Frankétiennes Haiti-Roman: Gewalt wurzelt in den Gedärmen und explodiert im Kopf

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Der Schriftsteller, Maler, Schauspieler und Dramatiker Frankétienne verkörpert wie kein anderer Künstler Haitis facettenreiche Kultur: Als „James Joyce der Karibik“, wie Leser und Fans ihn nannten, rechnete er bis zu seinem Tod 2025 fest mit dem Nobelpreis für Literatur. Den hätte er verdient gehabt, denn Frankétienne beugte sich keinem der mehr oder weniger diktatorischen Regime Haitis: von Papa und Baby Doc über den Armenpriester Aristide bis zum im Bett ermordeten Präsidenten Moïse und den Killerkommandos, die Port-au-Prince zur No-go-Area machen und dort die Agenda bestimmen. Damit nicht genug. Statt Krokodilstränen zu vergießen über die einstige Perle der Antillen, machte er die Inselrepublik sichtbar als das, was sie heute ist: ein durch korrupte Eliten und Einmischungen von außen gescheiterter Staat.

Frankétiennes Werk ist politisch hochaktuell und zugleich von radikaler Modernität: Es ist keine leichte Lektüre, weil es auf eine in Europa unbekannte Tradition anspielt, den Voodoo-Kult, dessen Ver­ästelungen urverwandt sind mit antiker Mythologie – zum Glück hat der Autor dem Buch ein erklärendes Glossar bei­gefügt. Statt einer Charakteristik eine Textprobe: „Die Mahlzeit köchelt. Mit einer Kopfbewegung und einem Zeichen mit den Augen haben sie uns zurück­gedrängt. Die Gewalt wurzelt in den Gedärmen, wächst im Bauch und explodiert im Kopf. Eine Vielzahl offener Hände bevölkert unsere Träume. Gestreckte Hände. Angriffslustige Hände. Flehende Hände. Rächende Hände. (. . .) Unser Gedächtnis ist voller Kreuze, Nägel und Wunden. Sie ­haben unser Gedächtnis gekreuzigt.“

 „Eine Aufforderung zum Kampf“.Frankétienne: „Eine Aufforderung zum Kampf“.Verlag

Wovon ist die Rede, wer spricht hier? Es sind Zombies, die nach dem in Haiti verbreiteten Volksglauben durch Voodoo-Zauber in todesähnliche Lethargie versetzt und nur mit Salz wieder zum Leben erweckt werden können. Der kollektive Albtraum drückt zweierlei aus: das Elend aus Afrika verschleppter Sklaven, die Saint-Domingue zur reichsten Kolonie Frankreichs machten, bevor sie in einem vom Voodoo-Kult und Ideen der Französischen Revolution inspirierten Aufstand Freiheit und Unabhängigkeit erkämpften und das Land wieder auf seinen alten Namen tauften: Haiti – Felseninsel. Das war 1804, lange vor der Entkolonisierung Südamerikas.

Und ein weiteres Trauma überlagert die heroische Vergangenheit: die Erinnerung an die blutige Tyrannei von „Papa Doc“ Duvalier, der mit der Miliz seiner „Tonton Macoutes“ das Volk entmündigte und in willenlose Zombies verwandelte. Der Diktator starb im Bett und ernannte seinen noch minderjährigen Sohn Jean-Claude, genannt Baby Doc, zum Staatschef auf Lebenszeit – dazu musste eigens die Verfassung geändert werden. Als Vorbote halbherziger Liberalisierung erschien Frankétiennes Roman „Dézafi“ 1975 erstmals in kreolischer Sprache, ein Protest gegen Haitis frankophone Elitenkultur, und wurde vom Autor unter dem Titel „Les ­affres d’un défi“ später auf Französisch übersetzt. Der Roman – wenn es denn einer ist – schildert die Reise ans Ende der Nacht einer Gruppe von Zombies, gefangen in einem Tunnel aus physischer Not und psychischem Leid, aus dem kein Lichtstrahl ins Freie führt.

Aber der Roman nahm den Sturz der Diktatur vorweg, der sich nach dem Papstbesuch in Haiti 1986 im Zeichen des Halleyschen Kometen vollzog: Die kirchlichen Sender Radio Soleil und Radio Lumière prangerten die Verbrechen des Regimes an, und Baby Doc floh vor dem Volkszorn ins vergoldete Exil.

Frankétienne, von einem amerikanischen Ingenieur mit einer schwarzen Landarbeiterin ungewollt gezeugt, ist ein Urphänomen karibischer Kultur, und meine Haiti-Reisen wären unvollständig gewesen ohne den Besuch seines mit Bildern vollgestopften Hauses, umgeben von einer unübersteigbaren Mauer, die ihn vor politischen Unruhen und Einbrüchen schützte – die beste Investition seines Lebens, wie er sagte. Beim Gegenbesuch in Deutschland brach er in Tränen aus angesichts friedlicher Biergärten und Cafés, während sein Heimatland unrettbar im Chaos versank. „Vielleicht ist das der Grund“, fügte er hinzu, „warum meine Bücher spiralförmig komponiert sind: um den Abgrund sichtbar zu machen, der Haiti vom Rest der Welt trennt.“

Frankétienne: „Eine Aufforderung zum Kampf“. Aus dem Französischen von Richard Steurer-Boulard. Litradukt Verlag, Trier 2026. 224 S., br., 18,50 €.

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