Entscheiden, ob man recht haben oder gewinnen will – das sagt Grünen-Chef Felix Banaszak. Donnerwetter: Die Wahl des Superrealos Cem Özdemir in Baden-Württemberg wirkt tief in die Partei hinein. So tief, dass es an ihre Wurzeln rührt.
Denn Banaszak ist so zu verstehen: Wer nur recht behalten will, verliert schnell den Kontakt zur Wirklichkeit; wer nur gewinnen will, verliert womöglich sich selbst. Die Grünen, neu herausgefordert von zwei Zumutungen.
Banaczaks Verweis auf „Respekt für Tradition, Stolz und Identität“ ist dabei weniger ein Kurswechsel als eine Erinnerung an das Wesen von Politik. Wer wirken will, muss anschlussfähig sein.
Politik darf nicht den Ton pädagogischer Überlegenheit anschlagen, wenn sie Mehrheiten sucht. Moralische Gewissheit ersetzt keine gesellschaftliche Verankerung.
Politik ohne moralischen Kompass wird beliebig; Politik mit zu viel moralischem Eifer wird belehrend. Die Kunst liegt dazwischen.
Stephan-Andreas Casdorff
Und doch: Ganz ohne Moral wird es nicht gehen. Die großen Konflikte unserer Zeit – Klima, Ungleichheit, Machtkonzentration – sind ja nicht wertneutral. Sie verlangen normative Entscheidungen. Wer schädliche Machtverhältnisse angreifen will, argumentiert notwendig moralisch.
Die Frage ist darum nicht, ob die Grünen moralisch sein dürfen, sondern wie. Moralisierung von Lebensstilen erzeugt Widerstand, weil sie den Alltag der Menschen bewertet. Moral im Großen hingegen kann verbinden, dort, wo es um Strukturen, Regeln und Fairness geht.
Nüchterner im Ton und mit mehr Respekt
Ein Abschied vom „dauerhaften Kulturkampf“ klingt da plausibel. Bloß ist er einfacher gefordert als vollzogen. Kulturkämpfe entstehen nicht allein aus Übertreibung, sondern auch aus tatsächlichen Spannungen. Wer das nicht will, muss erklären, wie Konflikte sonst ausgetragen werden sollen. Ein nüchternerer Ton, mehr Respekt – gut. Aber auch Klarheit darüber, wofür man steht.
Die Grünen haben ihren Aufstieg nicht zuletzt einer starken moralischen Erzählung zu verdanken. Sie gab Orientierung in einer komplexen Welt. Wenn sie diese Erzählung nun neu justieren, darf sie doch nicht entkernt werden.
Politik ohne moralischen Kompass wird beliebig; Politik mit zu viel moralischem Eifer wird belehrend. Die Kunst liegt dazwischen: Haltung zeigen, ohne zu bevormunden; Konflikte benennen, ohne sie zu eskalieren.
Am Ende ist das kein Widerspruch, sondern ein Balanceakt. Recht haben und gewinnen – beides ist möglich, wenn Moral kein Selbstzweck ist, sondern ein Mittel, Vertrauen zu schaffen. Auch das will gewonnen werden.

vor 2 Stunden
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