Hantavirus auf der »MV Hondius«: Virus auf Kreuzfahrtschiff vermutlich von Mensch zu Mensch übertragen

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Tote auf Kreuzfahrtschiff Hantavirus auf »MV Hondius« vermutlich von Mensch zu Mensch übertragen

Rund 150 Menschen sitzen auf dem Kreuzfahrtschiff »MV Hondius« vor Kap Verde fest. Der Grund: ein möglicher Hantavirus-Ausbruch. Mittlerweile gibt es sieben bestätigte oder vermutete ‌Infektionen, drei Menschen sind schon gestorben.

05.05.2026, 11.56 Uhr

Das Kreuzfahrtschiff »MV Hondius« liegt vor dem Hafen von Praia, Hauptstadt der Kapverdischen Inseln
Das Kreuzfahrtschiff »MV Hondius« liegt vor dem Hafen von Praia, Hauptstadt der Kapverdischen Inseln

Das Kreuzfahrtschiff »MV Hondius« liegt vor dem Hafen von Praia, Hauptstadt der Kapverdischen Inseln

Foto: AFP

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Nach einigen nachgewiesenen Hantavirus-Fällen und Verdachtsfällen auf einem Kreuzfahrtschiff im Atlantik geht die Weltgesundheitsorganisation (WHO)  davon aus, dass sich Menschen gegenseitig angesteckt haben. »Wir vermuten, dass es bei sehr engem Kontakt eine Übertragung von Mensch zu Mensch gibt«, sagte die WHO-Epidemiespezialistin Maria Van Kerhove. Der erste auf dem Schiff erkrankte Passagier habe sich vermutlich infiziert, bevor er an Bord gegangen sei.

Erst am Dienstagmorgen hatte die WHO einen weiteren Infektionsfall bestätigt. Insgesamt gibt es damit bislang zwei durch Labortests bestätigte und fünf mutmaßliche Hantavirus-Fälle.

Die Behörde teilte mit, der Schwerpunkt liege nun darauf, zwei erkrankte Passagiere zu evakuieren und das Schiff, das derzeit im Atlantik nahe Kap Verde festgehalten wird, anschließend zu den Kanarischen Inseln weiterfahren zu lassen. Das Risiko für die breite Öffentlichkeit bleibe gering, hieß es.

»Das ist ein außergewöhnliches Infektionsgeschehen«

Jonas Schmidt-Chanasit, Tropenmediziner

Hantaviren sind seltene, aber potenziell tödliche, von Nagern übertragene Erreger. Eine Infektion kann von grippeähnlichen Beschwerden bis zu plötzlicher Atemnot und Lungenversagen führen. Zwischen einer Ansteckung und den ersten Beschwerden vergehen in der Regel zwei bis vier Wochen – manchmal aber auch bis zu acht Wochen.

Bisher starben drei Passagiere des Kreuzfahrtschiffs »MV Hondrius«, darunter ein Fahrgast aus Deutschland. Ein schwer kranker Patient wird in Südafrika auf der Intensivstation behandelt, drei weitere haben leichtere Symptome und befinden sich laut WHO weiterhin an Bord vor der Küste der Kapverden. Um die Bevölkerung zu schützen, darf vorerst niemand an Land gehen.

Ausbruch »theoretisch relativ gut eindämmbar«

»Das ist ein außergewöhnliches Infektionsgeschehen, das man in dieser Form auf einem Kreuzfahrtschiff nicht erwarten würde«, sagte Jonas Schmidt-Chanasit  vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg dem Science Media Center (SMC). Er betont aber auch: »Nach den bisher öffentlich verfügbaren Informationen handelt es sich bei mehreren Fällen noch um Verdachtsfälle.«

Im Gegensatz zu vielen klassischen Atemwegsviren springen Hantaviren meist von Nagern auf Menschen über. »Der Mensch ist bei den meisten Hantaviren ein Fehl- beziehungsweise Endwirt, sodass keine relevante Mensch-zu-Mensch-Übertragung stattfindet«, erklärte Schmidt-Chanasit. Eine wichtige Ausnahme sei jedoch das südamerikanische Andes-Virus: »Für dieses Hantavirus ist eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung bei engem Kontakt beschrieben.« Weil das Schiff aus dem Süden Argentiniens kommt, sei dieses Szenario zu prüfen, sagte der Tropenmediziner weiter.

