„Faccetta nera“: Autoscooter mit Mussolini

vor 1 Tag 1

Die musikalische Beschallung von Fahrgeschäften auf Rummeln ist oft nervtötend. In Italien wurde sie jetzt sogar zu einem Politikum. Bei der Winter-Kirmes in Genua wurde vor einigen Tagen an einem Autoscooter das faschistische Lied „Faccetta nera“ gespielt. „In Genua gibt es keinen Platz für faschistische Nostalgie und wird es auch nie geben“, sagte Silvia Salis, Genuas Bürgermeisterin. Italiens Partisanenverband ANPI nannte den Vorfall „eine besorgniserregende Realität“. Eine Passantin hatte die Szene gefilmt, die Website Genovaquotidiana sie publik gemacht: In dem Video ist neben dem Lied auch die empörte Stimme der Filmenden und die des Karussellbetreibers zu hören. „Das ist kein Lied, sondern eine Verherrlichung des Faschismus, eine Straftat“, protestiert sie. „Es ist nur ein Lied“, sagt er.

„Nur ein Lied“ trifft es allerdings nicht ganz. „Faccetta nera“ (schwarzes Gesichtchen), komponiert 1935 von Mario Ruccione, war eines der wichtigsten Propagandalieder der Mussolini-Ära, um das imperiale Projekt der Eroberung Äthiopiens sicherzustellen. Es ist ein Symbol der rassistischen Rhetorik, der Text stellt koloniale Gewalt als patriotisches Fest dar und verspricht den italienischen Truppen die Verfügbarkeit der Körper afrikanischer Frauen.

Erzählt wird von einem Soldaten, der ein junges, versklavtes äthiopisches Mädchen „befreit“ und ihr ein neues Leben in Rom in Aussicht stellt: „Quando staremo vicino a te / Noi te daremo un’altra legge e un altro Re / La legge nostra è schiavitù d’amore“ (Wenn wir bei dir sein werden / Werden wir dir ein anderes Gesetz und einen anderen König geben / Unser Gesetz ist die Sklaverei der Liebe). Mit dem Lied erreichte der Mythos der „guten Italiener“ in den Dreißigerjahren seinen Höhepunkt. Begleitend wurden Fotos barbusiger afrikanischer Frauen verbreitet, die angeblich nur auf die italienischen Eroberer warteten.

Die Playlist hat uns einen Streich gespielt

Die Zeit des Faschismus wurde in Italien bisher eher lapidar aufgearbeitet, Italiens Kolonialverbrechen noch viel weniger. „Faccetta nera“ wird in neofaschistischen Kreisen gespielt, und Jugendliche, für die Mussolini eine Kultur männlicher Überlegenheit verkörpert, benutzen es als Handyklingelton. Man kann mit dem Lied seine ideologische Überzeugung ausdrücken – oder einfach nur provozieren. Seit ein paar Monaten erregt es öfter breite Aufmerksamkeit. Im September ertönte es auf einem Fest des Bauernverbands Coldiretti, Mitte Dezember aus den Lautsprechern der Eislaufbahn auf dem Rathausplatz der mittelitalienischen Stadt Campobasso. Ein paar Tage später war es auf dem Rummel von Sanremo zu hören. In allen drei Fällen hieß es, ein „automatischer, unkontrollierter Playlist-Vorgang“ habe das Abspielen ausgelöst. Immer folgte die gleiche Dynamik: Skandal, vorübergehende Empörung, politische Distanzierungserklärung, Verweis auf die Zufallswahl der Playlist und Abhaken des Vorfalls. So kehrt faschistisches Gedankengut nicht als explizite Bedrohung in die Öffentlichkeit zurück, sondern mit der Leichtigkeit einer Melodie.

Allerdings reagiert der Algorithmus von Spotify auf Vorlieben. Er spült Faschismus in die Playlist, wenn man zuvor schon nach entsprechenden Liedern gesucht hat. „Faccetta nera“ ist problemlos auf Spotify zu finden. Im Original und in jüngeren Remixen unterlegt mit Discobeat. Auch in Genua wurde die Playlist als Entschuldigung mitangeführt, neben der persönlichen Unreife des 18-jährigen Sohnes des Autoscooterbetreibers, der zum Zeitpunkt des Abspielens an der Kasse saß. Es habe „keinerlei politische Absicht“ dahintergestanden.

Verhaftet wurde niemand. Anders als die Passantin meinte, ist die bloße öffentliche Wiedergabe eines Liedes aus der Zeit des Faschismus in Italien keine Straftat. Man darf auch den römischen Gruß zeigen, wenn die Absicht gedenkend und nicht gewalttätig ist, wie mehrere Gerichtsurteile bestätigt haben. Wäre es anders, hätten die Hunderte von schwarz gekleideten Neofaschisten, die sich am 8. Januar in Rom, wie schon seit einigen Jahren, in der Via Acca Larentia versammelt hatten, verhaftet werden müssen.

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