Geldanlage: Welche Aktien laut Experten vom Frieden am Golf profitieren

vor 1 Tag 1

München. Für den britischen Analysten Benjamin Jones bietet der anstehende Frieden zwischen den USA und dem Iran eine große Chance für Investoren. „Die Tür für eine breitere Markterholung, die über die KI-Lieblinge hinausgeht, steht offen“, sagt der Leiter der weltweiten Marktanalyse beim Fondshaus Invesco.

Er warnt aber auch davor, in Jubel auszubrechen. Schließlich haben bislang nur sehr wenige Schiffe die Straße von Hormus passiert, die seit Monaten für Frachter, Öl- und Gastanker gesperrt ist. Zudem sei ein Teil der Erholung bereits in den Kursen enthalten, sagt Jones, denn die Friedensverhandlungen kamen wenig überraschend.

Der Analyst fasst damit die Grundstimmung zahlreicher Profianleger zusammen. Dennoch sehen er und fünf weitere Fachleute nun wieder Chancen für die Aktien von Branchen, die durch den Krieg gelitten haben. Wer die Gewinner des Friedens am Persischen Golf sind und wie es mit Öl, Rüstungs- und Tech-Aktien jetzt weitergeht.

Wird Öl jetzt merklich günstiger?

Für Jens Ehrhardt ist die Antwort klar: „Der sich anbahnende Frieden sollte Ölaktien und den Ölpreis weiterhin drücken“, sagt der Gründer und Chef des Investmenthauses DJE. Das wird aber eine Weile dauern, mindestens bis der Tankerstau in der Straße von Hormus aufgelöst ist und die Schiffe in ihren Zielhäfen angekommen sind. Dann könne der Ölpreis von derzeit gut 80 Dollar pro Barrel auf 60 Dollar sinken, wie im Jahr 2025.

Viele Länder haben aus dem Krieg gelernt, dass es sinnvoll ist, wenn möglich, eigenes Öl zu fördern. Georg von WallwitzFondsmanager

Georg von Wallwitz rechnet hingegen damit, dass Öl kaum günstiger werden wird. „Im Zuge des Kriegs sind auch viele Förderanlagen zerstört worden“, sagt der Gründer der Vermögensverwaltung Eyb und Wallwitz. Daher glaubt er, dass vor allem die Aktien von Explorationsunternehmen wie Haliburton steigen können. „Viele Länder haben aus dem Krieg gelernt, dass es sinnvoll ist, wenn möglich, eigenes Öl zu fördern.“

Invesco-Experte Jones erwartet nach einem kurzfristigen Kurstief mittelfristig eine starke Nachfrage nach Ölaktien, da die Welt zunehmend fragmentierter und von weniger Vertrauen geprägt sei. Der Konflikt im Nahen Osten ist für den Anlagestrategen nur ein weiterer in einer Reihe von Versorgungsschocks, insbesondere im Energiebereich. „Ich glaube, die Welt muss sich auf weitere solcher Schocks einstellen“, prognostiziert er.

Und Tilmann Galler, Kapitalmarktstratege bei JP Morgan Asset Management in Frankfurt, kann sich gut vorstellen, dass der Ölpreis zunächst einmal nahe des aktuellen Niveaus bleibt. Viele Staaten würden nun ihre strategischen Reserven wieder auffüllen. Andere werden wiederum beginnen, überhaupt welche anzulegen. Erst im Lauf des Jahres 2027 wird Öl nach Gallers Meinung wieder günstiger werden, vorausgesetzt, es kommt zu keinem neuen Konflikt am Golf.

Rentieren sich Rüstungswerte noch?

Auch wenn im Nahen Osten nicht mehr gekämpft wird, bleiben Rüstungsaktien aus Sicht von Georg von Wallwitz ein Thema – nicht zuletzt wegen des Krieges in der Ukraine. Er hält die Kursabschläge, wie sie etwa bei der Aktie von Rheinmetall zu sehen waren, für eine Normalisierung.

Die Auftragsbücher vieler Rüstungsunternehmen sind voll, und die Gewinne können nach seinen Worten inzwischen besser prognostiziert werden. „Rheinmetall ist jetzt mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 32 etwas realistischer bewertet als zum Jahresbeginn, kommendes Jahr wird es wahrscheinlich bei 22 liegen“, prognostiziert der Vermögensverwalter. Das KGV gibt, vereinfacht ausgedrückt, die Zahl der Jahre an, die das Unternehmen bräuchte, um mit den aktuellen Gewinnen seinen Börsenkurs zu erreichen.

„Rüstungsaktien sehe ich aktuell nicht als Verkaufskandidaten“, sagt Madeleine Ronner, Fondsmanagerin bei der DWS. Der Sektor hat nach ihren Worten seinen Höhepunkt bereits zu Jahresbeginn erreicht und zuletzt auf die Spannungen rund um den Iran kaum noch reagiert. Daher erwartet sie auch keinen nennenswerten Effekt, sollte der Friedensvertrag unterschrieben werden.