In Europa und Asien ist bislang keine Mensch-zu-Mensch-Übertragung dokumentiert. Es gibt jedoch Hinweise aus Amerika, nach denen es eine Ansteckung von Mensch zu Mensch schon gegeben hat.

Diese Ansteckungen mit dem Andes-Virus wollen Fachleute bei engen, länger andauernden Kontakten beobachtet haben – etwa innerhalb von Haushalten. Sie sind nach jetziger Kenntnis in der frühen Krankheitsphase möglich.

Elektronenmikroskopische Aufnahme von Hantaviren (Puumalaviren), undatiertes Handout des Robert-Koch-Instituts

Elektronenmikroskopische Aufnahme von Hantaviren (Puumalaviren), undatiertes Handout des Robert-Koch-Instituts

Foto: RKI / Hans R. Gelderblom / dpa / picture alliance

David Hayman, Experte für Infektionskrankheiten der Massey University in Neuseeland, kann die Sorgen anlässlich der Lage verstehen: »Ich wäre selbst ungern auf diesem Schiff. Aber man geht davon aus, dass es sehr engen Kontakt benötigt, damit es überhaupt zu einer Übertragung von Mensch zu Mensch kommt – falls sie auftritt«, sagte Hayman dem neuseeländischen Science Media Centre.

Wenn viele Menschen auf einem Kreuzfahrtschiff zusammen sind, erhöhe sich natürlich das Risiko, sagte der Forscher weiter. »Andererseits sollte sich der Ausbruch theoretisch relativ gut eindämmen lassen, weil diese Infektionen unter Menschen nicht besonders leicht übertragbar sind«, erklärt Hayman.

Welcher konkrete Hantavirus-Typ für das Geschehen auf der »MV Hondius« verantwortlich sein könnte, haben die Behörden bisher nicht öffentlich benannt. Die WHO verweist darauf, dass detaillierte Labor- und epidemiologische Untersuchungen noch laufen.

Patient in kritischem Zustand

Die WHO  weiß seit dem 2. Mai 2026 von einem Cluster schwerer Atemwegserkrankungen auf dem Schiff. Nach jetziger Kenntnis sind drei Menschen gestorben: Ein 70-jähriger Niederländer starb bereits am 11. April an Bord. Seine 69-jährige Ehefrau verließ das Schiff, brach später am Flughafen von Johannesburg, Südafrika, zusammen und starb im Krankenhaus. Bei ihr wurde das Virus im Blut nachgewiesen. Die Weltgesundheitsorganisation sucht nun nach Passagieren eines Fluges von der Insel St. Helena nach Johannesburg Ende April, bei dem die Frau an Bord war.

Gestorben ist zudem ein deutscher Passagier; seine Leiche befindet sich nach Angaben der Reederei noch an Bord. Die Todesursache ist bisher ungeklärt.

Ein anderer Patient befindet sich in kritischem Zustand. Der britische Passagier wurde auf der abgelegenen Atlantikinsel Ascension von Bord geholt und am 27. April nach Südafrika ausgeflogen. Dort liegt er isoliert auf einer Intensivstation; Tests bestätigten eine Hantavirus-Infektion.

Weitere Personen zeigen mildere Symptome, darunter zwei Crewmitglieder mit ausgeprägten Atemwegsbeschwerden, die laut Reederei dringend medizinische Versorgung benötigen.

Der Beginn der Symptome bei den Erkrankten lag nach WHO-Angaben zwischen dem 6. und 28. April 2026. Typisch waren zunächst Fieber und gastrointestinale Beschwerden wie Bauchschmerzen und Durchfall; bei den Schwerstkranken kam es rasch zu einer Lungenentzündung, akutem Atemnotsyndrom und Schock.

Laut der Reederei »Oceanwide Expeditions« befinden sich aktuell rund 150 Passagiere und Crewmitglieder an Bord. »Die Stimmung bleibt ruhig, die Passagiere sind insgesamt gefasst«, teilte der Schiffsbetreiber am späten Montagabend in einer Erklärung  mit. Man arbeite daran, die Menschen untersuchen zu lassen und von Bord zu bringen, heißt es weiter. Zudem werde erwogen, weiter zu den spanischen Inseln Las Palmas oder Teneriffa zu fahren, wo unter Aufsicht der WHO sowie der niederländischen Gesundheitsbehörden weitere medizinische Untersuchungen und Maßnahmen erfolgen könnten.

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