Dinge zu verlieren kann sehr schnell gehen: Man macht Quatsch mit Freunden oder ist müde nach einem langen Schultag, steigt aus dem Bus aus – und der Turnbeutel fährt allein weiter von Haltestelle zu Haltestelle.
Mit etwas Glück findet man ihn im Land der verlorenen Dinge wieder: im Fundbüro. Dessen Aufgabe ist es, verlorene Gegenstände anzunehmen, zu lagern und hoffentlich an die richtigen Besitzerinnen oder Besitzer zurückzugeben. In Deutschland gibt es über 800 Fundbüros, das größte kommunale Fundbüro ist in Hamburg. Kommunal bedeutet, dass es von der Stadt betrieben wird. Jährlich werden dort rund 40 000 Fundstücke abgeben, täglich gehen neue Funde ein.
Richard Emmel ist der Leiter des Zentralen Fundbüros in Hamburg. Fundstücke sollten bei der örtlichen Polizei oder dem nächsten Fundbüro abgegeben werden. Auch öffentliche Einrichtungen wie Schwimmbäder oder Einkaufszentren haben oft Annahmestellen für verlorene Gegenstände.
Foto: Maria Feck / DEIN SPIEGELSo auch heute: Ein Polizist stellt eine blaue Plastikkiste auf den Annahmetresen. »Ich habe da mal wieder was für euch!«, sagt er mit einem Lächeln. Ein Mitarbeiter des Fundbüros kramt einen kleinen Schlüssel aus einer Schublade und öffnet damit das Schloss der Transportbox. Eine nach der anderen zieht der Polizist jetzt durchsichtige Plastiktüten aus der Kiste. Darin: Kopfhörer, Geldbörsen und eine kleine Handtasche, übersät mit Glitzersteinchen. Die Gegenstände wurden in Hamburg gefunden und zur Polizei gebracht. Die bringt die Fundstücke regelmäßig zum Fundbüro, dort werden sie von den Mitarbeitenden in ihr System aufgenommen. Das heißt, sie sehen sich das Fundstück ganz genau an und vermerken alle Details zum Aussehen, Inhalt und Fundort.
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Im Falle eines verlorenen Turnbeutels kann man bei der örtlichen Polizei oder gleich beim Fundbüro nachfragen und eine Verlustanzeige machen. Die eingegangenen Fundstücke werden mit den Verlustmeldungen im System verglichen. »Deshalb hilft es, das Verlorene möglichst genau zu beschreiben. Welche Farbe der Beutel hat, aus welchem Material er besteht und was darin ist«, erklärt Richard Emmel, Leiter des Fundbüros in Hamburg. Je detailreicher die Beschreibung, desto einfacher ist es, in den 14 Lagerräumen den richtigen Gegenstand zu finden.
Emmel geht vorbei an Regalen voller Rucksäcke, Kleiderstangen voller Jacken und bleibt vor dem riesigen Schlüsselbrett des Fundbüros stehen. »Hier hängen die verlorenen Schlüsselbunde der vergangenen Monate«. Die Sammlung erstreckt sich über zwei Wände. »Schlüssel werden am häufigsten bei uns abgegeben, dicht gefolgt von Geldbörsen und Handys«. Um die Suche nach dem richtigen Teil zu erleichtern, sind die Fundstücke nach den Monaten sortiert, in denen sie gefunden worden sind. Funde aus öffentlichen Verkehrsmitteln werden zwei Monate lang aufbewahrt, Straßenfunde sechs Monate.
Rund 16 von 100 Gegenständen, die im Fundbüro landen, können an ihre Besitzerin oder ihren Besitzer zurückgegeben werden. »Die Quote ist leider niedriger, als wir es uns wünschen würden«, sagt Emmel. Die Leute würden die Suche häufig zu schnell aufgeben und sich einfach einen Ersatz für ihr Verlorenes kaufen. »Dabei sind alle immer herzlich eingeladen, eine Verlustanzeige zu stellen oder hier persönlich vorbeizukommen und nachzuschauen, ob ihr verlorener Gegenstand nicht doch bei uns abgegeben wurde«. Werden Fundstücke innerhalb des Aufbewahrungszeitraums nicht abgeholt, werden sie im Normalfall, je nach Wert, entsorgt oder online vom Fundbüro versteigert. Der Finder oder die Finderin dürften sie aber auch behalten.
