Filmklassiker „Wanda“: Ist das ein feministischer Meilenstein?

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Schleichend ist der Gang dieser Verlorenen, ob durch die Weiten der schwarzen Kohleberge East Pennsylvanias, ob zum Termin in den Gerichtssaal, bei dem ihr das Sorgerecht ihrer Kinder entzogen werden soll, ob in das Büro ihres Chefs, der sie aus der Textilfabrik entlassen wird und dem sie nichts entgegenzusetzen hat. Seltsam wehr- und teilnahmslos ergibt sie sich der Serie an Missbilligungen von Männern, die sie ausnutzen, kommandieren oder verlassen.

Wanda, das ist eine Anti-Heldin der Kinogeschichte, deren irritierend zielloser Existenzdrift durch die Randzonen der amerikanischen Gesellschaft der Siebzigerjahre jedes Befreiungsversprechen radikal verweigert – und dennoch als „Meilenstein der feministischen Filmgeschichte“ angesehen wird. Barbara Lodens erster und einziger Langspielfilm stellt den amerikanischen Traum auf die Probe.

Bei der Premiere auf den Filmfestspielen in Venedig 1970 konnte „Wanda“ den Kritikerpreis gewinnen, danach wäre er fast vergessen worden. In den amerikanischen Kinos lief der Film nur kurz. Einige Kritiker waren von dem besonderen Porträt weiblicher Existenz in den Bann gezogen, andere hingegen echauffierten sich über die Ziellosigkeit der Protagonistin. Pauline Kael, Filmkritikerin des „New Yorker“, sah sich veranlasst, geradezu vernichtend in ihrem Urteil zu werden, bezeichnete die Protagonistin Wanda als „ignorant slut“ – und spiegelte damit die Enttäuschung einer feministischen Generation. Nun wird der Film erstmals systematischer in ausgewählten deutschen Programmkinos gezeigt und ermöglicht eine abermalige Auseinandersetzung mit Vorstellungen weiblicher Emanzipation.

Das Ungeschönte einer Randexistenz

Mit „Wanda“ wollte Loden die Antithese zu Filmen schaffen, in der die blendende Schönheit von Personal und Kostümen die Abgründigkeit und Verzweiflung der eigentlichen Lebensverhältnisse verdeckt. Loden führt in diesem Film nicht nur Regie, sondern spielt auch die Hauptrolle der titelgebenden Figur „Wanda“. Wenn sie Schönheit und Perfektion als ästhetische Prinzipien verwirft, da sie Machtverhältnisse nicht sichtbar machen können, dann schwingt im Subtext die Beziehung zu ihrem Ehemann, dem Filmregisseur Elia Kazan, mit. Lange Zeit war Loden die blonde Schönheit an Kazans Seite und spielte – immerzu Nebenrollen – in seinen erfolgreichen Filmen mit. Kazan verhinderte aktiv größere Einsätze seiner Frau.

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Lodens „Wanda“ hingegen will schonungslos das Ungeschönte einer Randexistenz darstellen: Wanda ist eine mittellose Frau aus dem Subproletariat des verarmten, amerikanischen Hinterlands. Sie verlässt Mann und Kinder, indem sie der Scheidung vor Gericht zustimmt, leise und scheinbar ungerührt. So sehr ihre Flucht nun einen emanzipatorischen Akt darstellen könnte, so sehr fangen die realen Verhältnisse sie sogleich wieder ein.

Dass ihre Bewegung in Richtung Freiheit keine große Aussicht auf Erfolg hat, wird eindrucksvoll durch das Kamerabild suggeriert, das nun aufzieht: Inmitten der schwarzen Weite der Kohleberge wird Wanda in ihrem weißen Kleid immer kleiner, wirkt verloren. Die Schauplätze des Films, die in Wandas ziellosen Streifzug gezeigt werden, haben einen beeindruckenden dokumentarischen Charakter und spiegeln gleichzeitig die soziale Verwahrlosung.

Eine Zeit der gesellschaftlichen Umbrüche

Es sind amerikanische Nicht-Orte, die ihren Auftritt haben: die öde Weite des Kohleabbaugebiets, heruntergekommene Motels, Parkplätze, die an verlassene Brachen grenzen, überdimensionierte Shopping Malls. Nach einer Serie an Begegnungen mit Männern, die immer nur kurzfristig auf ihren Körper aus sind, trifft sie auf Mr. Dennis, einen Kleinkriminellen, mit dem sie ihren Streifzug für eine Weile gemeinsam fortsetzt. Doch auch diese Beziehung mit dem nervösen Charakter ist geprägt von Missbrauch, Kommandos, Unfreiheit – und doch, das macht den Film radikal, bindet die beiden etwas aneinander: ob es vielleicht doch Nähe oder einfach ihre perspektivlose Depravation ist, bleibt in der Schwebe.

1970 war eine Zeit der gesellschaftlichen Umbrüche, die auch nicht vor Hollywood halt gemacht haben. „Wanda“ wird gerne dieser Entwicklung zugerechnet, dem New Hollywood, das die Anti-Helden auf die Leinwand gebracht hat (allen voran „Bonnie & Clyde“ werden häufig als Referenz für den Film herangezogen). Aber Loden versucht mit „Wanda“ eine Sprache zu finden, die noch viel stärker an die komplexe, schwer zu greifende Erfahrung der weiblichen Existenz heranreicht.

Wanda repräsentiert nicht ein Narrativ eines Aufbegehrens, sondern existiert inmitten der ausbeuterischen Verhältnisse, ohne Lösungen zu präsentieren. Die nahe, bewegliche Kamera entwickelt, mit Anleihen des „direct cinema“, eine Solidarität für Wanda, ohne ihre Verlorenheit jemals zu beschönigen. Diese Schwebe aus Intimität und unaushaltbaren Umständen erfahrbar zu machen, ist das Werk einer leisen, unbequemen Rebellin, als die sich Loden mit der Existenz Wandas emanzipiert.

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