Vermutlich würde man bei dem Versuch, alle Toten zusammenzuzählen, die im Krimi-Genre durch die Hand von Romanautoren und Filmregisseuren einem Mörder beziehungsweise und sehr viel seltener einer Mörderin zum Opfer fielen, leicht auf die Einwohnerzahl eines mittelgroßen Landes kommen. Die Todsünde des Mordes erfreut sich, als ästhetische Fiktion aufbereitet, jedenfalls in unseren westlichen Gesellschaften einer ungebrochenen Beliebtheit. Und die Schizophrenie, wonach wir das als fiktionales Surrogat geradezu suchen, was real zu Recht mit dem höchsten Bannfluch belegt wird, gehört zu den Konstanten der menschlichen Psyche: Demnach können wir den filmischen oder literarischen Schrecken gerade deswegen genießen, weil er in der (vermeintlichen) Sicherheit der eigenen vier Wände oder jedenfalls in einer Welt stattfindet, die als fiktives Konstrukt klar und eindeutig von der Wirklichkeit getrennt ist.
Ein Mord ist nicht genug
In diesem Setting, in dem alles um die Trias aus Täter, Opfer und Ermittler kreist, hat sich seit geraumer Zeit ein Typus eingenistet, der den klassischen Mörder relativ alt aussehen lässt: der Serienkiller. Während lange Zeit ein Mord genügte, um den gesamten Ermittlungsapparat in Gang zu setzen, kommt heute meist erst Schwung in die Handlung, wenn wir es mit einem Wiederholungstäter zu tun haben, der zudem so kühl und intelligent vorgeht, als betriebe er ein Rechenzentrum.
Das Kriminalgenre ist per se ein Feld, auf dem sich die Ängste und Sehnsüchte unserer Gesellschaften besonders deutlich zeigen: Jede Tötung steht hier symbolisch für die Verletzung der gesamten zivilisatorischen Ordnung. Goutiert werden kann das Verbrechen insofern nur, indem der Täter am Ende gestellt und die zerbrochene Ordnung wieder ins Recht gesetzt wird. Die zunehmende Erosion dieses Versprechens lässt sich schon daran ermessen, dass ein Großteil der heute auftretenden Ermittler selbst schon so beschädigt sind, dass sie nicht mal sich selbst retten können.
Komplex, strategisch, diabolisch
Mit dem Serienmörder als Gegner haben sie es nun auch noch mit einem Typus zu tun, hinter dessen Vorgehen in der Regel ein komplexer, strategischer Plan, also eine eigene, wenn auch diabolische Ordnungsstruktur steckt. Der Serienkiller ist so gesehen die Steigerung des Mörders zum Systematiker, der seine eigene tödliche Ordnung gegen die kollektiven zivilisatorischen Regeln setzt. Dabei bedient er sich letztlich der Methoden, die in der Industrialisierung entwickelt wurden: Serialisierung und Standardisierung, kombiniert mit einer eigenen Signatur, die das Massenprodukt einmalig macht. Und natürlich eignet sich der Serienkiller medial für die auf Serien fixierte Streaming-Kultur, weil er sozusagen das Gesetz der potentiell immer fortsetzbaren Serie zum eigenen Handlungsmaßstab erhoben hat.
Serienmörder lassen sich seit der Antike nachweisen. Bekannt ist beispielsweise der Fall der römischen Giftmischerin Lucusta oder die Taten der Gräfin Elisabeth Báthory (1560 bis 1614), die Hunderte von Frauen gefoltert und getötet haben soll. Der eigentliche Aufstieg des Serienmörders zur medialen Superwaffe beginnt allerdings erst im zwanzigsten Jahrhundert. Als Ahnherr gilt dabei der Jack the Ripper genannte und nie gefasste Mörder, der 1888 mindestens fünf Frauen im Londoner East End tötete. Alfred Hitchcock setzte ihm mit „The Lodger“ (1927) ein düsteres filmisches Denkmal. Einen bis in die Gegenwart ausstrahlenden Einfluss auf die Entwicklung des Genres hatte der Fall von Ed Gein (1906 bis 1984) einem Farmersohn, der unter dem drakonischen Regiment seiner fanatisch religiösen Mutter aufwuchs und aus der Haut und den Knochen der von ihm getöteten beziehungsweise aus Gräbern geraubten Frauen unter anderem Gesichtsmasken, Kleider und Möbel anfertigte.
Kevin Spacey verkörpert im Kinofilm „Sieben“ den Typus des hyperintelligenten Serienmörders, der auch im Gefängnis alle Fäden in der Hand behält.A.P.L.Der Schriftsteller Robert Bloch verarbeitete den bizarren Stoff zu dem Roman „Psycho“, auf den sich wiederum Hitchcock in seiner ikonischen Verfilmung (1960) mit Anthony Perkins und Janet Leigh bezog. Und auch Tobe Hoopers „Texas Chainsaw Massacre“ (1974) borgte sich die aus Menschenhaut gefertigte Gesichtsmaske für seinen Kettensägen-Killer Leatherface. Ebenso übernimmt Jonathan Demmes „Schweigen der Lämmer“ (1991) nach dem Roman von Thomas Harris einige Motive aus Ed Geins Geschichte.
Das „Schweigen der Lämmer“ etabliert mit dem von Anthony Hopkins kongenial verkörperten Hannibal Lecter zudem den Typus des umfassend gebildeten, hyperintelligenten Serienmörders, der selbst aus dem Gefängnis heraus stets alle Fäden in der Hand behält. Auch der von Kevin Spacey beunruhigend brillant gespielte Mörder in David Finchers „Seven“ (1997) passt in dieses Muster. Dass diese Fiktion auch in der Realität vorkam, beweist der Fall Ted Bundy (1946 bis 1989). Bundy war nicht nur attraktiv und kommunikativ. Er hatte zudem ein abgeschlossenes Psychologiestudium und ein begonnenes Jurystudium vorzuweisen. Zwischen 1973 und 1978 ermordete er mindestens 30 junge Frauen in verschiedenen amerikanischen Bundesstaaten.
