Es entbehrt nicht einer gewissen Bitterkeit, dass viele Menschen Probleme haben, ihren Einkauf zu bezahlen, während Supermärkte, Restaurants und Cafés jeden Abend genießbare Lebensmittel wegwerfen. Zudem ist das Containern, also das Sammeln von Lebensmitteln aus Abfalltonnen von Supermärkten, weiterhin verboten . Zum Vergleich: In Frankreich ist es illegal, Lebensmittel wegzuwerfen. In Deutschland ist es Diebstahl, sie aus dem Mülleimer zu fischen.
Immerhin gibt es Initiativen, um (unnötigen) Abfall zu vermeiden. Die Tafeln natürlich, oder Apps, in denen Geschäfte und gastronomische Betriebe kurz vor Feierabend die Reste des Tages in einer Art Wundertüte anbieten. In einer Bäckerei in meiner Nachbarschaft bekomme ich so abends für drei Euro eine Rucksackladung Brötchen, Kuchen und Brote, von denen ich immer vieles einfrieren kann. Auch bei einem Bagelladen, einem dänischen Café und einem Kiosk hatte ich schon richtig Glück. Eine Niete war hingegen der Versuch, via App die Reste eines Hotelbuffets abzustauben – beim Auspacken entdeckte ich einfach ein paar gebackene Bohnen und zwei Brötchen in viel Plastikmüll. Nun ja, eine Wundertüte eben.
Im Supermarkt meines Vertrauens gibt es inzwischen auch Tüten mit deutlich reduziertem Obst und Gemüse vom Vortag, ganz ohne App für alle Kundinnen und Kunden. Beim Einkauf für diesen Text habe ich darin für drei Euro insgesamt zwei Salatköpfe, zwei Karotten, einen Apfel, eine Mandarine, eine Blutorange, einen Kohlrabi, eine kleine Gurke, einen Bund Radieschen, 300 Gramm helle Champignons und 500 Gramm Erdbeeren abgestaubt. Wow.
So kann man Lebensmittel vor der Tonne retten
Das Problem bei solchen Angeboten ist natürlich, dass man schlecht damit planen kann. Weder, ob es heute überhaupt etwas gibt, noch, was im Fund enthalten sein wird. Wer sich auf diese Weise sparsam ernähren möchte, muss also kreativ werden und mit dem Fang des Tages kochen. So schwer ist das aber auch nicht: Ofengemüse oder Salat kann man aus fast allem machen, auf einem Pizza- oder in einem Blätterteig kann man vieles verwerten, Okonomiyaki sind sehr variabel – und man kann sich schöne Bratlinge machen.
Das werde ich heute tun. Denn sparsam zu sein heißt auch, selbst weniger wegzuwerfen. Ich hörte nach meinem Einkauf noch gekochte und angetrocknete Hirse vom Vortag aus ihrem Topf um Hilfe rufen. Mit ihr und meinem Gemüse von heute forme ich mir kleine, vegetarische Bratlinge. Man kann sie sich wie Frikadellen vorstellen, die je nach beigemischtem Gemüse und Gewürzen an wirklich jeden Geschmack anpassbar sind. Die Bratlinge sind in wenigen Minuten vorbereitet, sofern man bereits gekochte Hirse da hat. Ansonsten kommt natürlich noch die Koch- und Abkühlzeit dazu. Wer keine Hirse hat, kann sich mit Haferflocken behelfen.
Ein Hinweis: Die Maßangaben sind heute mit Vorsicht zu genießen. Arbeiten Sie einfach nach Bauchgefühl. Wenn sich aus dem Teig golfballgroße Bällchen formen lassen, die nicht auseinanderfallen, passt alles.
Das benötigt man für zwei Portionen Hirsebratlinge

Denken Sie sich all das Gemüse weg (oder anderes hinzu): Für Hirsebratlinge in der einfachsten Form braucht es nur gekochte Hirse, Eier, Mehl und Gewürze.
Foto: Sebastian Maas / DER SPIEGELcirca 400 g gekochte Hirse vom Vortag (aus etwa 150 g Trockenprodukt)
2 Eier
1 bis 2 EL Mehl zum Binden
Salz, Pfeffer, Gewürze nach Wahl
Öl, Butter oder Margarine zum Braten
Dazu alles, was man an Gemüse aufbrauchen möchte, klein gehackt oder gehobelt. Jede Art von Zwiebeln empfiehlt sich besonders.
Als Beilage gibt es bei mir heute einen frischen Salat aus meiner Rettertüte. Aber auch ein Kartoffelpüree, Rahmspinat oder einfach ein großer Klecks Sour Cream würden hervorragend passen. Wer mag, kann auch Schinkenspeck oder gehobelten Käse in die Bratlinge geben.
Was kostet das? Kommt auf das Gemüse an: Wer sein Gemüse legal oder rechtswidrig gerettet hat, kommt in jedem Fall günstiger weg. Für den Bratlingteig selbst wird vielleicht etwas über einen Euro fällig, also grob 60 Cent pro Person.
Wie lange dauert das? Mit vorgekochter Hirse insgesamt nur etwa 15 Minuten.
Sebastian Maas
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So macht man Hirsebratlinge
Das Gemüse der Wahl hacken oder hobeln. Tipp: Da die Bratlinge nur ein paar Minuten in der Pfanne bleiben, sollten harte Sorten wie Karotten möglichst fein sein, um durchzugaren. Je größer das Gemüse ist, desto schlechter halten auch die Bratlinge. Sehr feuchte Zutaten wie Pilze brate ich vorher kurz separat an und lasse das Wasser verdampfen, damit die Bratlinge nicht durchweichen.
Die abgekühlte Hirse mit den Eiern, einer großzügigen Prise Salz und Pfeffer sowie dem präparierten Gemüse vermengen.
Nach Belieben mit Kräutern oder Gewürzen aufpeppen. Wegen der rohen Eier aber bitte nicht abschmecken.
Wirkt die Masse zu feucht, kann man sie mit etwas Mehl oder Kichererbsenmehl abbinden. Ist sie sehr trocken, gibt man noch ein weiteres Ei oder löffelweise Wasser hinzu. Sie sollte sich formen lassen, ohne zu zerfallen.
Mit angefeuchteten Händen kleine, flache Bratlinge formen. In einer Pfanne mit etwas Bratfett auf mittlerer Hitze braten, pro Seite etwa vier Minuten. Wenn die Hirse goldbraun ist, hat man alles richtig gemacht.
Wie Sie es auch machen: Ich wünsche Ihnen einen guten Appetit. Und viel Erfolg mit den Wundertüten!
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