Frankfurter Anthologie: Statius: „An den Schlaf“

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In Homers „Ilias“ erfährt man über Hypnos, den Gott des Schlafs, dass er auf der Insel Lemnos lebt, der Zwillingsbruder des Todesgottes Thanatos ist und über die Gabe verfügt, alle Lebewesen in Schlaf zu versetzen. Selbst die olympischen Götter und Göttinnen sind davor nicht gefeit. Entsprechend redet Hera ihn als „Herrn über alle die Götter und alle die Menschen“ an, und dies nicht nur, weil sie seine Hilfe benötigt, um ihren Gatten Zeus vorübergehend handlungsunfähig zu machen. Spätere Epiker haben das Bild des Schlafgottes weiter ausgemalt: In Vergils „Aeneis“ verwendet Somnus – wie er bei den Römern hieß – einen Zweig, den er in Lethe, den Fluss des Vergessens, getaucht hat, in Ovids „Metamorphosen“ haust er in einer Grotte, in die kein Sonnenstrahl und kein Geräusch dringt und an deren Eingang Mohn blüht. „Hier ruht“, auf einem Lager aus Ebenholz, umgeben von seinen Kindern, den Träumen, „Er, der Gott, gelöst und schlaff seine Glieder.“

All dieses und weiteres mythologisches Wissen wird in dem vorliegenden, im ersten nachchristlichen Jahrhundert geschriebenen Gedicht des römischen Dichters Statius vorausgesetzt. Doch für das Verständnis des Gedichts erforderlich ist dieses Wissen nicht, denn mit der Schlaflosigkeit geht es darin um eine elementare menschliche Erfahrung, die so alt sein dürfte wie die Menschheit und wohl niemals ganz besiegt sein wird, allen medizinischen Hilfsmitteln zum Trotz. Aus diesem Grund wirkt auch das Gedicht zeitlos: Man würde kaum vermuten, dass es rund zweitausend Jahre alt ist.

Wie qualvoll, als Einziger wach zu liegen

Es ist in Hexametern verfasst, dem Metrum der Epen, und verweist somit auf diese große Tradition, wie auch auf die „Homerischen Hymnen“. Doch das Gedicht ist völlig individuell, in keinem Gattungsmuster geht es ganz auf. In seinem Mittelpunkt steht das an Schlaflosigkeit leidende Ich: Ohne zu wissen, warum, hat es schon sieben Nächte durchwacht. Seine körperlichen und seelischen Kräfte sind erschöpft. Der Vergleich mit dem Riesen Argus, der viele Augen hat, von denen zwei immer schlafen, macht die Drastik dieser Situation überdeutlich. Nicht weniger anschaulich ist der Kontrast zwischen der eingangs entworfenen Szenerie einer friedlich schlafenden Welt und der zermürbenden Einsamkeit des schlaflosen Ichs – wie qualvoll muss es sein, als Einziger wach zu liegen, wenn selbst das Meer und der Wind zur Ruhe gekommen sind.

Dagegen kann nur der Gott des Schlafs helfen. Deshalb wird er im Gedicht angerufen und mit schmeichelhaften Worten als „sanftester unter den Himmlischen“ bezeichnet. Er soll den erlösenden Schlaf bewirken, wobei er der bescheidenen Bitte des Ichs zufolge nicht einmal seine ganze Macht einsetzen müsste, schon eine Berührung mit der Spitze seines Stabes oder auch nur seine Anwesenheit würden genügen.

Woher nimmt der Gott den fehlenden Schlaf?

Eine besondere Pointe ist der Vorschlag, woher der Gott den fehlenden Schlaf, gleichsam ressourcenschonend, nehmen könnte: von Menschen, die aus freien Stücken darauf verzichten, weil sie die Zeit für die Liebe benötigen. Diese originelle Wendung hat ihre Wirkung auf die Leserinnen und Leser zweifellos schon in der Antike nicht verfehlt. Auch sie ist zeitlos.

