Fußball-Nationalmannschaft: Warum sich das deutsche WM-Aus dieses Mal anders anfühlt

vor 3 Stunden 1

Es war mein letzter Tag als Masterstudent in Cambridge, als Deutschland erstmals bei einer WM in der Vorrunde ausschied. Trotz meiner Fußballbegeisterung sollte das Spiel Deutschland gegen Südkorea an jenem 27. Juni 2018 eigentlich nur eine Nebenrolle spielen. Schließlich hieß es Packen, Abschiednehmen – und die wichtigen Spiele für die DFB-Elf würden ohnehin erst mit dem Achtelfinale beginnen.

Nach einem 0:1 gegen Mexiko und einem 2:1 in letzter Minute gegen Schweden genügte Deutschland – dem amtierenden Weltmeister – zum Weiterkommen ein Sieg gegen die praktisch schon ausgeschiedenen Südkoreaner. Zum Einlaufen baute der englische Kommentator eine große Kulisse auf. Seit 1938 hätten die Deutschen Weltkrieg, Teilung und Wiedervereinigung erlebt, aber sich auf eines immer verlassen können: dass ihr Team bei einer WM mindestens das Viertelfinale erreicht. Diese Gewissheit stehe nun auf dem Spiel.

DSGVO Platzhalter

Britisches Wunschdenken, sagte ich mir. Die erste Halbzeit schaute ich inmitten von Umzugskartons und halb gepackten Koffern auf meinem Zimmer und versicherte vorbeischauenden Freunden, dass das erste Tor nur eine Frage der Zeit sei. Erst allmählich dämmerte es mir, dass ich dem Spiel besser etwas mehr Aufmerksamkeit schenken sollte. Als ich in der Schlussphase in den Gemeinschaftsraum mit Fernsehübertragung kam, hatte Mats Hummels einen Kopfball gerade freistehend übers Tor gesetzt. Kurz darauf fielen zwei Tore für Südkorea, die englischen Kommilitonen feixten, und ich war fassungslos.

Gefährliche Selbstgewissheit

Dieser Südkorea-Moment hat sich mir ebenso eingebrannt wie der Titelgewinn 2014. Schließlich war ich in den Jahren 2006 bis 2016 sozialisiert worden, in den Jahren also, als Deutschland sechs Mal in Folge bei einem großen Turnier das Halbfinale erreichte. Ausscheiden in der Vorrunde – das war etwas für Länder wie England, Frankreich oder Italien, die das Potential ihrer Einzelspieler allzu häufig nicht als Mannschaft auf den Platz bringen konnten.

F.A.Z.

Dass auch Deutschland sich bei einer WM einmal so stark unter Wert verkaufen könnte, war für mich schlicht unvorstellbar. So spiegelte meine Selbstgewissheit die Selbstgewissheit der deutschen Spieler. Das Aufwachen in der Realität war umso härter.

An das nächste Vorrundenaus 2022 in Qatar kann ich mich schon weniger gut erinnern. Es kam überraschend, bestätigte aber in erster Linie, dass „einmal“ nicht „keinmal“ gewesen war. 2023 war dann auch für die DFB-Frauen erstmals schon nach der Vorrunde Schluss (erneut nach einem Spiel gegen Südkorea).

Resignation statt Entsetzen

Und dieses Jahr? Das Land schien wieder bereit zu sein für eine große Fußballeuphorie. An den Spieltagen sah man allenthalben Deutschlandtrikots, die Einschaltquoten waren trotz der späten Anstoßzeiten sehr gut, und nach dem 7:1 gegen Curaçao wuchsen manche Hoffnungen wieder in den Himmel.

Und doch blieb der große Schock nach dem frühen Ausscheiden dieses Mal aus. Schließlich waren die Leistungen von Spiel zu Spiel schlechter geworden: Die Frage am Montagabend war im Grunde nur, ob es schon gegen Paraguay oder danach gegen Frankreich vorbei sein würde. Vor allem aber haben wir uns inzwischen daran gewöhnt, dass Fußballspiele mit deutschen Mannschaften häufig schlecht ausgehen und deutlich schlechter als erwartet. Spätestens im Elfmeterschießen zeigte sich, dass dieser Defätismus – die ebenso schädliche Gegenseite zur Selbstüberschätzung – mittlerweile auch die deutschen Spieler erreicht hat.

So hat sich mit der Häufung der schlechten Ergebnisse bei großen Turnieren für den Fußballfan auch die Trauer über diese gewandelt. An die Stelle des Entsetzens ist die Resignation getreten: „So musste es ja kommen.“ Die Enttäuschung gilt nicht einem einzelnen Ergebnis oder gar einer Schiedsrichterentscheidung, sondern dem Niedergang des deutschen Fußballs im Allgemeinen. Ein zentraler Teil des deutschen Selbstverständnisses war für gar nicht wenige Menschen der Erfolg im Fußball. Das ist verlorengegangen.

Wer möchte, kann hierin eine Parallele zu größeren politischen Entwicklungen erkennen. Die erste Trump-Wahl war ein Paukenschlag, die zweite nur noch eine Überraschung. Als die AfD erstmals in den Bundestag kam, schien das unerhört; mittlerweile freut man sich, wenn sie in Umfragen einmal nicht stärkste Kraft ist. Die großen deutschen Fußballjahre korrespondierten mit der Hoch-Zeit der Ära Merkel. Ende 2014 blickten die Deutschen so optimistisch in die Zukunft wie noch nie seit der Wiedervereinigung. Seitdem ist es abwärts gegangen, nicht nur mit der Nationalmannschaft.

Solche Verbindungen von Fußball und Politik sind wohl eher Korrelationen als Kausalitäten – sonst müssten Frankreich und England inzwischen auch wirtschaftlich ganz oben stehen. Und doch hätte Deutschland ein Signal des Umschwungs dringend gebrauchen können. Wie schade, dass es nicht aus dem Fußball kam.

In der WM-Kolumne „Freistoß“ beleuchten wir die Welt des Fußballs aus feuilletonistischer Sicht.

Gesamten Artikel lesen