DEIN SPIEGEL: Wann neigen wir besonders dazu, Dinge zu verlieren oder zu verlegen?
Markett: Wir Menschen haben einen inneren und einen äußeren Zustand. Der äußere Zustand ist für die aktive Wahrnehmung von Situationen da – zum Beispiel, wenn man in der Schule besonders gut aufpassen muss. Die meiste Zeit verbringen Menschen aber im inneren Zustand, das bedeutet, sie denken über etwas nach, hängen Tagträumen hinterher oder schmieden Pläne für die Zukunft. Währenddessen ist man nicht besonders aufmerksam und verschusselt leichter etwas.
DEIN SPIEGEL: Gibt es ein Beispiel für eine solche Situation?
Markett: Das kann immer passieren, wenn Dinge sehr routiniert ablaufen. Etwa, wenn man jeden Tag die gleiche Strecke mit dem Bus fährt. Da schaltet das Gehirn auf Autopilot. Es kennt die gewohnten Abläufe und kontrolliert automatisch, ob man wichtige Dinge wie Handy oder Schlüssel dabei hat. Wenn man zusätzlich aber auch noch auf den Turnbeutel aufpassen muss, der vielleicht nur einmal die Woche mitgenommen wird, kann es leichter passieren, dass er im Bus liegen bleibt. Er ist nicht Teil der gewohnten Routine und wird deshalb leichter vergessen.
Sebastian Markett ist Psychologie-Professor an der Humboldt-Universität in Berlin und ein wahrer Schusseligkeits-Experte. Seit Jahren beschäftigt er sich damit, warum Menschen oft Dinge vergessen und was dabei im Gehirn passiert.
Foto: PrivatDEIN SPIEGEL: Wie wirkt Stress sich auf unsere Aufmerksamkeit aus?
Markett: Wer zu viele Dinge im Kopf hat, vergisst schneller Sachen. Es ist, als würde man versuchen, mit zu vielen Bällen auf einmal zu jonglieren. Alle in der Luft zu halten ist sehr schwer, da fällt auch mal was runter.
DEIN SPIEGEL: Wer ist vergesslicher: Kinder oder Erwachsene?
Markett: Im Laufe unseres Lebens werden wir tatsächlich weniger zerstreut. Zum einen, weil wir uns mit der Zeit Strategien gegen die eigene Verpeiltheit überlegen. Zum anderen reift unser Stirnhirn erst bis Anfang 30 vollständig aus. Das ist zuständig für unsere Konzentration und Planung. Deshalb sind Kinder und Jugendliche oft schusseliger als Erwachsene. Aber ein wenig Schusseligkeit ist bei allen Menschen völlig normal. Wir haben über die Jahre weit über 10.000 Personen interviewt, da war keine einzige dabei, die nie schusselig ist.
Emmel kann sich an einen ganz besonderen Glückspilz erinnern: Ein Mann hatte auf Ebay ein gebrauchtes Sofa erworben. »Irgendwann ist ihm sein Handy wohl zwischen die Sofaritzen gefallen«, erzählt Emmel. »Bei der Suche danach hat der Mann plötzlich einen 50-Euro-Schein zwischen den Polstern gefunden. Und dann noch einen, und noch einen… bis er schließlich 2750 Euro zusammen hatte.« Der Mann hat den Fund beim Fundbüro gemeldet, weil er den Verkäufer des Sofas nicht mehr erreichen konnte. Das Geld wurde für sechs Monate dort aufbewahrt. »Jedoch hat sich nie jemand gemeldet, der es vermisst hat«, sagt Emmel. Nachdem die Frist abgelaufen war, wurde die hohe Summe also an den Finder übergeben – gegen eine Verwaltungsgebühr von 10 Euro.
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