Wie jetzt jeder weiß, der den erschreckend stümperhaften Versuch verfolgt hat, den gestrandeten Buckelwal zu retten: Die Schwanzflosse der Meeressäuger ist äußerst empfindlich und nur mit Muskeln mit dem Körper verbunden. An ihr zu ziehen, wie bei „Timmy“ geschehen, kann zu schlimmen Verletzungen führen. Sich nicht weiter mit jenem Körperteil zu beschäftigen, in das bei den meisten Wirbeltieren die Wirbelsäule ausläuft, hat selten so ernst zu nehmende Konsequenzen, ist aber dennoch ein Fehler, wie „Wofür Tiere ihren Schwanz brauchen“ klarmacht. Man verpasst nämlich etwas.
Aus dem Projekt des französischen Zeichners Olivier Charpentier, einmal das so wenig beachtete Hinten nach vorn zu stellen, ist ein hinreißendes Buch geworden, das auch die vorlesenden Eltern nach 64 Seiten enttäuscht zuklappen werden: wie, schon vorbei? Eigentlich möchte man jetzt die gesamte Tierwelt aus Schwanzperspektive vorgeführt bekommen, so beeindruckend ist deren Vielfalt, so augenöffnend sind die Texte und so verführerisch die Zeichnungen, die jedes Tier fein gestrichelt in Szene setzen, in oft herausfordernder Perspektive. Das muss man erst mal hinbekommen, ein Flusspferd oder ein Schwein von hinten zum Hingucker zu machen.
Olivier Charpentier: „Wofür Tiere ihren Schwanz brauchen“.Jacoby & StuartMan erfährt von Schwänzen, mit denen sich gut vorankommen lässt (Wale), die rettende Richtungsänderungen ermöglichen (Fische), die lästige Fliegen wegwedeln (Pferde), die weiß leuchtend den Artgenossen signalisieren, dass die Flucht angeraten ist (Hase). Man sieht buschige Prachtexemplare mit Heizungsfunktion (Kleiner Panda), Multifunktionsgeräte, die Werkzeug und Fettspeicher zugleich sind (Biber) und schwenkbare, giftbewehrte Waffen (Skorpion). Faszinierend auch, wie aus der Nähe der mal gefiederten, pelzigen oder ledrigen Anhängsel und dem Ort körperlicher Ausscheidungen ein Mehrwert geschaffen wird. Das Faultier gräbt nach dem wöchentlichen Abstieg vom Baum mit seinem Stummelschwanz ein Loch, in das es im Anschluss seine Notdurft plumpsen lässt. Das Flusspferd synchronisiert den Toilettengang mit propellerhaften Drehungen des Schwänzchens und lässt mit dem so großflächig verteilten Dung keinen Zweifel daran, in wessen Revier man sich befindet.
Dass die Schwanzparade nicht als Kuriositätensammlung präsentiert wird, sondern Kinder an die Evolutionstheorie heranführt, macht das Buch zu einem rundum gelungenen Wurf. Einzig der Einführungstext ist angesichts der Altersempfehlung von sechs Jahren an zu trocken und anspruchsvoll geraten. Bei Formulierungen wie den „vorteilhaften körperlichen Merkmalen“, die an nächste Generationen weitergegeben werden, braucht es eine elterliche Übersetzungshilfe. Aber dafür gibt es ja die Bilder, die eins ums andere belegen, wie die Natur beibehält, was sich bewährt, und eben auch verwirft, was sich als unnütz erweist. Mit einer besonders eindrücklichen Illustration dessen endet das Buch: Am Embryo eines besonders hochentwickelten Wirbeltiers, des Menschen, ist noch gut ein Schwanz zu erkennen.
Olivier Charpentier: „Wofür Tiere ihren Schwanz brauchen“. Aus dem Französischen von Nicola T. Stuart. Verlag Jacoby & Stuart, Berlin 2026. 64 S., geb., 19,– €. Ab 6 J.

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