Deutsches Tennis: Kein »Stallgeruch«, keine künftigen Erfolge? DTB im Kreuzfeuer von Boris Becker

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Boris Becker redete sich in Rage. »Es gab Zeiten, da haben Spieler in diesem Alter Grand Slams gewonnen, jetzt freuen wir uns, wenn ein 19-, 20-Jähriger in die Nähe der ersten 100 kommt«, sagte das deutsche Tennisidol und ließ eine rhetorische Frage folgen: »Haben sich auch unsere Ansprüche verlagert?« Einmal in Fahrt, zweifelte der 58-Jährige auch die sportliche Führung des Deutschen Tennis Bundes (DTB) an.

Eine düstere Gegenwart und unrealistische Zukunftserwartungen: Im Podcast »Becker Petkovic«  (mit der Ex-Spielerin Andreas Petkovic), in dem auch Ex-Bundestrainerin Barbara Rittner kritische Töne anschlug, wählte der sechsmalige Grand-Slam-Champion deutliche Worte zur Beschreibung des deutschen Tennis.

Und rief mit seiner Kritik im Verband zumindest teilweise Verwunderung hervor.

 »Finde es bedauerlich«

Deutsche Tennishoffnung Eva Lys: »Finde es bedauerlich«

Foto: Juergen Hasenkopf / IMAGO

»Ich finde es bedauerlich, dass ein Gesprächsangebot des DTB im Vorfeld des Podcasts nicht genutzt worden ist und dass keiner der aktuell verantwortlichen Bundestrainer in die Diskussion eingebunden wurde, sondern stattdessen auf eine suboptimale Informationsbasis zurückgegriffen wurde«, sagte DTB-Sportvorstand Veronika Rücker, 55. »Ich finde es auch schade, dass die herausragenden Erfolge der letzten zwei Jahre keinerlei Berücksichtigung gefunden haben. Das ist nicht gerade motivierend für unseren Nachwuchs.« Konstruktive Verbesserungsvorschläge habe sie leider nicht vernommen.

Dürre im Spitzenbereich

Es ist nicht das erste Mal, dass Becker den Zustand des deutschen Tennis bemängelt. Schon 2025 kritisierte er im SPIEGEL die angeblich mangelnde Leistungsbereitschaft im Nachwuchs.

Ausgehend von der aktuellen Dürre im Spitzenbereich hinter Alexander Zverev holte Becker im Podcast zu einer Generalkritik aus und stellte dabei auch die Expertise von Rücker infrage. An der Verbandsspitze brauche es »Menschen, die wirklich den Stallgeruch haben, die wissen, wie international trainiert wird«, forderte er. Er selbst hatte 2020 seine Aufgabe als Head of Men's Tennis im DTB aufgegeben. Rittner, die den DTB im Februar 2024 nach 19 Jahren nicht geräuschlos verlassen hatte, zweifelte zudem die Zielsetzungen im Strategiepapier »TennisDeutschland 2032« an.

 »Kein Wunschkonzert«

Ex-Spielerin Andrea Petković (l.) und die ehemalige Bundestrainer Barbara Rittner: »Kein Wunschkonzert«

Foto: Marcus Brandt / dpa / picture alliance

Die aktuelle Lage will man beim Verband nicht schönreden. »Die Breite, die wir im Profibereich gerne hätten, haben wir aktuell nicht«, gestand Rücker. Das derzeit laufende Masters in Miami passt ins triste Bild. Bevor Zverev nach einem Freilos in der ersten Runde überhaupt ins Turnier eingreifen durfte, waren schon fast alle Deutschen ausgeschieden. Hoffnungsträgerin Eva Lys und die restlichen Frauen ebenso wie Jan-Lennard Struff und Co. im Männer-Hauptfeld.

Die Ursache für die aktuelle Lage, betonte Rücker, liege in der Vergangenheit. Eine Vergangenheit, die auch Becker und Rittner mitgestaltet haben.

Nun ist Rücker in der Verantwortung und verteidigt die ambitionierte Zielsetzung des Verbandes. Jeweils acht bis zehn Spielerinnen und -Spieler will der DTB bis 2032 in den Top 100 haben, zudem zwei Olympiamedaillen einheimsen. Willkürliche Zahlen, wie Rittner findet. Es sei schließlich »kein Wunschkonzert«, sagte die einstige Nummer 24 der Welt. Rücker gab sich »überrascht« angesichts der harschen Kritik, »weil Barbara Rittner bei der gesamten Konzepterstellung dabei und bis zu ihrem Ausscheiden aus dem DTB auch in jeder Strategiesitzung intensiv eingebunden war.«

Tatsächlich gibt es auch Gründe für Optimismus, zum Beispiel im Nachwuchs. Max Schönhaus und Niels McDonald (beide 18) standen sich im vergangenen Juniorenfinale der French Open gegenüber, der gleichaltrige Justin Engel sorgt bereits bei den Profis für Furore und auch bei den Frauen machen Julia Stusek, 17, und Co. Hoffnung. Doch der Übergang vom Jugend- in den Profibereich gestaltet sich derzeit schwierig.

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