Ewald Mataré in Hamburg: Bei ihm fand Beuys seine Tiere

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Dass den Indern die Kühe heilig sind, verstand Ewald Mataré gut. Für den rheinländischen Bildhauer, der von 1887 bis 1965 lebte, waren die friedlich grasenden Tiere der faszinierende Inbegriff einer in sich ruhenden Existenz, des puren Daseins und gedankenfreien Empfindens, das in seiner Selbstverständlichkeit dem menschlichen Intellekt auf immer verschlossen bleiben würde. Aber auch wenn er nie erfahren würde, wie es sich anfühlt, eine Kuh zu sein – die Essenz ihres Wesens zu gestalten, war eine Herausforderung, der sich Mataré sein Leben lang mit wechselnden Materialien und Formgebungen stellte. Die überraschenden, oft berückend schönen Ergebnisse kann der Besucher nun im Ernst Barlach Haus bewundern – von der „Kleinen stehenden“ und der „Großen grasenden Kuh“ über das „Finnische Rind“ und das exquisite, aus Zitronen- und Ebenholz gefertigte „Kuh-Idol“  bis zur „Dreieck-Kuh“ und dem „Kuh-Zeichen“ als äußerster Abstraktion der Kuhlichkeit. Die düstere Variante dieser Existenz – das Rind als Schlachtvieh – kommt in Matarés Œuvre nicht vor.

In der Ausstellung, die das Ernst Barlach Haus gemeinsam mit dem Kunsthaus Dahlem in Berlin und dem Museum Lothar Fischer in Neumarkt in der Oberpfalz realisiert hat, sind etwa fünfzig Tierskulpturen zu sehen. Zur Menagerie gehören nicht nur Kühe. Neben verschmitzten Bibern aus Silber und einer rötlichen Bernstein-Katze sind es vor allem Pferde, die, anders als die Rinder, nicht in ruhender Kompaktheit, sondern in graziler Dynamik dargestellt sind. Mataré, der mit vielen Materialien, vor allem aber mit einer großen Bandbreite an Hölzern arbeitete,  ging es nicht um eine naturalistische Abbildung, sondern darum, durch Weglassen und Hervorheben von Merkmalen das zum Ausdruck zu bringen, was für ihn das Wesen der Tiere ausmachte.

Er tauschte die „Bildermacherei“ gegen die Suche nach dem Wesen des Tiers

Und das wollte er nicht nur sichtbar, sondern auch im Wortsinn begreifbar machen: Auch ein Blinder sollte den Ausdruck der Figuren durch Tasten vollkommen erfassen können. Ebenso große Sorgfalt wie der Formgebung widmete Mataré den Oberflächen seiner Skulpturen, die er aufwendig glättete und polierte. Manche Figur würde man am liebsten aus der Vitrine nehmen, um ihre handschmeichlerischen Qualitäten zu erfühlen und nicht nur sehend zu erahnen. Neben den haptischen brachte Mataré die optischen Qualitäten der Materialien zur Geltung. Die Maserungen und Tönungen der unterschiedlichen Hölzer verleihen den Figuren eine eigene Lebendigkeit.

 Ewald Matarés „Kuh-Ornament“, um 1947Auch im Medium des Aquarells war er auf der Suche nach der nicht weiter zu reduzierenden Urform: Ewald Matarés „Kuh-Ornament“, um 1947Annegret Gossens/VG Bild-Kunst, Bonn 2026

Am Beginn von Matarés Künstlerlaufbahn stand indes nicht die Bildhauerei. Er hatte zunächst die Malerei, wie Faust die Philosophie, gründlich studiert und behielt wie dieser ein Gefühl der Frustration zurück. Mit der „Bildermacherei“ – jedenfalls der in Öl – wollte der Anfang-Dreißigjährige nichts mehr zu tun haben. Ein Aufenthalt auf der Nordseeinsel Wangerooge im Sommer 1920 brachte den Richtungswechsel: Hier entstanden mehr als einhundert Holzschnitte, und über das Experimentieren mit angeschwemmten Fundhölzern gelangte Mataré zur Bildhauerei, die für ihn das entscheidende Medium wurde. Der Zweidimensionalität blieb er gleichwohl durch den Holzschnitt wie das Aquarell verbunden. Davon künden in der Ausstellung zwanzig Arbeiten, die vor allem abstrahierte Landschaften und Tiere in einer chiffrenhaften, der prähistorischen Höhlenmalerei ähnelnden Reduktion zeigen.

