Kolumne „Import Export“: Acht Ferientage in Syrien, Realitätsverlust inklusive

vor 14 Stunden 1

Sommer ist Reisezeit. Manche fahren an den Gardasee, manche ins Holzhaus nach Schweden, manche zum Surfen an die Algarve. Manchen wiederum ist das zu langweilig. Da muss was Exotisches her, und Bali ist offenbar nicht mehr exotisch genug. Denn egal welche abgelegene Insel man ansteuert, James, der IT-Spezialist aus Birmingham, Franziska, die Lehrerin aus Bad Cannstatt, und Lars, der Online-Marketing-Manager aus Oslo, sind schon da. Weit weg ist nicht mehr weit genug weg. Die Erde ist rund, und alles innerhalb von 19 Flugstunden erreichbar. Die Zeit der großen Expeditionen ist seit mindestens einem Jahrhundert vorüber. Was macht man also als Globetrotter mit Ambitionen? Den K2 besteigen oder alleine über den Atlantik segeln? Aber nicht jeder hat das nötige Geld und die körperliche Fitness dazu.

Wie wäre es alternativ mit Syrien?

Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Und tatsächlich, kaum ist das Assad-Regime gestürzt, kommen auch schon die Touristen wieder. Wobei – eigentlich sind sie nie ganz weg gewesen, denn nicht mal Assads Fassbombenkrieg und Foltergefängnisse haben Travel-Blogger und AfD-Abgeordnete davon abgehalten, nach Syrien zu reisen. Aber jetzt ist Assad weg und der Krieg auch irgendwie vorbei.

Dass der Krieg natürlich nicht ganz vorbei ist und besonders gegen Minderheiten und minderheitenfreundliche Sunniten noch schön brutal weitergeht, kann man ignorieren, wie es auch schon der Bundeskanzler Friedrich Merz getan hat, als er dem selbst ernannten syrischen Präsidenten den roten Teppich ausgerollt hat. Wie dem auch sei, die Sonne scheint, die Landschaften sind schön, das Essen ist lecker, die Menschen sind arm, aber gastfreundlich. Und vor allem ist Syrien kein Land wie jedes andere.

Tagesausflug in die zerstörten Vororte von Damaskus

Bei einschlägigen Reiseanbietern kann man schon wieder buchen: acht Tage Syrien. Von Damaskus an die Küste und nach Aleppo, Wandeln „auf Spuren vergangener Kulturen in malerischen Bazaren und traditionellen Kaffeehäusern bei Wasserpfeife und süßem Gebäck“. Highlight ist ein echtes, authentisches Abendessen bei einer echten, authentischen syrischen Familie. Oder zehn Tage „Antike Schätze, lebendige Träume: eine Reise des Neuanfangs“. Homs, Palmyra, Kreuzritterburgen, das volle Programm.

Und wer es ein bisschen aktiver mag, kann sich schon mal für „Damaskus – die besondere Street-Foto-Reise mit Laif-Fotograf Lutz Jäkel“ anmelden, geplant 2028. Kultursensibilität wird da ganz groß geschrieben. Beworben wird die Reise mit Fotos von Ruinen, auf Panzer spielenden Kindern, dem Marjeh-Platz, wo die Bilder der in den Assad-Folterknästen Verschwundenen hängen, netten Restaurants und belebten Suq-Gassen. Highlights der Tour sind hier unter anderem ein „Tagesausflug nach Homs“ und „Eindrücke in Yarmuk und Harasta, zerstörte Vororte von Damaskus“. Übernachtet wird selbstverständlich in einem „wunderschönen Boutique-Hotel in der Altstadt“. Denn beim Elendstourismus darf der Komfort nicht auf der Strecke bleiben.

DSGVO Platzhalter

Auf Instagram teilt Fotograf Jäkel seine fotografischen Syrien-Impressionen und gibt so manche Einschätzung zur gegenwärtigen Lage ab. Die Massaker an den Drusen vor einem Jahr nennt er „Ausschreitungen“, und bei den Kurden ist er einer ganz heißen Sache auf der Spur, nämlich dass es im Zuge der Militäroffensive der syrischen Übergangsregierung im Januar gegen die Kurden ein „einseitiges Narrativ“ gebe. Eines, das die Kurden ausschließlich als Opfer darstellt und die Armee al-Golanis ausschließlich als Täter. Beste Voraussetzungen also für eine kultursensible Reiseleitung.

Backpacking in Afghanistan, Sightseeing in Nordkorea

Aber ein bisschen Realitätsverlust kann vermutlich nicht schaden, wenn man Land und Leute genießen will. Das kann man auch bei den zahlreichen Travel-Bloggern beobachten, die einem Tiktok und Instagram in die Timeline spült. Denn im Jahr 2026 reist man selbstverständlich nicht nur für sich allein. Während man in den Neunzigerjahren noch mit der Diashow durch die Provinz tingeln musste, erreicht man heute mit Reise-Reels Zehntausende, Hunderttausende, gar Millionen. Und im Travel-Blogger-Game gilt: je ausgefallener, desto besser. Backpacking in Afghanistan (leckeres Essen, atemberaubende Landschaften, „ignoring the Western Propaganda“, nach dem Motto: „Die Taliban sind ja eigentlich ganz nett“), Sightseeing in Nordkorea (Paradestraßen, Kim-Jong-un-Statuen, Zoo).

Oder halt Syrien. Einer, der das recht erfolgreich macht und letztes Jahr in Syrien war, ist der Jurastudent Adrian Schnellbächer. Auf Linkedin rühmt er sich als „Erster deutscher mit geilem Syrien Content“ (sic). In einem seiner Videos sieht man ihn in Jobar stehen, einem komplett zerstörten Stadtteil von Damaskus, „zur golden Hour für ein paar süße kleine Instagram Bilder“, wie er erzählt. Ein anderes Video zeigt ihn dann, wie er mit Soldaten der syrischen Armee – „meine Soldaten Akhs“ (Soldatenbrüder) – zu Abend isst, auf ihrem Stützpunkt abhängt – „äußerst gastfreundschaftlich“ (Sic!) –, Spritztouren durch Aleppo und Idlib unternimmt und mit Kalaschnikows in der Wüste rumballert. Das volle Programm.

„Boys go to Japan, men go to Syria“

Später sieht man ihn noch in Latakia an der Küste entspannen („wie Italien“), wo seine netten Freunde von der syrischen Armee vor ein paar Monaten noch Alawiten abgeschlachtet haben. Von den Massakern an den Alawiten und an den Drusen erfährt man natürlich nichts. Warum auch? „Syrien ist geil“, so lautet der Titel eines seiner Videos.

Warum aber macht man Urlaub an Orten, von denen andere fliehen? „Boys go to Japan. Men go to Syria“, heißt es im Video eines anderen Travel-Bloggers. Westliche Wohlstandkids und weit gereiste Bildungsbürger, sie alle reizt das „Echte“, „Authentische“, „Archaische“. Syrien ist nach 13 Jahren Krieg Neuland, scheinbar unberührt von Touristen. Man kann wieder zu den Ersten gehören, den Entdeckern, 19. Jahrhundert reloaded.

Die Einheimischen begegnen einem mit einer Offenheit, die man auf Bali und in Thailand so nicht mehr findet. Und nebenbei kann man dann als großer Erklärer der Lage vor Ort auftreten, die – auch das liest man oft – so ganz anders sei, als einem die westlichen Medien immer erzählen. Zum großen Abenteuer gibt es dann noch eine Portion Deutungshoheit gratis dazu. In Rimini findet man das nicht.

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