Solange Heribert nur wieder zum Vorsitzenden gewählt wird, bleibt das Abendland, jedenfalls im Tennisclub TC Lengenheide, stabil. Der Senior mit dem entzündeten Ischiasnerv und der wehenden Tolle, von Hape Kerkeling als trauriger König in seinem Exil gespielt, will sich bei der Mitgliederversammlung mit der Tagesordnung erst gar nicht befassen. Schnell soll es gehen, der Nudelsalat wartet.
Flugs wird der Neubau des Pavillons („eine Fassade mit Haltung“) an den Schwager durchgewinkt und auch der Kauf des Supergrills XQ30/10 mit Doppeletage abgesegnet. Schon im Aufstehen begriffen, wird Heribert durch eine Wortmeldung jedoch jäh zurück in den Stuhl der Regularien geworfen. Für ihren Doppelpartner Erol fordert Melanie (Anja Knauer) einen Extragrill. Er dürfe ja nun kein Schweinefleisch essen, sagt sie fast mitleidig, da sei es doch eine nette Geste, auf „Gäste“ Rücksicht zu nehmen.
Erol hat weniger Integrationsprobleme als Melanie aus Berlin
Natürlich begreift Melanie nicht, dass sie mit ihrer vermeintlichen Inklusion vor allem Exklusion betreibt. Erol, der von Fahri Yardim lässig nachsichtig gespielte Steuerberater, ist mit seinem Hang zum Biedermann ein Deutscher wie aus dem Bilderbuch. Seit seiner Kindheit lebt er in Lengenheide und hatte, halal hin oder her, bislang weniger Integrationsprobleme als die kürzlich aus Berlin hergezogene Melanie mit ihrem nerdigen Mann Torsten.

Die scheinbar harmlose Frage – Extragrill ja oder nein – entfacht im Klubhaus einen Sturm der Entrüstung. Vorurteile über Deutsche und Türken, Lesben, Veganer, Dörfler, Atheisten und Gutmenschen fliegen zwischen den Kontrahenten hin und her. Selbst Torsten, den Christoph Maria Herbst seine Toleranzmonstranz genüsslich vor sich hertragen lässt, zündelt irgendwann am Grill, aber nur, weil er in Wahrheit auf Erol eifersüchtig ist. Besser wird’s nicht.
Die Welt auf der klein karierten Tischdecke der Provinz
Die Wahrheit liegt bekanntlich auf dem Platz. Und Marcus H. Rosenmüllers „Extrawurst“ nach dem Bühnenstück von Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob schafft es nicht ins Finale. Denn wie im Tennis geht es auch in der Komödie um viel mehr als bloß darum, Bälle zu schlagen. Es geht um Timing, Finesse und Taktik. All das wird hier dem Schenkelklopfer geopfert, da kann das Starensemble um Kerkeling und Herbst noch so sehr aufspielen.
Gegensätze von Welt auf die klein karierte Tischdecke der Provinz herunterzubrechen, sodass die Wurst irgendwann nicht mehr Wurst ist, das haben Autoren wie Julie Zeh oder Zadie Smith schon vor Jahren komödiantisch sehr viel raffinierter erzählt. Und eine Kulturclash-Komödie muss sich an Filmikonen wie „Rat mal, wer zum Essen kommt“ messen lassen.
Noch kann Erol mitlachen: Fahri YardimStudiocanalDabei ist die sensible Vereinsseele durchaus ein Stoff. Es sollen ja schon Freundschaften an der Frage zerbrochen sein, ob Würste „vereinsintern“ eingekauft werden dürfen. Diese urdeutsche Mischung aus Filterkaffee und laminierter Tagesordnung sowie die Vorstellung, dass nur, wer der Geschäftsordnung folgt, sich wirklich sicher fühlen darf, könnte große Operette sein. Zwischen irrlichternden Ballmaschinen und sich missverstehenden Tennisspielern verbrennt man sich in dieser aus dem Ruder laufenden Vereinssitzung die Finger. Weil sie letztlich selbst von jenem hausbackenen Geist ist, über den sie sich lustig macht.
Nur vereinzelt stechen einzelne Momente hervor. Etwa wenn Hape Kerkeling in einer Paradeszene ein Duett mit dem Treppenfahrstuhl à la Buster Keaton hinlegt und daraus eine tragische Burleske über das Altwerden macht. „Wenn ich nicht verliere, kann der andere nicht gewinnen“, hat Boris Becker einmal gesagt. Keine Fehler zu machen, ist immer noch die beste Erfolgsstrategie.

vor 22 Stunden
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