Panzer dürften weniger gefragt sein, dafür Drohnen umso mehr. Jens EhrhardtFondsmanager

Der Druck der USA auf Europa, mehr Eigenverantwortung für die eigene Sicherheit zu übernehmen, wird Ronner zufolge anhalten: „In den USA wird die Investmentstory weiterhin von strukturellen Faktoren geprägt: Die Lager müssen aufgefüllt werden und  Produktionskapazitäten für zentrale Raketensysteme werden massiv ausgeweitet.“

Für Jens Ehrhardt ist Rüstung nicht mehr gleich Rüstung: „Die Kriegsführung hat sich in letzter Zeit erheblich geändert und Panzer dürften weniger gefragt sein, dafür Drohnen umso mehr“, sagt der Fondsmanager. Er hält Rüstungsaktien allerdings noch immer für zu teuer. Ehrhardt hat auch festgestellt, dass viele Institutionen in Deutschland am ESG-Ansatz festhalten und aufgrund der damit verbundenen Kriterien für soziale und ökologische Nachhaltigkeit als Käufer für Rüstungsaktien ausfallen.

Welche Unternehmen profitieren vom Frieden?

Während Ehrhardt nun vor allem europäische Banken und Industrieaktien für kaufenswert hält, sind aus Sicht von Marktstratege Galler nun alle Branchen und Märkte einen Blick wert, die in der jüngeren Vergangenheit schwach abgeschnitten haben. „Man vergisst gerne, dass die stabilen und zum Teil auch steigenden Kurse bei den großen Indizes größtenteils von der Sonderkonjunktur im Tech-Bereich getragen wurden. Die Aktien einiger anderer Branchen kamen unter Druck“, sagt Galler.

Er erwartet, dass nach einem Ende der Ölknappheit die Aktien von Konsumgüterherstellern wieder steigen. „Selbst Zykliker wie Autowerte könnten bis Jahresende wieder zulegen“, sagt der Marktstratege.

Welche Regionen können jetzt aufblühen?

„Europa ist zweifellos eher Profiteur von friedlicheren Zeiten mit niedrigeren Ölpreisen als die USA, die ein Gewinner der hohen Ölpreise waren“, ist sich Fondsmanager Ehrhardt sicher.

Georg von Wallwitz rechnet mit steigenden Kursen in Indien. „Hier wurden die Bevölkerung und die Unternehmen von der Ölknappheit besonders hart getroffen“, erklärt er. An den Märkten in Japan, Taiwan oder Südkorea wird sich das Ende der Ölknappheit wenig bemerkbar machen. „Hier haben die Tech-Werte inzwischen ein so großes Gewicht, dass steigende Kurse von Aktien aus anderen Branchen kaum sichtbar werden“, sagt der Fachmann.

„Die nun ernsthaften Friedensverhandlungen kommen für viele Länder gerade noch rechtzeitig“, sagt Marktkenner Galler. Er geht davon aus, dass Deutschland um eine Rezession herumkommen wird, und auch in anderen Ländern, die vom Öl abhängiger sind als etwa die USA, die Konjunktur wieder anzieht.

Fondsmanagerin Ronner rechnet mit deutlich geringeren Teuerungsraten. Eine niedrigere Inflation werde auch Druck von den Währungshütern nehmen, die Zinsen zu erhöhen, was den Märkten zusätzliche Sicherheit böte.

Geben die Friedenspläne KI-Aktien einen Extra-Schub?

„Es erinnert mich derzeit vieles an die Dotcom-Blase“, sagt Thomas Schüßler. Der Manager des Fonds „Top Dividende“ beim Fondshaus DWS ist auch vom Börsengang des Raumfahrt- und KI-Unternehmens SpaceX alles anderes als überzeugt. „Unternehmen, die vielleicht einmal fantastische Gewinne machen, gingen auch um die Jahrtausendwende zuhauf an die Börse – das Ergebnis kennen wir alle“, sagt Schüßler.

Dennoch würde Schüßler jetzt niemandem raten, Tech-Aktien zu verkaufen. Noch werden Gewinne gemacht und die Kurse steigen, und es wird auch mit Halbleitern und Energieinfrastruktur Geld verdient. Solange sich die Zentralbanken ruhig verhielten und die Zinsen nicht schlagartig erhöhten, hält der Boom nach seinen Worten an.

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Fondsmanager von Wallwitz hält den KI-Boom für stabil. „Anders als um das Jahr 2000 verdienen die Unternehmen Geld“, sagt er mit Blick auf die Blase von Tech-Werten damals. Gleichzeitig ist er sich sicher, dass sich Firmen aus dem Rennen um die bestimmende KI-Anwendung oder ganz vom Markt verabschieden werden. „Wir erleben gerade die Phase der großen Investitionen, ihr folgt dann die Marktbereinigung, denn nicht alle Spieler werden überleben“, sagt der Fondsmanager.

Der Frieden im Nahen Osten und daraus resultierende sinkende Ölpreise seien keine „Gamechanger“ für die KI-Werte: „Energie macht nur etwa zehn Prozent der Kosten im Lebenszyklus eines Datencenters aus, das Gros des Geldes fließt in Chips.“

Werden die Märkte nun insgesamt ruhiger?

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„Die Märkte werden weiterhin auf Rückschläge gefasst sein und in deren Umfeld volatil reagieren“, sagt Invesco-Experte Jones. „Die Anleger wissen, dass gerade die Kluft zwischen einem vielbeachteten Vertrag und einem dauerhaften Frieden der Punkt ist, an dem die Volatilität wieder aufkommen kann.“

Madeleine Ronner ist positiver gestimmt: Sie glaubt, dass weniger geopolitische Unsicherheit und niedrigere Energiepreise als Konjunkturimpuls wirken. Vor diesem Hintergrund sei es möglich, dass mehr Unternehmen Kursgewinne verzeichnen. „Dann werden bislang weniger beachtete Sektoren wieder aufholen, während die starke Konzentration auf einzelne Themen nachlässt“, sagt die Expertin.

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