Deutsch-ukrainische Regierungskonsultationen: Merz und Selenskyj verkünden "strategische Partnerschaft"

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Bei Verteidigung, Wiederaufbau und Kultur wollen Deutschland und die Ukraine enger zusammenarbeiten. Kanzler und Präsident trafen sich zu Gesprächen in Berlin.

Aktualisiert am 14. April 2026, 13:21 Uhr

 Bundeskanzler Friedrich Merz hat den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj und seine Minister in Berlin empfangen.
Bundeskanzler Friedrich Merz hat den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj und seine Minister in Berlin empfangen. © Ebrahim Noroozi/​dpa

Die Ukraine und Deutschland wollen ihre bilaterale Zusammenarbeit auf die Ebene einer strategischen Partnerschaft heben. Das kündigten Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj nach Regierungskonsultationen im Kanzleramt an. "Wir wollen, und zwar noch mehr als in der Vergangenheit, voneinander lernen und in unsere gemeinsame Zukunft investieren", sagte Merz bei einer Pressekonferenz.

"Wir wünschen uns eine souveräne und demokratische Ukraine als einen kraftvollen Partner in einem freien, sicheren und wohlhabenden Europas", sagte Merz. Für die gemeinsame Zusammenarbeit werde ein Schwerpunkt auf die Verteidigung gelegt: "Wir sind Partner für ein sicheres Europa." Dafür sei unter anderem eine Vereinbarung über einen Austausch von digitalen Gefechtsdaten zur Entwicklung neuer Waffensysteme unterschrieben worden. Europa könne von der kampferprobten Armee der Ukraine lernen.

Dafür wolle Deutschland auch weiter das Ziel verfolgen, dass die Ukraine der EU beitreten könne. Das nannte Merz einen "strategisch wichtigen Schritt für mehr Sicherheit und für mehr Wohlstand in Europa". Deshalb ermutige Deutschland die Ukraine zu weiteren Reformen, etwa in der Bekämpfung der Korruption. Es gehe um einen "Heranführungsprozess" der Ukraine an eine EU-Mitgliedschaft. "Am Ende muss eine feste Einbindung der Ukraine in die Europäische Union stehen." Dafür müssten "beide Seiten" noch Aufgaben erledigen.

Wirtschaftliche und kulturelle Zusammenarbeit

Zudem wollen Deutschland und die Ukraine Merz zufolge in der wirtschaftlichen Entwicklung kooperieren. "Wir werden sehr eng bei Digitalisierung zusammenarbeiten und auch die Modernisierung staatlicher Dienstleistungen dabei in den Blick nehmen", sagte er. Er werde eine Arbeitsgruppe zu Wirtschaft und Handel eingerichtet. Auch beim Wiederaufbau solle enger zusammengearbeitet werden.

Dafür sei unter anderem eine "Vereinbarung zum industriellen Wiederaufbau" unterschrieben worden. Auch im Bereich der Landwirtschaft, der Wasserstoffinfrastruktur und kritischer Rohstoffe solle enger zusammengearbeitet werden. Im Rahmen der europäischen Unterstützung der Ukraine will Merz zudem "auch schnell das im Dezember vereinbarte EU-Darlehen für die Ukraine auf den Weg bringen". Dies werde nach dem Regierungswechsel in Ungarn möglich. Schließlich solle auch im Bereich der gesellschaftlichen Verbindungen enger kooperiert werden. Dafür sei unter anderem ein deutsch-ukrainisches Kulturjahr 2027/2028 vereinbart worden.

Merz zufolge wollen Deutschland und die Ukraine auch enger zusammenarbeiten, "um ukrainischen Staatsbürgern, die bei uns Zuflucht gefunden haben, die Rückkehr in ihre Heimat zu erleichtern. Wir haben erneut deutlich gemacht, dass wir die Bemühungen der Ukraine, die Ausreisen ukrainischer Männer im wehrfähigen Alter zu reduzieren, unterstützen", sagte Merz.

Selenskyj betont gemeinsame Verteidigung

Selenskyj nannte das Treffen "besonders" und betonte noch einmal, dass Deutschland "Partner Nummer eins" bei der Verteidigung seines Landes sei. Es sei von großer Bedeutung für die Ukraine, dass Deutschland ein stabiler Partner bleibe. Es gebe bereits zehn Vereinbarungen zwischen beiden Ländern, die sich unter anderem auf den militärischen Bereich erstreckten. Sie beinhalteten unter anderem die Lieferung von Raketen und Abwehrsystemen.

Der ukrainische Präsident kündigte an, dass die Ukraine und Deutschland auch gemeinsam an der Verteidigung Europas arbeiten wollen. "Es geht um Mittel der modernen Verteidigung", sagte er. "Unsere Erfahrungen können in das europäische Sicherheitssystem eingehen." Aktuell werde an einem Drohnendeal zwischen Deutschland und der Ukraine gearbeitet, sagte Selenskyj. "Es wird der größte Deal seiner Art in Europa werden." Die Ukraine könne aktuell doppelt so viel Rüstungsgüter herstellen wie sie selbst brauche. Doch für die Herstellung solcher Mengen brauche es zusätzliche Finanzierung, welche von der EU kommen müsse.

Die Ukraine und die EU arbeiteten auch bei der Sicherheit ihrer Energieinfrastruktur zusammen, sagte Selenskyj. Es sei wichtig, dass sich europäische Unternehmen am Wiederaufbau ukrainischer Infrastruktur beteiligten, sagte er. Ziel sei es, bis zum nächsten Winter eine wirkungsvolle Verteidigungsinfrastruktur für die Energie der Ukraine etabliert sei. Obwohl in den vergangenen 20 Jahren keine Konsultationen stattgefunden hätten, werde schon lange zusammengearbeitet. "Die nächsten Konsultationen finden hoffentlich bald statt, nicht erst in 20 Jahren, und in Friedenszeiten", sagte Selenskyj.

Mehrere Abkommen unterschrieben

Im Rahmen der Pressekonferenz wurden zwei Vereinbarungen unterschrieben. Zunächst unterzeichneten die beiden Verteidigungsminister, Mychajlo Fedorow und Boris Pistorius (SPD) ein Abkommen zur Kooperation im Verteidigungsbereich. Danach unterschrieben Bundesentwicklungsministerin Reem Alabali-Radovan (SPD) und der ukrainische Minister für Wirtschaft, Umwelt und Landwirtschaft, Oleksi Sobolew, ein Abkommen über den Wiederaufbau der Ukraine.

Der Besuch Selenskyjs und mehrerer seiner Minister in Berlin war aus Sicherheitsgründen zuvor nicht angekündigt worden. Selenskyj wurde mit militärischen Ehren in der Hauptstadt begrüßt und kam dann mit dem Bundeskanzler zu Gesprächen im Kanzleramt zusammen.

Zuletzt hatte sich auch die europäische Unterstützung der Ukraine als immer schwieriger erwiesen. Wegen eines Vetos des bisherigen ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán waren die Milliardenhilfen der EU für die Ukraine blockiert. Die Bundesregierung hofft nach der Wahl in Ungarn und dem Ende der Ära Orbán auf eine schnelle Freigabe unter Péter Magyar.

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