Film „H wie Habicht“: „Wissen Sie, was sie beruhigt? Mord.“

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Eines der Wunder, die Helen Macdonald in ihrem Buch „H wie Habicht“ vollbringt, ist, dass ihre Sätze ein Tier entstehen lassen, als wäre es nie zuvor gesehen, beschrieben oder fotografiert worden. Man liest von „gepanzerten Pianistenfingern“, in die die langen Füße münden, von Brustgefieder in der Farbe „sonnenbeschienenen Zeitungspapiers“, vom reptilienhaften Pendeln des Kopfes und hat einen Greifvogel vor Augen, so fremd, wild und schön, wie Macdonald ihn empfindet. „H wie Habicht“, dessen Erfolg vor gut zehn Jahren die Autorin wohl am meisten überraschte, ist zugleich Beschreibung und Analyse einer Leidenschaft, ist Memoir, Trauerbuch, Vogel- und Falknereikunde und Biographie des unglücklichen Schriftstellers und Greifvogelfans T. H. White – eine verschlungene Kreuzung, wie sie nur Worte erschaffen können.

„H wie Habicht“ zu verfilmen, musste bedeuten, sich auf den Teil zu konzentrieren, der in Bildern darstellbare Handlung enthält: die Geschichte einer um ihren Vater trauernden Frau, die beschließt, einen Habicht abzurichten und mit ihm zu leben. Naheliegend wäre gewesen, bei einer Vorlage, die so ganz Introspektion ist, die Gefühlslage der Ich-Erzählerin so gründlich ausleuchtet, eine Stimme aus dem Off zu Hilfe zu nehmen. Doch der Film wählt den schwierigeren Weg, verlässt sich auf die ihm eigenen visuellen Mittel. Und wie er das tut, ohne die Vielschichtigkeit der Vorlage zu verraten, ist auch ein kleines Wunder.

Dann der Anruf: Dad ist tot

Es beginnt einigermaßen klassisch. Nachdem die erste Szene starke Vater-Tochter-Bande andeutet, kommt bald ein Anruf: Dad ist tot, Herzinfarkt. Im Garten darf Helen mit dem fast zu liebenswert-knuffigen Vater (Brendan Gleeson) noch einmal lachen, ihn ermahnen, in seinem Beruf als Pressefotograf kürzerzutreten; doch das ist schon ein Rückblick, der erste von vielen. In ihrer neuen Realität stürzt sie sich zu schnell in eine Beziehung und kümmert sich nicht darum, wie es nach dem Ende ihres Stipendiums weitergehen soll.

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Die kurze Sorge, die Adaption könnte sich in einer konventionellen Trauerverarbeitungsgeschichte erschöpfen, ist unbegründet, denn nun geht es erst richtig los. Auftritt Habicht: Helen glaubt, dass es ihr in der Trauer helfen wird, ihre alte Leidenschaft wiederzubeleben, die Falknerei, und sie hat sich den schwierigsten Greifvogel in den Kopf gesetzt. Jene Art, von der der Züchter sagt: „Wissen Sie, was sie beruhigt? Mord.“

Den Habicht töten zu lassen, Zeugin seiner Jagd zu sein und dabei darauf vertrauen zu können, dass er zu ihr zurückkehrt – darum geht es. Auf dieses Ziel richtet Helen ihr ganzes Sein aus, von dem Moment an, da sie einen Karton mit einem jungen Habichtweibchen in Empfang nimmt. Es an sich zu gewöhnen, heißt, sich möglichst unauffällig zu verhalten und nur als Fleischlieferantin in Erscheinung zu treten. Genau das, was Helen möchte: Sie will verschwinden in dieser Welt, in der der Vater fehlt und sie nicht weiß, was aus ihr werden soll; an der akademischen Karriere zweifelt sie längst.

 Helens Falkner-Freunde Stuart (Sam Spruell) und Mandy (Emma Cunniffe) sind da, wenn sie mit ihrem Habich nicht weiterweiß.In der Menschenwelt: Helens Falkner-Freunde Stuart (Sam Spruell) und Mandy (Emma Cunniffe) sind da, wenn sie mit ihrem Habich nicht weiterweiß.Protagonist Hawk Limited

Um dem Wildtier, das sich plötzlich in einer Wohnung wiederfindet, die Unsicherheit zu nehmen, sucht sie nicht dessen Blick, wie man es bei einem Hundewelpen täte, sondern meidet ihn. Das bleibt der Kern dieser Tierbeziehung: Habichte kann man nicht zähmen, man kann nur von ihnen geduldet werden. Dies galt auch für die Dreharbeiten, bei denen sich Teile des Filmteams hinter Möbeln versteckten und das Tragen heller Kleidung untersagt war, um die fünf Vögel, die abwechselnd als Filmhabicht Mabel auftreten, nicht zu irritieren. Die Freude in Claire Foys Gesicht, wenn Mabel ihrem Ruf gehorcht und auf dem behandschuhten Arm landet, dürfte echt sein. Habichte sind unberechenbare Spielpartner, und die Schauspielerin hat den Umgang mit ihnen in einer Falkner-Blitzausbildung gelernt.

Das von Emma Donoghue und Regisseurin Philippa Lowthorpe geschriebene Drehbuch gibt der wachsenden Bindung zwischen Helen und Mabel viel Zeit, ohne sie zu romantisieren. Der Habicht bleibt ein in die Menschenwelt gezwungener Solitär, dessen orangefarbene Augen jede Auffälligkeit in der Umgebung mit gleicher Wachsamkeit sondieren, ob seine Besitzerin sich erschöpft auf den Wohnzimmerboden legt oder im Unterholz ein Kaninchen raschelt.

Ob Mabel beim Freiflug aus Gewohnheit zu ihr zurückkomme oder Zuneigung eine Rolle spiele, will bei einer Party jemand von Helen wissen. Die kommt bei der Antwort ins Stottern. Es ist schwer, zu vermitteln, dass für sie die Erfüllung gerade in der Nähe zu solch instinktgetriebener Wildheit liegt. Als Schlüssel zu einem wahrhaftigen Naturverhältnis versucht sie das später in einem Vortrag zu theoretisieren, dessen Zuhörer ihr vorwerfen, einem Greifvogel zum Spaß das Töten zu erlauben. Ihre aufgeregte Erwiderung isoliert sie nur weiter, sie bricht mitten im Satz ab.

Da hat Helen schon zu begreifen begonnen, dass der Habicht allein sie nicht retten kann, in ihrer Trauer nicht und auch sonst nicht. Je mehr es ihr gelingt, eins zu werden mit dem Vogel, desto schlechter geht es ihr. Der Film findet subtile Bilder für die Erkenntnis, worin ihr Irrtum besteht. An einer Kirche in Cambridge steht die Tür offen, Licht dringt heraus, und der Gesang eines Chors. Helen lehnt sich an das alte Gemäuer und lauscht der Melodie, mit der sich die Stimmen der Sänger verbinden. Wer nicht mehr sein will als die Sitzstange für einen Greifvogel, kommt vielleicht der Natur näher, gibt aber auf, was die eigene Spezies ausmacht: ein Mensch unter Menschen zu sein.

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