
Sagaing in Myanmar: Dieser Dreijährige wurde beim Erdbeben unter einer Schule verschüttet, er wird seit knapp einer Woche vermisst
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Die Eltern, die Großeltern, die Freunde sitzen vor den Trümmern der Myat Private School in der Stadt Sagaing. Sie gehen nicht weg, seit sechs Tagen nicht, als wollten sie für ihre Kinder da sein, wenigstens jetzt.
Auch Daw Yin Myint, 60 Jahre, steht dort, blickt auf das, was von der Schule übrig geblieben ist, einer Schule für Mädchen und Jungen im Kindergarten- und Grundschulalter. Und sie zeigt ein Bild auf ihrem Smartphone.
»Das ist mein Enkel. Er ist drei Jahre und vier Monate alt. Ich bin seine Oma«, sagt Daw Yin Myint. »Er ist ein fröhlicher Junge. Jeder kennt ihn, sogar der Schuldirektor. Ich habe so viele Bilder von ihm. Er liebt es, zur Schule zu gehen, mit seinem kleinen Rucksack, immer lächelnd.«
Daw Yin Myints Enkel ist eines der sechs Kinder, die weiter unter den Resten der Schule verschüttet liegen. Auch eine 28 Jahre alte Lehrerin wird noch vermisst. Drei Kinder, der Schuldirektor und eine Lehrerin wurden tot geborgen, andere lebend.

Angehörige gegenüber der eingestürzten Schule in Sagaing: »Wir sind seit dem Erdbeben hier, Tag und Nacht«
Foto: DER SPIEGELAm Freitag vor einer Woche hatte in Myanmar die Erde gebebt, mit einer Stärke von 7,7. Mindestens 3000 Menschen sind tot, besonders schlimm traf es die Städte Mandalay und Sagaing nahe dem Epizentrum. Dort, in Sagaing, stand die Myat Private School, von der knapp eine Woche nach der Katastrophe nur noch das Gerippe des Gebäudes übrig ist, der Rest liegt in Trümmern daneben.
Sagaing ist eine Stadt mit rund 300.000 Einwohnern, sie liegt nur etwa 20 Kilometer südwestlich der Millionenstadt Mandalay. Mehr als 600 religiöse Stätten gibt es in der Stadt um den Sagaing-Hügel, Tausende Mönche und Nonnen leben hier.
»Bitte hört nicht auf zu suchen«
Ein Mitarbeiter des SPIEGEL besuchte am Mittwoch Sagaing, sprach mit Überlebenden, Hoffenden, Einsatzkräften. Schickte Fotos und Videos. Seine Recherchen zeigten: Die Menschen dort wissen nicht, wo sie schlafen sollen, viele übernachten auf Tüchern an den Straßenrändern; fast alle Gebäude sind schwer beschädigt. Es gab viele Nachbeben.

Die Myat Private School in Sagaing (rechts) und Nachbargebäude: Schwer beschädigt
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Eingestürzte Myat Private School: Die Hilfen laufen schleppend an
Foto: DER SPIEGELEr schickt Bilder, auf denen Straßen tiefe Risse haben, wie Gletscherspalten aus Beton. Die Temperaturen steigen jeden Tag auf fast 40 Grad. Infrastruktur, Strom, Internet, alles nicht mehr verlässlich. Die Krankenhäuser kaputt. Es rieche, sagt er, an vielen Orten nach Verwesung. Eine Flasche Trinkwasser sei im Moment eines der kostbarsten Güter.