Das Muster des smarten, gut aussehenden Jungen
Bundy verteidigte sich nach seiner ersten Verhaftung selbst, konnte zweimal aus dem Gefängnis fliehen und verübte daraufhin weitere drei Morde, bevor es der Polizei gelang, ihn endgültig zu fassen und auf dem elektrischen Stuhl hinzurichten. Auch der Mörder aus „Copykill“ von John Amiel (1995) passt in das Muster des smarten, gut aussehenden Jungen, der zudem das Prinzip des Serienmordes in die postmoderne Endlosschleife schickt, indem er all seine Morde als exakte Kopien von Taten berühmter Serienmörder anlegt. Die Übertragung des Serienmörder-Motivs auf die kalte Börsen-Welt der Wallstreet gelang dann 1991 Bret Easton Ellis mit seinem in Deutschland lange indizierten Roman „American Psycho“.
Dass ein Großteil der bekannten Serienmörder aus den USA kommt, wie zum Beispiel Jeffrey Dahmer, John Wayne Gacy oder David Berkowitz (Son of Sam), hat im Übrigen vor allem damit zu tun, dass die Ermittlungsmethoden der amerikanischen Behörden in den Siebzigerjahren deutlich fortgeschrittener waren als in Europa. Den Begriff des Serienmörders allerdings hatte der Berliner Kriminalpolizist Ernst Gennat 1930 im Zusammenhang mit den Ermittlungen gegen Peter Kürten geprägt, einen der neben Fritz Haarmann oder Jürgen Bartsch bekanntesten deutschen Serienmörder. Seitdem gilt auch die Definition, wonach ein Serienmörder mindestens drei Morde in einem zeitlichen Abstand und mit sogenannten Abkühlungsphasen dazwischen verübt haben muss, um als solcher bezeichnet zu werden. Damit wird dieser Mördertypus auch vom Massenmörder wie beispielsweise Anders Breivik abgegrenzt, dem es darum geht, zu einem einzigen Zeitpunkt möglichst viele Menschen umzubringen.
Tatsächlich kommen Serienmörder im Polizeialltag kaum vor
Das immer noch steigende Interesse an dieser nachtdunklen Seite des Menschen dokumentiert sich nicht zuletzt im Angebot der großen Streamingportale, die den Markt zuverlässig mit neuem Material füttern. Von „Mindhunter“ und „The Alienist“ über „Hannibal“, den „Kastanienmann“ und „The Walhalla Murders“ oder „The Bridge“ bis „Dexter“ und der „Monster“-Serie zu Jeffrey Dahmer oder Ed Gein reicht die unvollständige Liste. Dexter ist dabei psychologisch besonders interessant, weil die Titelfigur tagsüber Polizist ist und nachts Morde an Menschen verübt, die selbst gemordet haben, also einen Typus des Serienmörders darstellt, der selbst die Ordnungsmacht vertritt, die er zugleich demontiert, indem er die Legitimation seines Handelns nur an sich selbst ausrichtet. Auch der deutsche „Tatort“ widmet sich immer wieder dem Thema, beispielsweise in „Dunkelheit“ aus dem Jahre 2025, einem Film, der sich auf die wahre Geschichte des „Hessen-Rippers“ Manfred S. bezieht.
Diese Flut an Serienmördergeschichten steht interessanterweise in keinem Verhältnis zur Realität. Tatsächlich kommen Serienmörder im Polizeialltag so gut wie nie vor. Es liegt also nahe, sie als Produkt einer medialisierten Gesellschaft zu sehen, die sich in ihnen „Ikonen des Bösen“ als popkulturelle Artefakte schafft. Dafür stehen unter anderem Filme wie „Natural Born Killers“ (1994) von Oliver Stone oder „Psychokiller“ (1977), der legendäre Song der „Talking Heads“, der sich auf die Figur des Norman Bates in „Psycho“ bezieht und mit seiner Frage „Psychokiller, qu’est-ce que c’est?“ die abgründige Rätselhaftigkeit dieser Figur noch verstärkt.
Im Serienmörder dokumentiert sich das Antisoziale, welches als Fortpflanzungs- und Überlebenstrieb in jedem von uns ein Stück weit verankert ist, in extremer Form. Auch deswegen ist die Abscheu, die wir im Zusammenhang mit seiner völligen Ignoranz gegenüber jeglichen moralischen oder rechtlichen Grenzen, seiner egomanen Selbstbezogenheit und seiner Sucht nach absoluter Macht und Kontrolle über seine Opfer empfinden, immer auch mit einer gewissen Faszination verbunden. Im Serienkiller verwirklicht sich das dunkle Alter Ego, das in uns allen – wenn auch zivilisatorisch gebändigt – steckt.
Beunruhigenderweise scheint sich dieses „mindset“ des Serienkillers immer mehr zur Blaupause für den rücksichtslos egomanen, hegemonialen Politikstil zu entwickeln, der sich unter Trump, Putin und anderen autokratischen Führungsfiguren momentan anschickt, eine neue Weltordnung zu errichten. In der forensischen Kriminalpsychologie zeichnet sich der Serienkiller durch eine Kombination aus Narzissmus, Empathielosigkeit und ausgeprägtem Machiavellismus aus. Wie sagte es Donald Trump: „Nur mein Sinn für Moral kann mich stoppen.“

vor 2 Tage
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