich dachte: Wenn man schon gerettet wird, muss man sich bitte schön benehmen! Zugleich war es mir peinlich, dass ich den Vögeln meine Vorstellung vom „Überleben“ aufdrängte.

Als ich erwachte, wunderte ich mich über den Traum mit den Vögelchen, den ich nicht zu Ende „sah“. Ich wunderte mich darüber, dass es vier waren, als stünden sie für die Himmelsrichtungen, als wäre mit ihnen mein Koordinatensystem erfroren, die ganze Orientierung in der Welt. Denn an allen Ecken brennt es. Es wird ein endloser Krieg geführt, und Millionen Menschen frieren ohne Strom und Heizung. An der anderen Ecke entsteht eine Revolution, und Protestierende werden gemetzelt, Unmengen werden erschossen. Woanders ist eine Jagd auf den Menschen angesagt, und eine Frau namens „Good“ fällt zum Opfer, als wäre die Gewalt zur Allegorie ihrer selbst geworden ...

Wie überrascht war ich, als mir eine Freundin ihren Traum erzählte, mit einem ähnlichen Vogelmotiv, als würden uns auch unsere Träume verbinden. Sie stieg in einem riesigen Gebirge den Berg hinab. Der Weg war beschwerlich, überall entlang des Weges lagen verwundete, erschöpfte Vögel. Sind sie vom Himmel gefallen, weil er nun den Drohnen und Raketen gehört? Irgendwann konnte sie es nicht mehr ertragen und beschloss, einige von ihnen zu töten, um ihr Leid zu beenden – eine schwere, vielleicht aber humane Entscheidung. Erst als sie den Gipfel erreichte, traf sie einen Magier, der ihr erklärte, dass ihre „Hilfe“ verfrüht gewesen sei. Es gebe eine Rettung für das leidende Vogelvolk, meinte er, die sich einem aber erst hinter dem Berg erschließe. Aber gibt es dieses „hinter dem Berg“ überhaupt? Ist es für uns zugänglich?

Die beiden Träume betrafen die Frage nach dem Handeln, die Sehnsucht einzelner Menschen nach magischer Kraft. Sie schienen vor dem Hintergrund missbrauchter Friedensverhandlungen und einer Spirale der Gewalt entstanden zu sein, die einem das Blut in den Adern gefrieren lässt.

Dann rief mich meine alte Mutter an, die mir ebenfalls von ihrem Traum erzählte. Es wurde das Ende des Krieges verkündet. Sie erinnerte sich an das Ende des Zweiten Weltkriegs und rannte wie damals auf die Straße, aber dort war niemand, kein einziger Mensch, die Straßen waren leer und kalt, und erst dann wachte sie auf.

Gesamten Artikel lesen