Als Arminia Bielefelds Pokalheld Marius Wörl nach dem sensationellen 2:1-Erfolg über Doublesieger Bayer Leverkusen vor das ARD-Mikrofon trat, war der 20-Jährige kaum zu verstehen. »Was hier los ist, so ein Hexenkessel«, rief Wörl gegen Trommeln und Sprechchöre an. »Überragende Stimmung.«
Tatsächlich hatte die Bielefelder Alm gerade bewiesen, dass die Phrase »der Pokal hat seine eigenen Gesetze« keine Floskel sein muss. Schließlich hatte der Drittligist mittelbar davon profitiert, dass der DFB-Pokal Mannschaften unterhalb der zwei Bundesligen in jeder Runde einen kleinen Vorteil mit auf den Weg gibt: das Heimrecht gegen höherklassige Gegner.
Gut 27.000 Zuschauer fasst die traditionsreiche Arena, der Ex-Bundesligist verfügt über eines der größten Stadien der dritten Liga. Vor dieser Kulisse warf die Arminia nacheinander fünf höherklassige Teams aus dem Pokal: zunächst Zweitligist Hannover 96, dann die Bundesligisten Union Berlin, SC Freiburg, Werder Bremen. Und nun: Bayer Leverkusen, den Doublesieger der Vorsaison.

Die Fans im Rücken: Bielefelder Jubelszenen
Foto: Thilo Schmuelgen / REUTERSFreilich kann der bloße Heimvorteil den historischen Siegeszug der Arminia nicht allein erklären. Erst zum vierten Mal tritt eine drittklassige Mannschaft zum Endspiel in Berlin an, zuletzt war das Union im Jahr 2001 gelungen. Nie zuvor räumte ein derart krasser Außenseiter dabei so viele Bundesligisten aus dem Weg. Trotzdem trägt die Alm ihren Teil bei zu einer Erfolgsserie, die mit bloßem Zufall wenig zu tun hat.
48 Prozent Ballbesitz hatte Bielefeld im Spiel gegen Bayer 04, gegen Bremen und Freiburg sahen die Statistiken ähnlich aus. Auch das Chancenverhältnis gestaltete die Arminia jeweils nahezu ausgeglichen, keiner der Siege folgte dem Schema »Mauertaktik plus Lucky Punch«. Gegen Leverkusen bog die Arminia gar einen Rückstand um.
Stumpf ist Trumpf
Ein Faktor dabei: Ein Heimspiel garantiert dem Außenseiter nicht nur lautstarke Unterstützung von den Rängen. Es erlaubt der Arminia auch, die Platzqualität in einem Rahmen zu halten, der es individuell überlegenen Mannschaften erschwert, den eigenen Spielstil durchzuziehen. »Ich glaube, wir müssen uns einen Ascheplatz bauen«, hatte Trainer Mitch Kniat bereits Wochen vor Anpfiff angekündigt.
Ganz so staubtrocken wurde es gegen Leverkusen zwar nicht. Trotzdem reizte die Arminia ihre Möglichkeiten aus: Weil die DFB-Regularien das Wässern des Rasenplatzes nur auf den Kalendertag genau vorschreiben, entschieden sich die Bielefelder dazu, der Vorschrift früher am Tag nachzukommen – nicht aber direkt vor dem Spiel. So trocknete der Rasen, war abends stumpf und langsam.
Solche Platzverhältnisse sind Gift für das Leverkusener Kombinationsspiel, hindern den energieintensiven Umschaltfußball der Arminia aber kaum. »Da muss der DFB eine Strafe machen«, echauffierte sich Leverkusens Geschäftsführer Fernando Carro. »Das geht nicht. Das kann man nicht akzeptieren.«
Bielefelds Sportchef Michael Mutzel antwortete so trocken wie die Platzverhältnisse: »Wir machen das in keinem Ligaspiel. Warum sollen wir das heute machen? Dann haben wir ja einen Nachteil, wenn wir den Platz wässern.«
Im Berliner Olympiastadion am 24. Mai wird der Faktor Alm entfallen. Es bleiben den Bielefeldern ihr Einsatzwille, ihre Ausdauer, ihr gut organisiertes Kollektiv.
Dazu kommen vereinzelt brillante Momente wie die von Wörl. Der war zu Saisonbeginn per Leihe aus Hannover gekommen, um Spielpraxis in der dritten Liga zu sammeln. Inzwischen ist der Mittelfeldspieler Topscorer des Pokals, traf dreimal und legte drei Tore vor.
Einen Wunschgegner für das Endspiel, Stuttgart oder Leipzig, hat er nicht: »Wer kommt, der kommt«, sagt Wörl. »Es wird wieder ein Bundesligist, von dem her: ist egal.«