Ein Jahr Kanzlerschaft: Friedrich Merz kämpft um Kurs und Kontrolle

vor 8 Stunden 1

Rote Linie bei der Steuer, rote Linie gegen die AfD, rote Linie auch gegen die eigene Ungeduld – wer Friedrich Merz zuhört, gerade bei „Miosga“, erlebt ihn nach einem Jahr Schwarz-Rot angestrengt, angefasst, unter höchstem Druck. Wie lange hält er ihm stand?

Da ist der Parteichef, der die CDU unbedingt anführen muss, damit sie ihm nicht verloren geht, und der Kanzler, der zusammenführen will, damit ihm die Koalition mit der SPD nicht auseinanderfliegt. Beides zugleich ist herausfordernd, riskant und Nervensache. Bei Merz zumal.

Etwa seine Absage an höhere Spitzensteuern. Sie ist fiskalische Orthodoxie – und sein Signal an die eigene Truppe: Die Union bleibt erkennbar.

Merz weiß, sieht, spürt offenbar inzwischen auch an sich selbst, wie sehr diese Koalition Verschleiß produziert, zuerst im Profil, dann in der Moral.

Kann Merz das Blatt noch wenden? Ja – nur nicht durch weitere Grenzziehungen allein. Er braucht die Kunst des begrenzten Nachgebens, ohne den inhaltlichen Kern aufzugeben.

Stephan-Andreas Casdorff

„Ich habe keine Vollmacht, die CDU umzubringen“ – das ist nicht nur ein Satz für die Schlagzeile, sondern eine Erinnerung an die rohen Kräfte, die bisweilen in Parteien walten. Wer sie ignoriert, verliert schneller die Basis als die nächste Umfrage.

Zugleich offenbart sich hier sein Problem. Koalitionen leben vom Geben und Nehmen, nicht vom Ziehen und Zerren.

Wenn der Kanzler seinem Vize Lars Klingbeil öffentlich erklärt, was „nicht geht“, verschiebt er den Verhandlungstisch ins Schaufenster. Das hilft vielleicht in den eigenen Reihen, aber es verengt die Möglichkeiten des Partners, auf ihn einzugehen.

Die SPD-Spitze braucht Erfolge

Und die SPD ist, bei aller Schwäche, nicht bloß Statistin. Ihre Spitze braucht sichtbare Erfolge, sonst franst der Rückhalt am linken und rechten Rand der Partei weiter aus – mit Folgen für die Stabilität des Ganzen.

Merz’ zweite Linie ist aus Koalitionssicht strategisch klüger: keine andere Mehrheit, keine Duldung von rechts außen. Das ist die Klammer, die diese Regierung zusammenhält, die Bedingung ihrer Glaubwürdigkeit. Wer sie lockert, verliert mehr als eine Abstimmung.

Kann Merz das Blatt noch wenden? Ja – nur nicht durch weitere Grenzziehungen allein. Er braucht die Kunst des begrenzten Nachgebens, ohne den inhaltlichen Kern aufzugeben. Projekte für beide Seiten: Wachstum, Entlastung der Mitte, Ordnung in der Migration, Verlässlichkeit in Europa. Vor allem aber weniger öffentliche Ultimaten, mehr stille Mechanik.

Der Kanzler hat seine Standpunkte klar gemacht. Die gelten jetzt. Seine Ergebnisse müssen sich daran messen lassen. Noch ist Zeit – allerdings arbeitet sie gegenwärtig nicht für ihn.

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