Zwei israelische Soldatinnen werden in Bnei Brak, einem Vorort Tel Avivs, von einem Mob ultraorthodoxer Juden gejagt. Die beiden Frauen retten sich gerade noch in ein Polizeiauto. Auslöser der Ausschreitungen: das Gerücht, die Soldatinnen hätten Flyer zur Rekrutierung für die Armee verteilt. Wieso ist die Lage hier so eskaliert?
Thore Schröder, SPIEGEL:
»Der Vorort Bnei Berak, der gehört den Haredim, den Ultraorthodoxen, den streng religiösen Juden. Außenstehende sind hier gar nicht so gern gesehen, auch keine Journalisten. Denn es soll möglichst wenig ablenken vom religiösen Leben und vom Studium der heiligen Schriften.«
Und als Ablenkung und Eingriff sehen die Ultraorthodoxen auch den Armeedienst. Die Haredim, die sich in Vollzeit dem Studium der Tora hingeben, waren tatsächlich lange als einzige Bevölkerungsgruppe von der Wehrpflicht befreit. Diese Ausnahme wurde gestrichen – allerdings ignorieren viele Ultraorthodoxe die Einberufung.
Shmuel Orbach, Ultraorthodoxer Jude:
»Du kannst uns nicht verändern. Du kannst Menschen nicht zwingen, anders zu handeln. Das ist nicht gut.«
Doch Israel kämpft nach dem Hamas-Überfall vom 7. Oktober 2023 an vielen Fronten. Die Forderung nach der Durchsetzung der Wehrpflicht für alle wird lauter. Es gibt in der Armee zwar auf religiöses Leben zugeschnittene Angebote – wie etwa das Netzach-Jehuda-Bataillon, hier im Einsatz in Gaza zu sehen – dennoch verweigern sich viele Haredim weiter. Eine neue NGO nimmt diese Herausforderung an.
Thore Schröder, SPIEGEL:
»Hier, ganz am Rande von Bnei Berak, ist die Firma des ultraorthodoxen Geschäftsmannes Efi Shkedi, der versucht, mit seiner Organisation Anashim anderen streng Religiösen aufzuzeigen, wie sie im Militär dienen und gleichzeitig ihre Identität bewahren können.«
Kurz nach dem 7. Oktober 2023 fragt sich Efi Shkedi, wie er helfen kann. Er tritt in die Armee ein, absolviert die Grundausbildung – und macht sich dann daran, Ultraorthodoxe von seinem Weg zu überzeugen.
Efi Shkedi, NGO Anashim:
»Sie vertrauen der Armee nicht. Wir arbeiten daran, dass es Vertrauen zwischen der Haredi-Gemeinschaft und der Armee gibt.«
Thore Schröder, SPIEGEL:
»Wie machen Sie das?«
Efi Shkedi, NGO Anashim:
»Wir haben beispielsweise in vier Rabbis investiert, die ihre Identität bewahren, sie geben Tora-Klassen und leisten mentale Unterstützung, denn einige Familienmitglieder unterstützen die Soldaten nicht.«
Werbespot Anashim:
»Tausende ultraorthodoxe Soldaten schützen das israelische Volk durch Aufklärung, Kampfunterstützung und als Bodensoldaten.«
Laut Armee gibt es rund 70.000 wehrpflichtige Haredim. Shkedi geht gezielt auf diejenigen zu, die kein Vollzeitstudium der Tora anstreben, schaltet Werbung – und ruft die jungen Israelis direkt an.
Werbespot Anashim:
»Jetzt ist es an der Zeit, dass Sie sich an der Verteidigung des Volkes Israel beteiligen.«
Es scheint zu funktionieren.
Efi Shkedi, NGO Anashim:
»In den letzten Monaten haben wir durch unser Angebot über 2500 Menschen dazu gebracht, der Armee beitreten zu wollen.«
Wie gelingt das der NGO? Shkedi nennt sein wichtigstes Argument:
Efi Shkedi, NGO Anashim:
»Erfolg in zwei Bereichen: Die Haredim treten der Armee bei und werden im Anschluss erfolgreich auf dem Jobmarkt.«
Erst zum Militär, dann in den Job: David Lifschitz ist das lebende Beispiel für diesen Weg. Als Jugendlicher, sagt Lifschitz, wusste er nicht, wohin mit sich. Dann empfahl ihm sein Rabbi, der Armee beizutreten.
David Lifschitz, Offizier:
»Du lernst viel über dich selbst. Als Erstes über Führung, zweitens über Verantwortung und darüber, dass du alles schaffen kannst. Erst denkst du, du schaffst das nicht, und dann siehst du Woche für Woche, wenn du trainierst oder auf einer Mission, dass du immer besser wirst.«
Heute ist Lifschitz Geschäftsmann – und bei Anashim aktiv. Dabei setzt er auf einen Domino-Effekt unter den Haredim.
David Lifschitz, Offizier:
»Wir müssen ihnen die richtigen Möglichkeiten in der Armee geben, dann wird auch der Rückhalt in der Haredim-Community steigen.«
Für Israels Sicherheitsapparat ist das wichtig. Denn bereits heute sind etwa 25 Prozent der israelischen Männer, die im wehrpflichtigen Alter von 18 bis 29 sind, Haredim – Tendenz steigend.
Thore Schröder, SPIEGEL:
»Bei der Aufstellung streng religiöser Militäreinheiten besteht allerdings auch die Gefahr, dass sich darin eine nationalistisch-religiöse Weltanschauung Bahn bricht. Das Yehuda Bataillon, in dem David Lifschitz diente, ist seit Jahren berüchtigt für schwere Menschenrechtsverletzungen und Verbrechen gegen Palästinenser. Auch das ist also ein wichtiger Punkt bei der Integration von streng Religiösen in das Militär.«

vor 1 Tag
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