Der Fußball zeigt sich in diesen Tagen von seiner glamourösesten (und kommerziellsten) Seite. Jubelnde Menschen in großen Stadien, Fernsehbilder in alle Welt, begeisternde Spielzüge und gelegentlich ein klägliches Untergangsdrama wie bei der deutschen Mannschaft. Es gibt aber auch noch einen anderen Fußball, einen alltäglichen, wenig beachteten, der mit zwei Stangen auf einer Wiese beginnt, und der von Kindern gespielt wird, die vielleicht von Messi oder Haaland schon gehört haben, aber nicht selbst auf die große Bühne drängen. Bei diesem Fußball geht es ganz einfach um Bewegungsdrang, der mit einem Ball ausgelebt wird, auf einem Feld, das man manchmal mit Kühen oder anderen Tieren teilt, und das auch nicht notwendigerweise eben und kurz gemäht sein muss. Von diesem Fußball erzählt der georgisch-deutsche Regisseur Alexandre Koberidze in seinem Film „Dry Leaf“.
Die Geschichte ist schnell erzählt: Eine junge Frau, die als Fotografin für ein Magazin namens „Skhivi“ (so viel wie: Strahl) arbeitet, ist verschwunden. Lisa hatte ein Projekt, sie wollte Fußballfelder in der georgischen Provinz fotografieren, und dieser vage Hinweis muss nun für ihren Vater Irakli reichen, der sich auf die Suche nach ihr macht und sich folgerichtig auch an die Orte hält, an denen in Dörfern das Tor steht. Begleitet wird Irakli von einem Bekannten von Lisa namens Levan, der allerdings nur zu hören, nicht aber zu sehen ist. Denn für das Kino von Alexandre Koberidze sind unsichtbare Schauspieler nichts Ungewöhnliches.
Der WM-Sommer wirkt noch nach
2021 wurde er mit einem Film bekannt, der von der Verzauberung zweier junger Menschen erzählt: Die Medizinstudentin Lisa und der Fußballer Georgi verlieben sich, wachen aber am darauffolgenden Morgen in neuer Gestalt auf. Sie sind nun nicht mehr in der Lage, einander zu erkennen. „Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen“ wurde zu Recht als eine Erneuerung der poetischen Möglichkeiten des Kinos gefeiert und gewann nebenbei für Georgien mit seiner großen filmhistorischen Tradition ein neues Publikum. Während bei „Dry Leaf“ nicht so wichtig ist, wann genau die Geschichte spielt, war es für die Atmosphäre von „Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen“ entscheidend, dass Lisa und Georgi den märchenhaften Fluch, der auf ihre Liebe fällt, in einem WM-Sommer überwinden müssen – Koberidze spielt deutlich auf das Jahr 1990 an, auf das Jahr der Wunder nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, er fängt aber vor allem jene besondere Stimmung ein, die entsteht, wenn im öffentlichen Raum etwas Gemeinsames wahrzunehmen ist, wenn Menschen sich um Fernsehschirme scharen. Und während ihr Blick gebannt ist, geht das Leben weiter, streunen Hunde durch die Stadt und finden Kinder sich zu Spielen zusammen.

Diese Atmosphäre wirkt nun in „Dry Leaf“ fort. Das Verschwinden von Lisa bildet einen Vorwand, um sich auf den Weg zu machen. Gegen Ende des Films werden einmal ganz ausdrücklich Straßen gelobt, auch die staubigen und nicht immer im besten Zustand befindlichen in den hintersten Winkeln des Landes. Denn ohne Straßen gibt es kein Roadmovie, und „Dry Leaf“ ist ebendies: ein „field movie“, zwischendurch immer wieder „on the road“. Irakli zeigt Menschen Bilder von Lisa, erfährt aber wenig über sie, viel mehr hingegen über die Schneehöhe im vergangenen Frühjahr (eine katastrophale für die Weintrauben), oder über das Alter von Maulbeerbäumen. Ein Fußballtor, das ein Stier demoliert hat, wird wieder aufgerichtet. Wenn man ganz kühn und weit denken wollte, wäre dieser beiläufige Vorgang auch als Weiterdichtung der mythischen Geschichte Europas lesbar, die ja mit einem Stier und einer phönizischen Prinzessin begann.
Georgien ist ein Land, das zu Europa gehört, allerdings von einer korrupten Regierung (und von kurzsichtigen Politikern in Brüssel und in den Hauptstädten) in der russischen Sphäre festgehalten wird. Alexandre Koberidze hat in Berlin an der DFFB studiert, arbeitet aber seither vorwiegend in seinem Herkunftsland. Mit „Dry Leaf“ wird er zum Archivar eines „profonden“ Georgien, eines vorpolitischen, man könnte auch sagen: kindlichen Landes, das mit der sanften, tiefen Stimme eines Erzählers und dem weichen Tonfall von Irakli seinen Sound bekommt.
Die Naivität ist Absicht
Die methodische Naivität von „Dry Leaf“ lässt sich von zwei äußeren Gegebenheiten konzeptuell bestimmen: Koberidze zitiert für seinen Titel einen Begriff aus dem Fußball. Der brasilianische Spieler Didi erfand eine Schusstechnik, oder jedenfalls einen Namen dafür, die er „folha seca“ nannte, also „trockenes Blatt“. Bis heute staunt die Welt immer wieder über Flugkurven, bei denen sich ein Ball scheinbar gegen die Gesetze seiner Kurve dann doch noch ins Tor senkt. Koberidze interessiert sich mehr für den Flug als für den Treffer, wenn er die unberechenbare Kurve auf die Dramaturgie seiner Erzählung überträgt.
Technisch arbeitet er bei „Dry Leaf“ (wie schon bei „Lass den Sommer nie wieder kommen“, 2017) mit einer Handykamera aus den Nullerjahren, deren Bildqualitäten ihn schon lange begeistern und von der er entsprechend immer wieder Modelle nachkauft. Koberidze kann mit diesem kleinen Gerät sein eigener Kameramann sein und erzielt damit einen sehr originellen Impressionismus. Denn die Bilder aus dieser Kamera sind von den heutigen hochauflösenden, algorithmisch optimierten Aufnahmen mit neuesten Smartphones weit entfernt. Sie sind verwaschen, die Figuren lösen sich im Raum und in der Landschaft auf, und wenn der Wind durch einen Blätterwald fächelt, dann ist Koberidze sehr nahe an der Epihanie, die Siegfried Kracauer beim Anblick einer Brise hatte, die sich in einer Pfütze spiegelte. In „Dry Leaf“ ist die Naturunmittelbarkeit nicht nur bildkompositorisch, sondern medientechnologisch gebrochen – und zugleich überhöht.
Drei Stunden dauert der Film über die Fahrt auf den Spuren von Lisa. Vielleicht ist unter den Kindern ein neuer Kwarazchelia, also der nächste Weltstar des Fußballs aus Georgien. In „Dry Leaf“ geht es nicht um solche Teleologien, sondern um eine Ahnung davon, dass den Menschen das Spiel geschenkt ist, um sich als Menschen immer wieder neu zu finden. Einer der schönsten Filme dieses Sommers weist dazu einen wunderbar krummen Weg.

vor 2 Tage
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