Straße in Sagaing, Myanmar: Risse wie Gletscherspalten aus Beton
Foto: DER SPIEGELDabei fehlt es an allem. Die Hilfen laufen schleppend an. Myanmar befindet sich seit dem Putsch des Militärs 2021 im Bürgerkrieg. Das Erdbeben trifft auf eine ausgezehrte Bevölkerung, in der ein großer Teil vorher schon unterhalb der Armutsgrenze lebte. Wo jetzt die Ressourcen hernehmen, um eine Katastrophe landesweiten Ausmaßes zu stemmen?
Die Militärregierung verzögert Hilfslieferungen in die betroffenen Regionen. Denn oft sind das, wie auch im Fall von Sagaing, umkämpfte Gebiete. Die Junta hatte, nur drei Stunden nach dem Beben, wieder angefangen, aus der Luft auf die Bevölkerung zu schießen. Den Krieg gegen das eigene Volk weitergeführt, während Menschen in den Trümmern nach Vermissten gruben. Auch auf Hilfskonvois wurden Warnschüsse gemeldet.
Wie verlässlich ist die angekündigte Waffenruhe?
Am Mittwoch dann – erst mal – eine gute Nachricht: Militär und Rebellengruppen kündigten eine vorübergehende Waffenruhe an, für drei Wochen, um die Rettungsarbeiten zu vereinfachen. Doch ob die Waffenruhe auch hält? Oft hat die Junta in der Vergangenheit ihr Wort gebrochen.
Daw Yin Myint, die Oma, die vor der Schule auf ein Lebenszeichen ihres Enkels hofft, hat über eine andere Sache bereits Gewissheit: Ihre Tochter ist tot. Augenzeugen erzählten der Oma, wie ihre Tochter nach dem Beben aus Sorge um ihren Sohn zur Schule eilte. Sie wollte ihn aus dem einstürzenden Gebäude retten. Und wurde selbst begraben, erschlagen von einer Tafel. Sie sei sofort tot gewesen, ihr Leichnam wurde geborgen. »In meinem Herzen ist sie immer noch am Leben«, sagt Daw Yin Myint.
Vor Ort arbeiten rund um die Uhr Freiwillige und einige Einsatzkräfte kleinerer Hilfsorganisationen. Sie graben vor allem mit ihren bloßen Händen, wenigstens einen Bagger haben sie. Einer sagt, es gebe keine Zusammenarbeit mit der Regierung oder internationalen Hilfsorganisationen. Ein Team aus Malaysia sei vor Kurzem eingetroffen. Die Chance, noch jemanden lebend zu bergen, ist gering.
Um die Bergungsarbeiten an der Schule und anderswo in Sagaing voranzutreiben, bräuchte man dringend: Wagenheber, Betonbrecher, Werkzeug. Aber man sei auf sich gestellt. Ein Myanmare, der sein Geld eigentlich als Maler verdient, erzählt von der traumatischen Bergung einer jungen Frau, die man zwar lebend unter den Trümmern fand. Doch ihre Hand sei eingeklemmt gewesen. Man habe gezögert, die Hand zu amputieren. Zu lange: Die Frau überlebte am Ende nicht. Er sagt: »Die Lage ist unglaublich schwierig und gefährlich. Aber solange wir am Leben sind, werden wir weitermachen. Wir haben keine andere Wahl.« Und ein anderer Helfer: »Wir müssen uns auf unseren Instinkt und unsere Hoffnung verlassen.«

Helfer der Organisation Smart aus Malaysia: Es fehlt an allem
Foto: DER SPIEGELDas psychische Trauma nach dem Erdbeben gerade für Kinder sei gewaltig, schreibt etwa das Kinderhilfswerk Unicef. Kinder hätten schon vorher unter Verlusten und Vertreibung in Myanmar gelitten, das Beben habe dem eine neue Dimension von Angst und Verlust hinzugefügt. Viele seien von ihren Eltern und Bezugspersonen getrennt worden, hätten ihr Zuhause verloren. Ihre kleinen Körper seien den extremen Bedingungen im Katastrophengebiet besonders schutzlos ausgeliefert, sagt die Organisation Save the Children.
Die Eltern, die weiter vor der Myat Private School ausharren, wollen ihre Kinder zurück, wenigstens, um sie angemessen zu bestatten. Um sich zu verabschieden. Eine Frau wartet dort ebenfalls, sie vermutet ihre Schwester unter den Trümmern. »Wir sind seit dem Erdbeben hier, Tag und Nacht«, sagt sie. »Wir warten vor der Schule. Wir haben nicht geschlafen. Ich will meine Schwester zurück. Bitte hört nicht auf zu suchen.«
Daw Yin Myint, die über den Tod ihrer Tochter bereits Gewissheit hat, wartet weiter darauf, dass sie ihren Enkel aus dem Schutt bergen. »Vielleicht lebt er noch. Kinder haben doch diese besondere Energie, oder? Ich habe Hoffnung.«
Redaktionelle Mitarbeit: Aung Khant