Die Bühne ist nicht existent, gebildet wird sie durch ringsum aufgestellte Stuhlreihen, die eine Ellipse umschließen, an deren beiden Brennpunkten jeweils ein Mikrofon steht. Dazwischen liegen Bestandteile eines demontierten Motorrads: Krümmer, Bremszüge, Gabelfedern, ein Tank, Kabelstränge, Drehzahlmesser, eine Plakette mit dem Markennamen Suzuki. Das, was heute hier geboten wird, heißt „Nicht zu fassen“, und wenn man diesen vieldeutigen Titel inszenieren wollte, dann müsste es wohl so aussehen wie diese rätselhafte Trümmerfläche in der Frankfurter AusstellungsHalle 1A. Aber an diesem Abend wird gar nicht inszeniert. Es wird intoniert.
Es treten auf und an die Mikrofone: Nicole Horny und Emilie Škrijelj; die eine hat nur ihre Stimme, die andere nur ihr Akkordeon. Škrijelj beginnt, doch was sie ihrem Instrument entlockt, ist anfangs lediglich ein hoher Ton beim Aufziehen des Balgs – verstörend wie ein Ohrpfeifen, und tatsächlich ist das, was folgt, die Wiedergabe eines gesellschaftlichen Tinnitus, an den sich die Bundesrepublik nach fast einem Halbjahrhundert aber längst gewöhnt hat. Das Jahr 1977 sah den Höhepunkt des RAF-Terrorismus, und es begann damals am 7. April mit einem Mordanschlag in Karlsruhe, dem Generalbundesanwalt Siegfried Buback und seine Begleiter Wolfgang Göbel und Georg Wurster zum Opfer fielen. Ausgeführt wurde das Attentat von einem Motorrad der Marke Suzuki aus.
Der ungeklärte Buback-Mord lässt zwei Männer nicht mehr los
Die Täter? Bis heute nicht ermittelt, auch wenn 1985 die Terroristen Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar dafür verurteilt wurden, aber seit 2007 bestehen Zweifel an ihrer unmittelbaren Tatbeteiligung. Beide wurden auf Bewährung entlassen und in der Mordsache acht neu Beschuldigte angeklagt, doch bei sieben von ihnen die Ermittlungen wieder eingestellt. Nur die achte Angeklagte, Verena Becker, wurde verurteilt, allerdings nur wegen Beihilfe zum Mord, obwohl es erdrückende Beweise gegen sie gegeben hatte: Die Tatwaffe war in ihrem Besitz, Haarspuren von ihr fanden sich in einem der Helme, die während des Attentats getragen wurden. Aber Becker war, wie sich später herausstellen sollte, auch Informantin des Verfassungsschutzes. Wirklich nicht zu fassen. Die Täter nicht. Die ganze Sache nicht.
Die zweite Hälfte des spielenden Ensembles: Nicole Horny als SprecherinMichael HabesNicht zu fassen vor allem für Michael Buback, den heute achtzigjährigen Sohn eines der Ermordeten, der 2008 ein Buch namens „Der zweite Tod meines Vaters“ geschrieben hat. Und nicht für Wolfgang Spielvogel, ebenfalls achtzig und ein renommierter Theatermacher, der 2009 ein Stück namens „Buback“ geschrieben hat, das in enger Kooperation mit dessen Titelfigur entstand, denn „Buback“ handelte viel mehr von Verzweiflung und Aufklärungsbemühungen des Sohns als vom Mord am Vater. Beide Autoren ließ das Thema nicht mehr los: Buback schrieb noch zwei weitere Bücher darüber und Spielvogel ein weiteres Stück, das die Gattungsbezeichnung „13 Gesänge über die glücklich verhinderte Aufklärung eines politischen Mordes“ trägt, außerdem als „buback komplex“ bezeichnet wird. Und am Frankfurter Uraufführungsabend den Titel „Nicht zu fassen“ hat.
Akustische Erschütterung durch ein Akkordeon
Es ist eine Stimmencollage, die aber nach dem Vorbild epischer Erzählungen (daher die Rede von „Gesängen“) nur einen einzigen Sprecher hat: Bei der Uraufführung ist das Nicole Horny. Sie hat zudem die künstlerische Leitung inne; die musikalische obliegt dem Elektronik-Experimentalisten Oliver Augst, der in der eigens aus Frankreich engagierten Emilie Škrijelj eine kongeniale Interpretin gefunden hat: Ihr Akkordeon kann wimmern, stottern, brummen, klopfen, stocken, aber nie erklingt daraus Musette. Dafür werden bisweilen melodische Klangeinsprengsel eingespielt. Brechts „Lied von der Moldau“ etwa: „Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine.“ Kein Hahn kräht heute mehr nach dem, was 1977 staatserschütternd wirkte.
In der AusstellungsHalle 1A sorgt das Akkordeon mit seinen elektronisch verfremdeten Tönen dagegen für akustische Erschütterung, über die Nicole Horny hinweg die dreizehn Gesänge spricht: Prozessausschnitte, Buchzitate, Interviewtexte. Auch Horny bürstet ihren Vortrag gegen den Strich, rezitiert nicht, sondern variiert Sprache, macht aus dem Wort „Staatsfeinde“ ein „Staa-ta-ta-ta-taatsfeinde“ mit dem Toneffekt einer Maschinengewehrsalve, flüstert eine längere Passage oder verfällt in Konsonantengestammel aus lauter Verschlusslauten. Beide Interpretinnen verzichten auf gestische oder mimische Elemente – was da aufgeführt wird, ist kein Schau-, sondern ein Klangspiel. Und wären da nicht die Bruchstücke des Motorrads in der Ellipse, gäbe es auch kein Bühnenbild.
Politisches Theater ohne Zeigefinger
All das ist mehrdeutig. „Nicht zu fassen“ ist nicht nur eine Anklage, sondern auch ein Klagegesang in dreizehn Teilen: Kaddisch für den Rechtsstaat, der aber keinen Trost für die Hinterbliebenen der Opfer ungeahndeter RAF-Mordanschläge bereithält – und da gibt es neben dem Buback-Attentat ja auch noch die Mordfälle Herrhausen und Rohwedder. Nur dass in diesen beiden nicht einmal jemand angeklagt worden ist: eine Bankrotterklärung der Ermittler. Selbst dass in der AusstellungsHalle 1A auf einer Ellipse gespielt wird, ist doppelsinnig. In der Rhetorik bezeichnet die Figur der Ellipse eine Wortauslassung, um durch Verstörungserfahrung des Hörers eine Verstärkung des Effekts des Gesagten zu erreichen.
Die Reduzierung der bühnentechnischen Mittel ist somit Programm, und obwohl die Aufführung kaum eine Stunde dauert, ist die Intensität um so größer. Politisches Theater ohne Zeigefinger, aber mit viel Fingerspitzengefühl. Dazu bei freiem Eintritt – ein Beispiel von großartiger Kulturarbeit unter den für freie Bühnen heute so schwierigen Bedingungen. Leider nur noch dreimal zu sehen: an diesem Freitagabend wieder am Ort der Uraufführung, am Samstag in Offenbach und am Sonntag noch einmal in der AusstellungsHalle 1A, da sogar in Anwesenheit von Michael Buback, der im Anschluss an einer Gesprächsrunde mit Wolfgang Spielvogel und dem RAF-Forscher Wolfgang Kraushaar teilnehmen wird. Womöglich hat das höchst ungewöhnliche Stück eine Zukunft. Unaktuell wird es so schnell nicht werden. Leider.

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