Dennoch ist „An den Schlaf“ ein gutes Beispiel für die wechselnden Geschicke der Literaturgeschichte. Lange Zeit war der Klassikerstatus des Statius unangefochten, was unter anderem daraus hervorgeht, dass Dante ihn in seiner „Commedia“ auftreten lässt. Dieser Ruhm ging aber von der „Thebais“ aus, einem Epos des Statius. Seine Gedichtsammlung hingegen, die „Silvae“ („Wälder“), zweiunddreißig Gedichte, kannte man im Mittelalter nicht mehr. Sie wurden erst 1417 von dem Humanisten Gianfrancesco Poggio Bracciolini wiederentdeckt, der am Konstanzer Konzil teilnahm und die Gelegenheit nutzte, um in den umliegenden Klöstern nach antiken Handschriften zu suchen. In einem von ihnen fand er die einzige Handschrift der „Silvae“ und ließ sie kopieren.

Bald darauf gehörten die „Silvae“ zu den wirkungsreichsten Gedichtsammlungen der lateinischen Antike. In der Frühen Neuzeit wurden sie in ganz Europa gelesen. Eine besondere Hochschätzung genoss „An den Schlaf“, das vielfach nachgeahmt wurde, mit möglichen Fernwirkungen bis zu Goethe, dessen „Wandrers Nachtlied“ an das Gedicht des Statius denken lässt: „In allen Wipfeln / Spürest du / Kaum einen Hauch“. Auch Hölderlins „Abendphantasie“ erinnert daran: „Komm du nun, sanfter Schlummer“.

Was für Statius nach 1800 kam, war aber weitgehende Vergessenheit. Von den römischen Klassikern dürfte er heute einer der unbekanntesten sein. Doch das muss nicht das letzte Wort gewesen sein. Kürzlich sind zwei neue wissenschaftliche Ausgaben der „Silvae“ erschienen. Vielleicht können sie das Blatt noch einmal wenden.

Statius: „An den Schlaf“

Welches Verschulden, du sanftester unter den Himmlischen, büß ich,
Welches Fehl, daß allein ich Armer nach deinen Geschenken
Darbe, o Schlaf? Es verstummt das Getier und das Wild und die Vögel,
Und die geneigten Kronen der Bäume ruhn wie im Traume.
Leiser rauschen die Flüsse dahin, die Schrecken der Fluten
Sterben, und sanft an die Küsten geschmiegt entschlummern die Meere.
Schon in der siebenten Nacht sieht Phöbe beim kreisenden Laufe
Meine geröteten Lider, es strahlen die Fackeln der Sterne
Siebenmal über Gebirg und Inseln, mit kühlendem Taue
Netzt mich die Röte des siebenten Morgens voll Mitleid mit meinem
Kummer. Wie soll ich es tragen? Nimmer vermöcht ichs, und hätt ich
Tausend Augen zum Schauen in wechselnder Wache wie Argus,
Der doch niemals sein heiliges Amt alläugig verrichtet.
Ach, wenn ein Liebender nun in zögernder Nacht der Geliebten
Schultern umarmt und verschmähet es gern, dein Glück zu genießen
Siehe, so komme zu mir! Und ich will dich nicht flehn, mit den Schwingen
Ganz meine Augen zu decken – das mögen Beglücktere wünschen!
Streiche mich nur mit des Zauberstabes äußerster Spitze,
Dann ist es gut, oder schweb du leisen Schrittes vorüber.

Aus dem Lateinischen von Horst Rüdiger

In: „Lyrik des Abendlands. Gedichte aller abendländischen Völker von den Homerischen Hymnen bis zu Lorca und Brecht“. Gemeinsam mit Hans Hennecke, Curt Hohoff und Karl Vossler ausgewählt von Georg Britting. Hanser Verlag, München 1973. Vergriffen.

Von Frieder von Ammon ist zuletzt erschienen: „Nature Writing“. Hrsg. von
Frieder von Ammon und Peer Trilcke. Edition Text + Kritik, München 2025. 180 S., br., 34,– €.

Redaktion Hubert Spiegel

Gedichtlesung Thomas Huber

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