Die Dreißiger überstand er durch Kirchenaufträge

Die Ausstellung macht die Wechselbewegungen sichtbar, die Mataré zwischen kubisch-geometrischen und ornamental geschwungenen Formen vollzog. Dass er bei aller Versenkung in die Natur und der Liebe zur Archaik auch einen starken Hang zur Technik hatte, zeigen einige Blätter mit Kuh- und Pferdedarstellungen, die als ingenieurhafte Konstruktionszeichnungen angelegt sind. Dazu passt, dass ihn die Bauhaus-Ausstellung „Kunst und Technik – eine neue Einheit“ begeisterte, die Walter Gropius 1923 ausrichtete. Manche der Rinder und Pferde aus Matarés Werkstatt sehen denn auch aus, als kämen sie aus dem Windkanal. In ihrer Eleganz  erinnern sie an die stromlinienförmigen Karossen, die die Pioniere der Aerodynamik in dieser Zeit entwickelten.

 Virginia Fontaines Aufnahme von „Ewald Mataré in seinem Atelier, Büderich bei Düsseldorf“, 1947/48Beuys Lehrer beim Lernen im Studio: Virginia Fontaines Aufnahme von „Ewald Mataré in seinem Atelier, Büderich bei Düsseldorf“, 1947/48Virginia Fontaine/The University of Texas

Mataré, der in der Weimarer Republik in Berlin der linken „Novembergruppe“  angehörte, ohne dass er selbst durch revolutionäre Neigungen hervortrat, erhielt nicht zuletzt dank dieser Verbindungen zahlreiche Ausstellungsmöglichkeiten und erwarb in den Zwanzigerjahren beträchtliches Renommee. 1932 wurde er Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie, aber schon kurze Zeit später, nach der nationalsozialistischen Machtübernahme, entlassen. In den Folgejahren gehörte er zu den als „entartet“ verfemten Künstlern, erhielt aber kein Berufsverbot und konnte sich mithilfe privater und kirchlicher Aufträge über Wasser halten. Unmittelbar nach Kriegsende wurde Mataré wieder an die Düsseldorfer Akademie berufen. Sein Bestreben, durch formale Verdichtung den Wesenskern der tierischen Kreaturen zum Ausdruck zu bringen, hielt bis in seine letzten Schaffensjahre an. Im Ernst Barlach Haus kann man die Metamorphosen, denen Mataré seine Gestalten über die Jahrzehnte hinweg unterzog, nachverfolgen.

An die ungegenständliche Kunst des Informel, wie sie in der jungen Bundesrepublik tonangebend wurde, konnte und wollte  Mataré mit seiner Auffassung von Abstraktion, die dem Gegenständlichen verbunden blieb, nicht anknüpfen. Trotzdem entfaltete er mit seiner Formensprache eine beträchtliche öffentliche Wirkung, allerdings weniger durch seine Tierplastiken als durch sakrale Auftragsarbeiten. Zu den bekanntesten gehört die Gestaltung der Bronzetüren für das Südportal des Kölner Doms, bei der ihn sein Meisterschüler Joseph Beuys unterstützte. Auf die Kuh als sein Leit- und Totemtier musste Mataré hier zwar verzichten, aber der Fauna blieb er treu: Die Papsttür im Portal zieren ein stolz-bunter Hahn als Symbol der Wachsamkeit und ein Pelikan, der mit dem Schnabel seine Brust öffnet, um mit dem eigenen Blut seine Jungen zu nähren.

Ewald Mataré. Nichts ohne Natur - Tierplastiken. Ernst Barlach Haus, Hamburg; bis zum 11. Oktober. Der Katalog kostet 15 Euro.

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