„Ich hätte gewiss ein schöneres Ende schreiben können“, erwiderte Henry James dem Verleger seines Romans „Der Amerikaner“, der sich einen gefälligeren Schluss wünschte: „Aber ich hätte damit Lesern, die die Welt nicht wirklich kennen und den Wert eines Romans nicht an seiner Übereinstimmung mit ihr messen, ein ziemlich einfaches Beruhigungsmittel gegeben.“ Stattdessen schrieb James ein Melodrama als Sozialsatire über einen Amerikaner in Paris.
Er selbst, in New York in eine wohlhabende Familie geboren, hatte schon als Kind Europa bereist, war in Boston aufgewachsen und hatte in Harvard angefangen zu studieren. Aber anders als sein Bruder William, der sein intellektuelles Leben zuerst als Student, dann als Assistent und schließlich als Professor für Psychologie in Harvard verbrachte, gab Henry das Jurastudium zugunsten der Literatur auf und zog nach Europa, zuerst nach Paris, bevor er sich 1876 in London niederließ.
Nachrichten vom „neuen Mann“
Seine erste Erzählung erschien 1864, der erste Roman 1871, von dem sich James aber später distanzierte. Mit seinem dritten Roman, dem ersten, den er in Europa schrieb, „Der Amerikaner“, fand James sein Thema (das gesellschaftliche Zusammenspiel zwischen Amerikanern, amerikanischen Expatriierten in Europa und Europäern) und seinen Stil (psychologischer Realismus und Standpunkt-Erzählung). Zuerst in der Zeitschrift „The Atlantic“ in Fortsetzungen und 1877 als Buch veröffentlicht, wurde dieser Roman ein Publikumserfolg und erschloss James eine breite (vor allem weibliche!) Leserschaft.
In Europa sollte durch den Titel auf einen Fremden aus der Neuen Welt neugierig gemacht werden, die amerikanischen Leser dagegen sollten auf ihre eigene – noch unklare – Identität eingeschworen werden. Und auch der Name der titelgebenden Figur war Programm: Christopher Newman. Der Vorname verwies auf den Amerika-Entdecker Kolumbus, der Nachname auf den „neuen Mann“.
Der Roman ist eine Liebesgeschichte voller Verwicklungen – Duell, Mord, Salonintrigen, Zuflucht im Kloster – und mit einem unhappy ending. Newman, der reiche Amerikaner auf Europareise, lernt während seines Paris-Aufenthalts eine adlige Familie kennen und verliebt sich in die Tochter Claire. Aber sein Heiratsantrag wird abgewiesen. Denn der Adel ist von einem starken Standesbewusstsein geleitet, das der Unvoreingenommenheit des Amerikaners geradezu entgegengesetzt ist. Newman muss erfahren, dass Ehrlichkeit und finanzieller Erfolg in Europa nicht genügen, um gesellschaftliche Schranken zu überwinden. Während er mit dem Versuch, in die Pariser Gesellschaft aufgenommen zu werden, scheitert, behält er seine moralische Integrität.
Tatsächlich wird unter der narrativen Oberfläche des Romans ein kultureller Konflikt zwischen europäischem Traditionsbewusstsein und amerikanischer Direktheit ausgetragen: jener „clash of civilizations“, den James in immer neuen und immer komplexeren Geschichten als universale Reflexion über soziale Bestimmung und individuelle Verantwortung dargestellt hat.
In unserer Serie „Amerika, wie es im Buche steht“ stellen wir anlässlich des 250. Geburtstages der Vereinigten Staaten von Amerika fünfzig Bücher vor, die das Selbstverständnis des Landes geprägt haben.

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