Zwischen Polen und der Deutschen Demokratischen Republik bestand im Kommunismus eine Völkerfreundschaft. Nach der Wende wurde daraus individuelle Konkurrenz auf Arbeitsmärkten. Stefan Tschornack bekommt das zu spüren. Seine beiden Söhne wissen nur ungefähr, was er so tut während seiner längeren Abwesenheiten. Er ist dann in Süddeutschland, auf Arbeit. Bis er eines Tages heimkommt zur Familie und erzählt, dass nun jemand aus Polen an seine Stelle getreten ist. Ein typisches Schicksal Anfang der 2000er-Jahre, in denen die Geschichte einsetzt, die der Film „Mit der Faust in die Welt schlagen“ erzählt. Bei Menschen, die mit Büchern Umgang pflegen, klingelt da vielleicht etwas. So hieß nämlich auch ein Roman von Lukas Rietzschel.
Ein Eigenheim mit Macken
Die Berliner Regisseurin Constanze Klaue nahm ihn als Ausgangspunkt für ihren Film. Für Philipp und Tobi Tschornack ist ihr Vati Stefan eine Respektsperson, der ein wenig anzusehen ist, dass ihr draußen in der Welt nicht nur Respekt und Anerkennung entgegengebracht wird. Eigentlich sieht alles gut aus. Die Familie lebt in einem Eigenheim, das allerdings noch Macken hat. Die Heizung könnte verlässlicher sein, und überhaupt bedürfte es noch einer letzten Anstrengung, um alles für fertig zu erklären.
Doch dafür ist nie richtig Zeit, und als Stefan Tschornack sich nun in einem Alltag ohne geregelte Arbeit wiederfindet, wird das mit der Zeit erst recht ein Problem. Seine Frau Sabine hat häufig Nachtschicht, die Buben müssen früh in die Schule. Ehe man sich versieht, ist man mitten in einer Familie ein wenig einsam. Stefan reagiert, indem er immer öfter zu einer Flasche greift, die er in einem Versteck für sich bereit hält.
Lukas Rietzschel wird, auch in dieser Zeitung, häufig als eine repräsentative Stimme für die neuen Bundesländer genommen. Er versucht, Klischees aufzubrechen, er nennt aber auch beim Namen, was schiefläuft. Sein Roman ist deutlich mit einem Anspruch auf Repräsentation konzipiert – im Zentrum stehen dabei, wie nun auch im Film, die beiden Kinder. Sie vertreten die erste Generation der Freiheit. An ihrem Beispiel wollen Lukas Rietzschel und Constanze Klaue verständlich machen, wo das Ressentiment herkommt, die den Zusammenhalt vielerorts vergiften.
Auf dem Schulhof zeigt sich für Philipp, den älteren der beiden Tschornack-Jungs, früh ein Recht der Stärke. „Mit der Faust in die Welt schlagen“ folgt durchaus konventionellen Mustern. Die Schwäche des Vaters erzeugt eine Leere, die anfällig macht für martialische Worte. Die Muster werden aber auch immer wieder durchbrochen. Stefan Tschornack mag wie ein Versager wirken, er versteht sich aber auch sehr gut mit der attraktiven Nachbarin, die für die Erfolge im neuen, freien Leben steht. Er ist dadurch aber für seine Söhne noch weniger greifbar.

Die sorbische Minderheit macht einen Aspekt von Differenz aus, der im Alltag der Menschen ebenfalls eine Rolle spielt. Hier deutet sich etwas an, was für den kleinen Tobias zuerst interessanter ist als für den schon pubertierenden Philipp, der vor allem mit einem sensiblen Mitschüler befreundet ist, mit dem er die Männlichkeitsrituale ausprobiert, in die er sukzessive initiiert wird.
„Mit der Faust in die Welt schlagen“ versucht sich in einer Genealogie von Destruktivität, wobei Constanze Klaue dabei die ganz kleinen Schritte mit einem sehr großen Zeitsprung vermittelt: aus dem Jahr 2000 in das Jahr 2015, in dem rechter Populismus schon weit in die Mitte der Gesellschaft vorgedrungen war. Ein Schweinekopf vor der Haustür einer muslimischen Familie, das ist eine Form von Gewalt, die nicht linear aus den Enttäuschungen der Wendeverlierer herzuleiten ist, aber in Beziehung zu setzen zu den vielen kleinen Mängeln in den versprochenen „blühenden Landschaften“.
Das Potential, etwas blühen zu lassen
Constanze Klaue nimmt den Wendekanzler Kohl pointiert beim Wort. Sie hebt hervor, dass Ostdeutschland tatsächlich das Potential hat, etwas blühen zu lassen. Allerdings hat die in Ansätzen wilde Natur, in der sich die Buben immer wieder herumtreiben, auch damit zu tun, dass sich die Zivilisation daraus zurückgezogen hat. Ruinen zeugen davon, dass hier schon einmal etwas war. Philipp und Tobi könnten auch ein Tom Sawyer und ein Huckleberry Finn des Ostens sein, de facto sind sie aber einfach durch schlechte Busverbindungen zu einem Leben in den Büschen verurteilt.
Thomas Heise hat mit seinen Dokumentarfilmen das Wesentliche zu den Traditionen der Gewalt in Ostdeutschland gesagt. Er hat in „Eisenzeit“ gezeigt, wie sehr die DDR-Sozialisierung die ersten Freigelassenen nach der Wende geprägt und vielfach zerstört hat. Mit seiner Langzeitbeobachtung von Familien aus Halle-Neustadt (von „Stau. Jetzt geht’s los“ bis „Kinder. Wie die Zeit vergeht“) hat er gezeigt, dass Neonazis nicht nur gefährliche Systemveränderer sind, sondern auch verletzliche Söhne und Töchter von Menschen, die gerade einmal so halbwegs mit ihrem Leben zurechtkommen. Nichts ist irreversibel, es sei denn, die Gewalt wird tatsächlich einmal tödlich.
Das eigentliche Geschehen fällt in die Ellipse der Erzählung
So weit geht „Mit der Faust in die Welt schlagen“ nicht. Das wichtigste Charakteristikum des Films hat Constanze Klaue dem Aufbau des Romans entnommen. Sie lässt nicht Handlungen allmählich Folgen zeitigen, sie verfolgt nicht die kleinen Schritte über die vielen Jahre hinweg. Sie entnimmt zweimal Proben. Das eigentliche Geschehen aber fällt in die Ellipse zwischen 2000 und 2015. Man muss es erschließen aus dem, was der zweite Teil erkennen lässt. „Mit der Faust in die Welt schlagen“ wendet sich damit gegen den Determinismus, an den sich eine Gesellschaft zu schnell gewöhnt, die nach Anschlägen oder Störaktionen sofort nach Herleitungen fragt.
Constanze Klaue und Lukas Rietzschel leiten nichts her. Sie setzen aus kleinen Beobachtungen etwas zusammen, was bei fiktiven Figuren so etwas wie Identität ergibt. Wie weit diese Identität auf Abgrenzungen und wie weit sie auf Annäherungen beruht, das ergibt ein Spannungsmoment, das dem subtil erzählten Film möglichst große Aufmerksamkeit bringen sollte.