Aus der Serie: Literaturkolumne
Das Vorbild für "Jules und Jim": Wie Helen und Franz Hessel miteinander zu sich selbst kamen
Aus der ZEIT Nr. 03/2026 Aktualisiert am 18. Januar 2026, 18:09 Uhr
Geliebt haben ihn alle, wirklich alle. Und eine seiner Lieben ist später weltberühmt geworden, aber da war er schon lange tot. Franz Hessel, oder auch "der heilige Franz", wie viele seiner Freunde und Geliebten ihn nannten. Seinen ersten Ruhm hatte er sich als Spaziergänger erworben, genauer gesagt – denn er liebte Paris, Frankreich und die französische Sprache – als Flaneur. Hessel, 1880 als Sohn wohlhabender Eltern in Stettin geboren, hat das Flanieren zur großen Kunst erhoben. Er ging durch die Straßen wie durch einen Roman, er las die Welt mit den liebevollen Augen des Bücherlesers. Er hatte diese erstaunliche Gabe, die Menschen zu lieben. Seine Frau Helen, geborene Grund, hielt das noch nach seinem Tod staunend fest: "Franz Hessel liebte Menschen. Er liebte sie gewissermaßen ohne Ansehen der Person. Er hatte seine Lust am Vielerlei, an der Buntheit des lebendigen Lebens." Helen war Modejournalistin in Paris, extrem erfolgreich, schrieb einen tollen Stil und ging die Ehe mit Franz, den sie 1913 in Paris kennenlernte, eher aus pragmatischen Gründen ein. Liebe, das war für beide etwas Offenes, Weitendes, Weltöffnendes, nichts Bindendes, Einengendes. Sie hatten beide ihre anderen Lieben nebenher. Der französische Schriftsteller Henri-Pierre Roché, der als Erster in diese offene Ehe als Dritter hinzukam, hat staunend diese freie Liebe in seinen Tagebüchern mitgeschrieben und später einen Roman daraus gemacht: Jules und Jim, 1962 von Truffaut verfilmt. Oskar Werner spielt darin den Jules, und Jules, das ist Franz Hessel. Über ihn heißt es im Roman: "Jules ist unser Vertrauter, unser Regisseur. Er hat eine rege Vorstellungskraft, eine Engelsgeduld. Er fügt uns in all seine Romane ein. (...) Er vergisst nur eins: sich selbst." Das galt in Franz Hessels Leben auch für seine Literatur. Ja, er schrieb selbst Romane, sehr schöne, sehr leise, Der Kramladen des Glücks zum Beispiel und Heimliches Berlin. Er nahm aber stets die Werke anderer wichtiger als seine eigenen. Er arbeitete für Ernst Rowohlt als unermüdlicher, akribischer Lektor, entdeckte und förderte zum Beispiel Mascha Kaléko, die er zu ihrem ersten Gedichtband überredete und die über ihn schrieb: "Alle liebten diesen seltsamen heiligen Franz, der abgeklärt wie ein Weiser aus dem Fernen Osten durch unser lärmendes Jahrhundert ging." Er übersetzte unermüdlich aus dem Französischen, Marcel Proust, Jules Romains, Honoré de Balzac, dessen legendäre blau-rote deutsche Gesamtausgabe er initiierte. "Wir leben auf in seiner Gesellschaft", schrieb Helen, "wir kommen zu uns selbst, zu seinem Selbst, an dem wir Entdeckerfreuden haben und so viel Interesse und Gefallen finden wie er an uns." In letzter Sekunde hat der Jude Hessel im Herbst 1938 Berlin verlassen. Im Exil in Sanary-sur-Mer ist er gestorben, so leise und höflich und selbstlos, wie er gelebt hatte. Das war im Januar 1941, es hatte geschneit. Helen schreibt: "Niemand, auch wir nicht, hatte geahnt, dass er dem Sterben so nahe wäre. So leise hatte er sich dem Tod genähert, dass wir es erst merkten, als er schon nicht mehr erreichbar war."

vor 19 Stunden
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