Die These von der Unverzichtbarkeit des Nationalstaats als Garant des Friedens hält Thomas Wagner für einen zählebigen Mythos. Frieden ist ihm zufolge keineswegs eine Funktion staatlicher Monopolisierung von Gewalt, sondern ein Ergebnis kollektiver, meist dezentraler, kommunaler und föderativer Praktiken, wie die oft ausgeblendete Geschichte vieler Gesellschaften bewiesen habe. Mit Verve und einer bemerkenswerten Mischung aus Versatzstücken der ethnologischen Forschung, politischen Theorie, historischen Analyse und einer Prise visionärer Utopie sucht der Autor, vom Fach her Soziologe, eine alternative Denkrichtung aufzuspannen.
Zu Beginn greift Wagner vor allem eine Herfried Münkler zugeschriebene Position auf und an: nämlich, den Staat à la Hobbes als einziges Mittel gegen den naturzuständlichen „Krieg eines jeden gegen jeden“ zu sehen. Für Wagner ist Krieg keine universelle, gleichsam natürliche Gegebenheit. Er entpuppt sich bei näherer Betrachtung als historisch und sozial bedingtes Phänomen, das mit der Sesshaftwerdung und verstärkt mit der staatlich monopolisierten Beanspruchung von Gewalt aufgekommen sei.
Der Staat als Kriegsverursacher
Nomadische Jäger-und-Sammler-Gesellschaften führten demnach kaum Krieg, während sesshafte Gesellschaften ihre Ressourcen konzentrierten, feste Siedlungen schufen und dadurch eine höhere Neigung zum gewaltsamen Konfliktaustrag zeigten. Der Staat verstärkte diese Tendenz durch die Institutionalisierung von Krieg als „eigentlichem Daseinsmodus“ – zur Finanzierung von Herrschaft, zur Erzwingung von Tributen und zur Unterdrückung von Rebellion.
Thomas Wagner: „Wege aus der Gewalt“. Impulse für ein neues politisches Denken.Matthes & SeitzDer Staat verursache aber nicht nur Kriege, sondern verhindere auch Wege der Friedensstiftung. Die Geschichte postkolonialer Staaten – von Somalia über Südsudan bis zur Türkei – zeige, wie sehr zentralistische Staatsbildung ethnische Konflikte und Bürgerkriege befördere. Als Antidot weist Wagner auf allerlei Fälle nichtstaatlicher Friedensordnung hin: etwa die Republik Somaliland, die sogenannte Irokesenliga, die autonome Verwaltung der Kurden in Rojava oder manch traditionell-rituelles Schlichtungsverfahren außerhalb des eurozentrischen Kosmos. Wagner zieht solcherlei Entwicklungen zu Erfolgsgeschichten glatt, die statt auf Gewaltmonopolisierung auf Verhandlung, Versöhnung, Vertrauen und der Anerkennung von Vielfalt beruhten. In Kategorien von Macht, Sicherheit und Staatsinteressen zu verharren, führe dazu, alternative Friedensmodelle nicht genügend zur Kenntnis zu nehmen. Und dies sei in heutigen Zeiten nötiger denn je.
So einheitlich und dogmatisch Wagner die realistische Schule der internationalen Politik präsentiert (und den Ideenhistoriker Münkler kurioserweise zu deren Hauptvertreter macht), zeichnet den Essay dennoch ein Spürsinn für feine Unterschiede und ignorierte Optionen aus. Kenntnisreich und doch mit leichter Hand weiß Wagner ethnohistorische Perspektiven, politische Theorie und urteilsstarke Zeitdiagnose miteinander zu verbinden. Es ist ihm ein Anliegen, die von Ethnologen studierten Gesellschaften nicht als fernliegende Kuriositäten zu belächeln, sondern in ihnen Träger so komplexer wie effektiver Ordnungsformen zu erkennen. Von ihnen lasse sich einiges über Schlichtungsverfahren, Verhandlungslösungen und die pazifizierende Ritualisierung von Trauer und Versöhnung lernen.
Eine These mit vielen Fragezeichen
Eindrucksvoll führt er dies im Falle der Gründungsgeschichte der Haudenosaunee (Irokesen-Konföderation) aus, die als „Großes Friedensgesetz“ überliefert ist. In dieser Erzählung wird durch Verzeihen und die Integration des Furcht auslösenden Häuptlings der Onondaga ein Friedensbund geschaffen. An die Stelle zentraler Gewalt tritt ein kollektiv integrierender Verhandlungsprozess, in dem Wagner ein paradigmatisches Gegenmodell zur „Leviathan“-Logik erkennt. Darin sogleich ein Hobbes-Surrogat auszumachen, zeigt mindestens seine Begeisterungsfähigkeit. Die Ideenmelange aus anarchistischer Theorie, sozialökologischem Denken und lokaler Selbstverwaltung, wie er sie dem Bookchin lesenden Kurdenführer Abdullah Öcalan zuschreibt, hat es ihm ebenfalls angetan.
Angesichts der Enthistorisierung und Dekontextualisierung von einigermaßen eklektisch herausgepickten Beispielen zum Beleg seiner anarchistisch angehauchten Hauptaussage bleiben viele Fragezeichen. Die ethnologischen Exempla ploppen in Form geradezu unverfälschter Modelle auf, ohne die Komplexität der Interaktion mit kolonialen und nationalen Staaten oder auch mit den von Wagner wenig berührten Imperien genügend zu berücksichtigen.
Wagner lässt seine Leser aber immerhin in unkonventioneller Weise über Staatlichkeit und Gewalt, Krieg und Frieden nachdenken. Wer sich an seinen Thesen reibt und sie ihm schon gar nicht als „neuen Realismus“ abkaufen will, könnte dem Büchlein etwas abgewinnen.
Thomas Wagner: „Wege aus der Gewalt“. Impulse für ein neues politisches Denken. Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2025. 156 S., br., 18,– €.

vor 1 Tag
1











English (US) ·