Die ungarische Regierung will die Schachspielerin Judit Polgár für das höchste Staatsamt nominieren. Die Großmeisterin sieht sich aber außer Stande, das Land zu vereinen.
Quelle: DIE ZEIT, AFP, ale Aktualisiert am 20. Juli 2026, 20:47 Uhr
Die ungarische Schach-Großmeisterin Judit Polgár hat das Angebot der Regierung abgelehnt, Präsidentin Ungarns zu werden. »Ich habe nicht das Gefühl, dass ich die Kraft habe, die historische Verantwortung für die Vereinigung einer gespaltenen Nation zu übernehmen«, schrieb Polgár auf Onlineplattformen. »Daher kann ich die Einladung nicht annehmen.«
Ungarns Regierungschef Péter Magyar hatte zuvor angekündigt, Polgár treffen und um die Übernahme des höchsten Staatsamtes bitten zu wollen. »Unser Land braucht Einheit, Frieden und einen Präsidenten, auf den alle Ungarn stolz sein können«, teilte Magyar mit. Zuvor hatten sich mehrere prominente Ungarn in einem offenen Brief für Polgar als Präsidentin ausgesprochen.
Die 49-jährige Polgár gilt als weltbeste Schachspielerin: Sie war rund ein Vierteljahrhundert lang die Weltranglisten-Erste der Frauen im Schach und bis heute die einzige Frau, die es unter die weltbesten Zehn aller Kategorien geschafft hatte.
Unter anderem errang Polgar aufsehenerregende Siege gegen männliche Weltmeister wie 2002 gegen den Russen Garri Kasparow. Immer wieder schilderte sie sexistische Vorurteile in der Schachwelt, gegen die sie sich durchsetzen musste. 2014 zog sie sich aus dem Schach-Wettkampfsport zurück.
Bisheriger Präsident abgesetzt
Der bisherige Präsident Tamás Sulyok, ein Vertrauter des im Mai abgewählten langjährigen Regierungschefs Viktor Orbán, hatte sein Amt aufgrund einer Verfassungsänderung verloren. Das ungarische Parlament hatte vergangene Woche eine Änderung verabschiedet, die seine Absetzung ermöglicht. Weitere Verfassungsänderungen begrenzen die Tätigkeit von Abgeordneten auf zwölf Jahre, Regierungschefs dürfen künftig nur noch acht Jahre regieren.
Sulyok kritisierte den Schritt, kündigte aber an, nicht dagegen vorgehen zu wollen. Am Samstag unterzeichnete er die Änderung, seit dem heutigen Montag ist das Präsidentenamt vakant. Geschäftsführende Präsidentin ist derzeit Parlamentschefin Agnes Forsthoffer. Ein neuer Staatschef soll binnen 30 Tagen vom Parlament gewählt werden.
Magyar hatte Sulyok als »Marionette« der Orbán-Regierung bezeichnet. An der vom Regierungschef anvisierten und wenige Monate nach seinem Amtsantritt durchgesetzten Absetzung des Präsidenten gibt es auch Kritik: Der Schritt könne einen Präzedenzfall schaffen, in dem das Amt des Präsidenten beschädigt werden könnte. Umfragen zufolge unterstützten allerdings zwei Drittel der ungarischen Bevölkerung die Absetzung Sulyoks.
Magyar hat eine große Machtfülle, da seine konservative Tisza-Bewegung sich bei der Wahl im April nicht nur gegen Orbáns nationalistische Fidesz-Partei durchsetzen konnte, sondern auch eine Zweidrittelmehrheit im Parlament errang und somit Verfassungsänderungen im Alleingang umsetzen kann. So will Magyar auch eine gänzlich neue Verfassung erarbeiten lassen. Seinem Vorgänger Orbán wirft er vor, die aktuelle Verfassung mit zahlreichen Änderungen auf die Bedürfnisse der eigenen Partei zugeschnitten zu haben.

vor 11 Stunden
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