Ex-Politiker über politische Phrasen: Wenn Abscheu und Empörung auf Sicht fahren

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Wenn Politiker im Wahlkampf Zuversicht ausstrahlen wollen, berufen sie sich gern auf Begegnungen mit Bürgern. Eigentlich wissen sie, dass diese anekdotische Evidenz eine Schimäre ist. Selten freilich hat man das so schön und wohltuend klar gelesen wie in diesem kleinen Buch des früheren Hamburger Bürgermeisters Ole von Beust. Seine Erfahrung aus vielen Wahlkämpfen sei, „dass die Gesprächspartner an den Infoständen zu 80 Prozent eigene Leute sind, zehn Prozent sind missionarische Gegner und weitere zehn Prozent einsame Menschen, die wissen, ihrem Gesprächswunsch kann sich dort keiner entziehen“. Vom Herbst 2001 an regierte Beust (CDU) die Hansestadt neun Jahre lang in einem Gestus der freundlichen Distanz, dann hatte er genug und hörte auf.

Beust hielt gehörig Abstand zum Aufregismus der politischen Welt, weshalb manche ihn als allzu leichthändigen Luftikus sahen. Mit der für ihn typischen Lakonie blickt der heute 71-Jährige in  „Am Ende des Tages“ auf einen Reigen leerer, halbleerer oder dubioser Floskeln, die von vielen Politikern mit einer wunderlichen Beharrlichkeit genutzt werden. Er findet den schönen Ausdruck „Zungenschleicher“ für Begriffe, die dem Redner beim Sprechen zuweilen eher passieren, während andere mit nicht immer bester Absicht gewählt werden.

Wird etwas zu „Chefsache“, wird es noch lange nicht besser

Die Reihe reicht vom abgegriffenen Ausdruck für das Höchstmaß an Entsetzen in „mit Abscheu und Empörung“ über „auf Sicht fahren“, „nicht zu Ende gedacht“ und „Schlag ins Gesicht“ hin zur „Chefsache“, einem der vielen Wörter, die den Eindruck erwecken sollen, dass nun endlich etwas geschehe, ein „Propagandabegriff ohne Substanz“, so Beust.

 Am Ende des Tages. Politische Floskeln von A-Z. Herder-Verlag, Freiburg 2026. 144 Seiten, 18 Euro.
Ole von Beust: Am Ende des Tages. Politische Floskeln von A-Z. Herder-Verlag, Freiburg 2026. 144 Seiten, 18 Euro. Herder

Die Auswahl der Begriffe ist recht lässig geraten und auch eigentümlich, wenn etwa „DDR“ ein Stichwort ist oder „Remigration“. Das Unperfekte gehört zu diesem Brevier. Beust lässt den „Berg kreisen“ und nicht „kreißen“ – als bildliche Beschreibung dafür, dass aus einem großen Plan so gut wie nichts geworden ist. Dies ist kein Duden politischer Floskeln, sondern eine Mischung aus Seufzen, Spielerei und von Erfahrung genährten Erklärungen. Zu einem Spaß wird die Lektüre gelegentlich, weil Beust nicht versucht, komisch zu sein. Denn das kann er tatsächlich den Begriffen und ihrer Geschichte selbst überlassen.

Was noch ein wenig mehr Spaß bereitet hätte, wäre ein selbstkritischer Blick auf seine eigene Rolle als ein Bürgermeister gewesen, der durch die Kooperation mit dem Rechtspopulisten Ronald Schill in sein Amt kam, unter seinem Stichwort „Falsch abgebogen“ ein naheliegender Gedanke. Dafür aber gibt es Perlen wie das letzte Stichwort „Zwei Minuten“, in dem Beust liebenswürdig trocken schildert, warum Politiker ganz zu Recht die Flucht ergreifen sollten, wenn jemand, ganz harmlos, nur zwei Minuten ihrer Zeit beanspruchen möchte.

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