Don DeLillo: Nach »Heated Rivalry« hat er die Wiederauflage von »Amazons« gestattet

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Eishockeyroman unter Pseudonym Wie »Heated Rivalry« Don DeLillo (indirekt) überzeugte, der Wiederauflage eines Frühwerks zuzustimmen

Don DeLillo greift in seinen Romanen die großen Fragen Amerikas auf. In den Achtzigern schrieb er allerdings eine Eishockeysatire – und verleugnete sie. Durch den Hype um die Serie »Heated Rivalry« wurde sie wiederentdeckt.

25.03.2026, 23.33 Uhr

 »Ich möchte nicht darüber sprechen«
 »Ich möchte nicht darüber sprechen«

Schriftsteller DeLillo (1991 in Frankreich): »Ich möchte nicht darüber sprechen«

Foto: Lousi Monier / Gamma-Rapho / Getty Images

Dass Don DeLillo, 89, die Welt des Sports als Romanthema nicht fremd ist, weiß man spätestens seit dem grandiosen Prolog zu seinem Hauptwerk »Unterwelt«: Auf 70 Seiten beschreibt der Autor, wie die Menschen am 3. Oktober 1951 ins Baseballstadion in Harlem strömen, um die Giants gegen die Dodgers spielen zu sehen. »DeLillo verdichtet das Nachkriegsamerika und seine Identität auf eine Situation«, hieß es im SPIEGEL , der Prolog beantworte die Frage, »ob bestimmte Wahrheiten über die Befindlichkeiten einer Nation sich in Literatur eher formulieren lassen als in Aufsätzen«.

DeLillo steht für das große Ganze, doch der Gigant der US-Literatur erlaubte sich auch kleine Fingerübungen. Zumindest vor fast 50 Jahren. Da hatte der Sohn der Bronx schon sechs Romane veröffentlicht, wobei der kommerzielle Durchbruch noch auf sich warten ließ. Zusammen mit Sue Buck, einer ehemaligen Kollegin aus der Werbeagentur, in der er nach der Uni gearbeitet hatte, schrieb DeLillo die fiktiven Memoiren der ersten Frau in der Eishockey-Profiliga NHL. Als Autorin stand auf dem Cover von »Amazons« der Name der erfundenen Eishockeyspielerin, Cleo Birdwell.

Buchcover von »Amazons«

Buchcover von »Amazons«

Foto: Granada Books / Amazon

In den satirischen Erinnerungen von Cleo Birdwell gibt es Sexszenen, wie die »New York Times«-Literaturredakteurin Alexandra Alter in einer Besprechung  im Januar 2026 feststellte: Sie seien »zahlreich, explizit, ausgefeilt und sehr lustig«. Anlass für die Wiederlektüre war die TV-Serie »Heated Rivalry« um eine schwule Liebe im Eishockeymilieu, die um die Jahreswende einen veritablen Hype ausgelöst hatte. Die literarische Vorlage war die »Game Changers«-Buchreihe von Rachel Reid – aber war Großautor DeLillo dem Trend mal wieder um Jahre voraus gewesen und hatte den Zusammenhang zwischen Eishockey und Erotik schon früh erkannt?

Szene aus »Heated Rivalry« mit Connor Storrie als NHL-Profi Ilya Rozanov

Szene aus »Heated Rivalry« mit Connor Storrie als NHL-Profi Ilya Rozanov

Foto: Sabrina Lantos / HBO Max

Don DeLillo hatte jedenfalls lange Jahre nichts von »Amazons« wissen wollen. Seine Autorschaft galt zwar als offenes Geheimnis – unter anderem taucht eine Figur aus »Amazons«, der Sportreporter Murray Jay Siskind, später in DeLillos Roman »Weißes Rauschen« wieder auf. Aber DeLillo bekannte sich nie dazu. Der Schriftsteller Jonathan Lethem, ein großer Fan DeLillos, mag an »Amazons«, dass der Autor darin »alle Bremsen rausgenommen hat.« Lethem erzählte der »New York Times«, er habe »Amazons« einmal zu einer Autogrammstunde DeLillos mitgenommen. Der Meister habe ungerührt gesagt: »Das unterschreibe ich nicht«.

Im Buchhandel war »Amazons« längst vergriffen. Für antiquarische Exemplare wurden hohe Summen geboten. Doch dieser Markt dürfte nun zusammenbrechen, denn überraschenderweise hat DeLillo einer Neuauflage zugestimmt. Das berichtete Alexandra Alter jetzt in der »New York Times« – der Artikel  hat den schönen Untertitel »You're welcome« – »Gern geschehen«.

Offenbar gab es im Februar ein Mittagessen bei DeLillos, bei dem dessen langjährige Lektorin Nan Graham und die befreundete Schriftstellerin Dana Spiotta zu Gast waren. DeLillos Ehefrau Barbara Bennett habe demnach bis weit nach Mitternacht in »Amazons« gelesen und gelacht. Kurz nach dem Lunch riefen Graham und DeLillos Agentin Robin Straus bei dem Schriftsteller an und fragten, ob er sich eine Neuauflage vorstellen könne. Früher habe er dies stets abgelehnt, so Straus in dem Zeitungsbericht. Doch nun habe er geantwortet: »Ach, was zur Hölle, warum nicht!«

Allerdings wird auch die Neuauflage nicht unter dem Namen Don DeLillos veröffentlicht werden. Es bleiben Cleo Birdwells Memoiren. Allerdings, so berichtet es die »New York Times«, wird es auf der Mottoseite des Buches die Abbildung einer Visitenkarte geben, die DeLillo gern verteilt. »I don't want to talk about it – Don DeLillo« steht darauf. Die »New York Times« erhielt auch eine solche Karte, als sie DeLillo um ein Statement zur Neuauflage bat.

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