Film„Do the Right Thing“: Die Temperatur einer Gesellschaft

vor 2 Stunden 1

Als „Do the Right Thing“ 1989 erschien, löste der Film heftige Diskussionen aus. Einige Kritiker warnten damals sogar davor, er könnte Gewalt provozieren. Mehr als drei Jahrzehnte nach seiner Veröffentlichung wirkt der Film erstaunlich aktuell und wird regelmäßig zu den bedeutendsten amerikanischen Filmen aller Zeiten gezählt. Das liegt nicht nur an seinen politischen Themen, sondern vor allem an der Art, wie Spike Lee gesellschaftliche Spannungen sichtbar macht.

Die Handlung spielt an einem einzigen Sommertag in einem überwiegend afroamerikanischen Viertel in Brooklyn. Im Mittelpunkt steht Mookie, ein junger Pizzabote – gespielt von Spike Lee selbst –, der für Sal arbeitet, einen italienischstämmigen Restaurantbesitzer. Kinder spielen auf den Straßen, Nachbarn unterhalten sich vor ihren Häusern, Musik dringt aus offenen Fenstern. Doch hinter dieser alltäglichen Fassade existieren längst Konflikte, Vorurteile und Ressentiments. Im Verlauf des Tages verdichten sich diese Spannungen immer weiter.

Bemerkenswert ist, wie wenig Handlung Spike Lee eigentlich benötigt. Über weite Strecken wirkt der Film fast wie eine Beobachtung des Viertels und seiner Bewohner. Aber die Figuren sitzen auf einem Pulverfass. Von Beginn an liegt das Gefühl in der Luft, dass die Situation jederzeit kippen könnte.

Eine zentrale Rolle spielt dabei die Hitze. Lee setzt Wetter als wirkungsvollen Katalysator ein. Die hohen Temperaturen beeinflussen die Stimmung aller Figuren. Menschen werden gereizter, verlieren schneller die Geduld und reagieren impulsiver. Die Hitze entwickelt sich dabei zu einer offensichtlichen Metapher für die gesellschaftlichen Spannungen, die sich im Laufe des Tages immer weiter aufladen.

Rot, Orange und Gelb als Signalfarben einer erhitzten Stadt

Verstärkt wird dieser Eindruck durch die Farbgebung der Inszenierung. Spike Lee taucht sein Brooklyn in intensive Rot-, Orange- und Gelbtöne – Signalfarben einer erhitzten Stadt. Kameramann Ernest Dickerson setzt zudem auf ungewöhnliche Perspektiven und dynamische Bewegungen. Das Viertel wirkt lebendig, aber zugleich unruhig. Unterstützt wird diese Atmosphäre von Public Enemys „Fight the Power“, das immer wieder erklingt und zum musikalischen Herzschlag des Films wird.

Eine der größten Stärken von „Do the Right Thing“ ist die Figurenzeichnung. Spike Lee präsentiert keine klaren Helden und keine eindeutigen Bösewichte. Sal zeigt sowohl väterliche als auch rassistische Züge. Auch andere Figuren äußern Vorurteile gegenüber unterschiedlichen Gruppen. Der Film macht deutlich, dass Diskriminierung nicht als einfaches Schwarz-Weiß-Problem verstanden werden kann. Stattdessen zeigt er ein komplexes Geflecht aus Erfahrungen, Ängsten und Konflikten.

Gleichzeitig entsteht das Bild einer Gemeinschaft, die trotz aller Unterschiede miteinander verbunden ist. Figuren wie Radio Raheem, Mother Sister oder die Männer an der Straßenecke verleihen dem Viertel seine Identität. Brooklyn selbst entwickelt sich zur eigentlichen Hauptfigur des Films.

Die Eskalation am Ende kommt deshalb nicht überraschend, sondern wirkt wie die Konsequenz einer Entwicklung, die sich lange angekündigt hat. Spike Lee verweigert seinem Publikum dabei einfache Antworten. Statt eine klare moralische Botschaft zu formulieren, stellt er Fragen nach Verantwortung, Gerechtigkeit und gesellschaftlichen Ursachen von Gewalt. Gerade diese Offenheit macht den Film bis heute so faszinierend.

Mehr als 35 Jahre nach seiner Premiere hat „Do the Right Thing“ nichts von seiner Wirkung verloren. Im Gegenteil: Das Drama von 1989 wirkt heute aktueller denn je. Diskussionen über Rassismus, Polizeigewalt und gesellschaftliche Spaltung prägen weiterhin die öffentliche Debatte in Amerika. Gleichzeitig ist der Film weit mehr als ein politisches Statement. Er verbindet gesellschaftliche Beobachtung mit einer außergewöhnlichen visuellen und erzählerischen Energie.

Auch die Resonanz auf den Film fiel entsprechend groß aus. Bei den Oscars 1990 erhielt „Do the Right Thing“ zwei Nominierungen, darunter für das beste Originaldrehbuch. Dass Spike Lee nicht für die beste Regie nominiert wurde, sorgte damals für Diskussionen. Rückblickend gilt diese Entscheidung vielen Kritikern als eine der größten Oscar-Fehlentscheidungen ihrer Zeit.

Spike Lee ist ein Werk gelungen, das zugleich Zeitdokument und zeitloses Drama ist. „Do the Right Thing“ zeigt, wie Kino gesellschaftliche Wirklichkeit sichtbar machen kann, ohne einfache Lösungen anzubieten. Seine Fragen sind bis heute aktuell. Gerade deshalb zählt der Film zu den bedeutendsten Werken des modernen amerikanischen Kinos und beeinflusst Filmschaffende bis heute.

Gesamten Artikel lesen