Dieser Artikel ist in anderer Fassung erstmals im Kontext des schweren Erdbebens in Syrien und der Türkei 2023 erschienen. Anlässlich des verheerenden Erdbebens in Myanmar Ende vergangener Woche veröffentlichen wir das Stück in angepasster Form erneut.
Noch gibt es ein klein wenig Hoffnung, Verschüttete lebend zu finden: Am Dienstag haben Hilfskräfte in Myanmars Hauptstadt Naypyidaw eine Frau nach fast vier Tagen unter Trümmern des Erdbebens gerettet. Die Frau, Anfang 60, sei nach ihrer Rettung ins Krankenhaus gebracht worden, teilte die örtliche Feuerwehr im Onlinenetzwerk Facebook mit. Am Mittwoch, fünf Tage nach der Erschütterung, ist nach Angaben der Feuerwehr und der regierenden Junta zudem ein 26-jähriger Mann in Myanmars Hauptstadt lebend aus einem eingestürzten Hotel befreit worden.
Das Erdbeben der Stärke 7,7 hatte sich am Freitag 16 Kilometer nordwestlich der Stadt Sagaing in Myanmar ereignet. Nach Angaben von Staatsmedien kamen dabei bislang mehr als 2880 Menschen ums Leben, zudem gibt es mehr als 4600 Verletzte. Die tatsächliche Opferzahl dürfte deutlich höher liegen. Auch im Nachbarland Thailand hatte das Beben Verwüstungen angerichtet. In der Hauptstadt Bangkok stürzte ein 30-stöckiges, im Bau befindliches Hochhaus ein. Dort wurden inzwischen 22 Tote geborgen, mehr als 70 Menschen gelten noch als vermisst.
Rettungskräfte versuchen nach wie vor, unter den Erdbebentrümmern Überlebende zu finden und zu retten. Die Hoffnungen schwinden aber mit jedem Tag. Wie lange jemand unter Trümmern überlebt, hängt von den Umständen ab. Ist der oder die Eingeschlossene verletzt? Gelangt noch ausreichend Sauerstoff unter die Trümmer? Haben die Verschütteten Zugang zu Wasser? Als eine entscheidende Marke gelten sieben Tage, danach ist die Chance sehr gering, noch jemanden zu retten.
»Nach einigen Tagen ist es wie ein Wunder, wenn man noch einen Überlebenden findet«, sagte Tankred Stöbe von Ärzte ohne Grenzen dem SPIEGEL 2023 nach dem schweren Erdbeben an der Grenze der Türkei und Syriens, bei dem mehr als 62.000 Menschen starben. Stöbe arbeitet seit mehr als 20 Jahren in Krisengebieten.
»Normalerweise werden nach fünf bis sieben Tagen nur noch selten Überlebende gefunden«, erklärte damals Jarone Lee, Experte für Notfall- und Katastrophenmedizin am Massachusetts General Hospital der Nachrichtenagentur AP. Viele Rettungsteams dürften nach dieser Zeitspanne erwägen, die Suche einzustellen. »Aber es gibt auch Geschichten von Überlebenden, die die Sieben-Tage-Marke deutlich überlebt haben«, so Lee weiter.
Tatsächlich ereigneten sich in der Vergangenheit nach Erdbeben immer wieder unerwartete Rettungsaktionen:
Nach dem Erdbeben und dem Tsunami in Japan im Jahr 2011 überlebten ein Teenager und seine 80-jährige Großmutter neun Tage eingeschlossen in den Trümmern ihres Wohnhauses.
In der Hauptstadt Haitis, Port-au-Prince, retteten Helfer 2010 ein 16-jähriges Mädchen noch 15 Tage nach einem Erdbeben lebend aus den Trümmern.

Fünf Tage nach der Erschütterung geborgen: Rettungskräfte befreiten einen 26-jährigen Mann lebend aus einem eingestürzten Hotel in Naypyidaw
Foto: Myanmar Fire Services Department / Xinhua / eyevine / laifIn zusammengestürzten Häusern entstehen immer wieder Lufträume unter den Trümmern, in denen Menschen erst einmal überleben können. Sind sie nur leicht verletzt und haben Zugang zu Wasser und vielleicht sogar Essen, können Eingeschlossene auch längere Zeit überleben. Die Rettung wird zudem leichter, wenn die Menschen auf sich aufmerksam machen können, sie klopfen, rufen oder ihr Handy klingeln lassen.
Gerettet ist nicht außer Lebensgefahr
Die Chancen, jemanden lebend zu finden, sind allerdings in den ersten 24 Stunden am größten. In dieser Zeit gelingen die meisten Rettungsaktionen, danach sinken die Überlebenschancen der Eingeschlossenen immer weiter.
Besonders Verletzte benötigen schnell Hilfe. Gerade bei Menschen mit Quetschungen oder Personen, die durch herabstürzende Trümmer Gliedmaßen verloren haben, gebe es nur ein kurzes Zeitfenster für eine mögliche Rettung, sagte der Notfallmediziner George Chiampas von der Northwestern University im US-Bundesstaat Illinois 2023. »Wenn sie nicht innerhalb einer Stunde gerettet werden, besteht eine sehr geringe Überlebenschance.«
Und wer gerettet wird, ist längst nicht außer Lebensgefahr. Wenn Weichteile etwa durch Quetschungen verletzt sind, wird Muskelgewebe zerstört, erklärte Stöbe. Die dabei entstehenden Abbauprodukte im Blut schädigten die Nieren. Die Betroffenen müssten an die Dialyse, die technisch aufwendig ist.
Die politische Situation in Myanmar verzögert Rettungsaktionen. Internationale Hilfsorganisationen schlagen wegen der katastrophalen Zustände in dem Bürgerkriegsland immer lauter Alarm. Die örtlichen Behörden seien angesichts des Ausmaßes der Schäden überfordert. »Die Lage bleibt kritisch, da Unterbrechungen der Kommunikationsdienste und Straßenschäden die Hilfsmaßnahmen insbesondere in Sagaing behindern«, erklärte jüngst das Büro der Vereinten Nationen für Projektdienste (UNOPS).
Die ländlichen Gebiete von Sagaing stünden größtenteils unter der Kontrolle bewaffneter Widerstandsgruppen, die gegen die Militärregierung kämpften, erklärte die International Crisis Group in einer Mitteilung. »Angesichts der Restriktionen des Regimes, der komplexen Struktur der lokalen Verwaltungen und der Kontrolle durch bewaffnete Widerstandsgruppen sowie des anhaltenden Konflikts werden sie für die Hilfsorganisationen am schwierigsten zu erreichen sein.«